<iframe title="GTM" src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Übersetzer

Manches klärt Freund George

Von Magali Röhrich, Wilhelm-Hausenstein-Gymnasium, München
 - 14:45

Günter Ohnemus wollte Arzt werden, bis er merkte, dass er kein Blut sehen konnte. Hätte man ihn mit 19 nach seinem Berufswunsch gefragt, wäre die Antwort „Lektor bei Suhrkamp“ gewesen. Er wurde Übersetzer und Schriftsteller. Ohnemus lebte einige Zeit in Schottland, wo er viel von Richard Brautigan las, der in Deutschland noch fast unbekannt war. Eines der Bücher von Brautigan habe er einem Freund geschenkt, der hellauf begeistert zu ihm gekommen sei: „Das ist toll! Warum übersetzt du das nicht? Du hast genau die richtige Stimme dafür.“ Eine gute Übersetzung muss nicht jedes Wort in seiner exakten Bedeutung wiedergeben, sondern vor allem auch den Ton, den ganz eigenen Stil des Originaltextes treffen. So kam es, dass er einige Jahre später, als er zurück in Deutschland war, begann, Brautigans Werke zu übersetzen. Ganz besonders am Herzen lag Ohnemus das Werk „The Abortion“. Doch er fand keinen Verlag, der bereit war, das Buch zu verlegen. „Dann haben wir einen Verlag gegründet, nur um diese Bücher zu machen“, sagt er lachend. Seine Frau Ilse fungierte als seine Lektorin. Er hat sich dann die Rechte von Richard Brautigan, den er „Richie“ nennt, geholt. Das hat zwar gedauert, aber letztendlich ist er erfolgreich gewesen. Den „Verlag Günter Ohnemus“ gab es sieben Jahre lang, bis Eichborn ihn mitsamt allen Rechten aufkaufte. „Das war schon schmerzlich, gleichzeitig war es auch eine Befreiung. Die Rechnung, die wir gemacht hatten, war, dass die Bücher, die wir machen, die nächsten Bücher finanzieren.“ Doch diese Rechnung sei nicht aufgegangen. Ohnemus musste Geld, was er etwa beim Rundfunk verdiente, wo er parallel als freier Mitarbeiter für die Literatur- und Musiksendung „Pop Sunday“ arbeitete, in den Verlag stecken. Das wollten er und seine Frau dann irgendwann nicht mehr.

Was joystick heißt, wusste sie nicht

Der 72-Jährige übersetzt nicht nur Bücher aus dem Englischen, für die es noch gar keine deutsche Übersetzung gibt, auch Neuübersetzungen macht er häufiger. „Wenn du ein Buch übersetzt, das schon übersetzt worden ist, dann schaust du vielleicht ein- oder zweimal in die Übersetzung rein, weil es gibt ja Stellen, die etwas unklar sind, und dann merkst du: ah, der oder die, die waren da auch ratlos“, erklärt er mit einem Schmunzeln. Tja, aber was tun, wenn man wirklich mal ratlos vor einer Textstelle sitzt und nicht weiterweiß? In solchen Fällen schreibt er den Originaltext fett hervorgehoben in seine Übersetzung. Sobald einige solcher Stellen zusammengekommen sind, schickt er sie – heute per E-Mail, früher noch per Post – an seinen amerikanischen Freund George, der ihm dann erklärt, wie sie zu verstehen sind. Fehler passieren natürlich trotzdem, das lässt sich nie ganz vermeiden. So sei ihm ein kleiner Fehler bei einer Hemingway-Übersetzung aus den 50er Jahren aufgefallen. Im Originaltext war von „joystick“ die Rede, was auf Deutsch so viel wie „Steuerknüppel“, in diesem Zusammenhang beim Flugzeug, heißt. Die Übersetzerin kannte den Begriff nicht und übersetzte ihn wörtlich mit „Liebesstängel“. Am schwierigsten ist es, wenn in einem Roman oder einer Kurzgeschichte Begriffe verwendet werden, die in Deutschland nicht geläufig sind. Heute sei dieses Problem beim Übersetzen aus dem Amerikanischen nicht mehr so ausgeprägt, da wir Amerika sehr nahestünden, meint Ohnemus, aber früher hätte man zum Beispiel nicht gewusst, was ein „Pick-up“ sei, da es diese Art von Auto hier einfach nicht gegeben habe. Das macht es zu einer Herausforderung für den Übersetzer, dem Leser zu vermitteln, was gemeint ist. Wirklich verzwickt wird es, wenn Wortspiele aus dem Original nicht ins Deutsche übertragbar sind. „Wenn an einer Übersetzung etwas komisch klingt, dann liegt es meist am Übersetzer und nicht am Autor.“

Da ist alles drin, was das Leben ausmacht

Wenn man Günter Ohnemus jedoch fragt, ob er lieber übersetzt oder schreibt, fällt die Antwort ganz entschieden aus: „Ich schreibe lieber selber.“ Aber die Übersetzungen hätten ihn geprägt. „Ohne Richard Brautigan wäre ich nicht der Schriftsteller, der ich bin, also ich würde möglicherweise gar nicht schreiben oder anders. Nachträglich kann ich sagen, gibt es für Schriftsteller fast keine bessere Schule, als zu übersetzen.“ Woher die Inspiration und die Ideen für seine Geschichten kommen, sei schwer zu sagen. „Du schreibst ja an so einem Buch... gerade, wenn du älter bist ... da ist alles drinnen, was dein Leben ausmacht. Es beschäftigen mich in den 72 Jahren, die ich jetzt auf der Welt bin, ja unheimlich viele Dinge, die alle irgendwo da sind. Und aus diesem Wust oder Kosmos da oben kommen ab und zu irgendwelche Sternschnuppen. Einfach so.“ Diese Sternschnuppen werden dann nach und nach zu einer Erzählung, von der Günter Ohnemus am Anfang selbst nie weiß, wie sie ausgehen wird. „Das ist schon spannend und unter anderem das Tolle am Schreiben, dass du morgens wirklich gespannt bist, was jetzt passiert. Wenn ich schreibe, bin ich glücklich.“ Intensiv schreibt er maximal vier Stunden am Tag. Mehr gehe nicht. Danach sei das, was er aufs Papier bringe, nicht mehr gut. „Was du dann machst, du machst dir irgendwelche Notizen und gehst am nächsten Tag dran, aber nach vier Stunden bist du eigentlich völlig leer im Kopf.“ Um seine Kräfte zu regenerieren, setzt sich Günter Ohnemus in den Zeiten, in denen er an einem Buch schreibt, jeden Abend nach der Arbeit ungefähr eine halbe Stunde ins Wohnzimmer, hört Musik und macht sonst nichts. „Dann schlafft das so langsam ab, und dabei kommen noch unheimlich viele Rohideen für den nächsten Tag.“ Das sei so zum Ritual geworden, dass seine Frau Ilse es schon mit einem Augenzwinkern als seine „schwarze Messe“ bezeichne.

Am Anfang bist du sehr romantisch und schreibst nachts

Günter Ohnemus schreibt in seinem Arbeitszimmer. Als das Paar von München nach Freising umgezogen ist, da hätte er schon ein kleines bisschen Angst gehabt. „Ich habe wirklich Angst gehabt, dass ich in Freising nicht schreiben kann. Ich hab gesagt, das kann ich nicht in diesem Nest, das geht nicht, ich brauche eine große Stadt um mich. Aber es ging dann doch.“ Ohnemus arbeitet zu bestimmten Tageszeiten. „Am Anfang, wenn du jung bist, bist du natürlich sehr romantisch und denkst, du kannst nur nachts schreiben, inzwischen habe ich rausgefunden, dass meine beste Zeit der Vormittag ist“, erklärt er lachend. Er setze sich zwischen acht und neun Uhr an den Schreibtisch. Die Ideen sind ihm noch nie ausgegangen. „Es gibt ja dieses Phänomen, writer’s block – Schreibblockade. Das kenne ich nicht.“ Was es gebe, das seien Krisen, die das Schreiben blockieren. „Das hat aber nichts damit zu tun, dass dir nichts mehr einfallen würde.“ Als er sein erstes Buch veröffentlicht hatte, sei das „wie ein Wunder“ gewesen. „Das ist ganz, ganz toll.“ Danach lasse die Aufregung zunehmend nach, aber freuen würde er sich selbstverständlich über jede Veröffentlichung. Gleichzeitig muss man auch mit negativer Kritik umgehen können. „Das ist immer eine Verletzung, auch wenn andere Leute etwas anderes sagen.“ Trotzdem, meint Günter Ohnemus, seien die negativen Kritiken nicht das Problem, damit müsse man einfach leben. Mit einem Schmunzeln fügt er hinzu: „Das Schlimme für einen Schriftsteller sind die positiven Kritiken, die schlecht geschrieben sind.“ Für Günter Ohnemus ist Schreiben Kunst, wenn auch eine etwas „unreine“ Kunst, um es mit seinen Worten zu sagen, da Sprache jeder verwende. „Mich hat mal ein junger Schriftsteller gefragt, was ich ihm für einen Rat geben kann. Ich habe gesagt: Ich kann dir keinen Rat geben, das einzige, was ich dir sagen kann, ist: Es gibt keine Nebenarbeiten, egal was du schreibst, du musst immer das Beste geben, was du kannst.“

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenDeutschlandSuhrkampEichborn

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.