Zahntechnik

Prothese per Post

Von Bianca Brönnimann, Kantonsschule Zürcher Oberland, Wetzikon
Aktualisiert am 04.11.2020
 - 17:09
Zwischen Gipsabdruck und der Arbeit mit dem Computer: Zwei Schweizer Zahntechniker über große Umbrüche in ihrem filigranen Handwerk.

Ein saftiges Steak mit den eigenen Zähnen zu essen ist natürlich das Schönste“, sagt Daniel Burri, während er mit zwei Zahnabdrücken in den Händen in den Vorraum seines Labors tritt. Der Anfang jeder Zahnprothese ist ein Gipsmodell. Nachdem Burri die silbernen Löffel mit der pinkfarbenen Masse für den Abdruck bereitgestellt hat, rührt er den Gips an. Es herrscht eine konzentrierte Atmosphäre und eine schwer durchschaubare Ordnung mit all den Fräsaufsätzen und Pinseln in allen Größen, Dosen mit Flüssigkeiten und Pulvern sowie Schubladen voller Materialien. Der 59-Jährige ist Zahntechniker in seinem hauseigenen Dentallabor in Wetzikon. Nach seiner vierjährigen Lehre arbeitete er einige Jahre in einem Großlabor, bevor er sich selbständig machte. Geübt gießt Burri die Gipsmasse auf einem kleinen vibrierenden Tisch in den Abdruck, so dass sie sich gleichmäßig verteilen kann. Als er die Löffel zum Trocknen stellt, klingelt es: Der Anrufer vereinbart, dass er sein Gebiss vorbeibringt, das gebrochen ist. „Der Konkurrenzkampf zwischen den verschiedenen Zahntechnikern ist hoch, es gibt ja immer weniger Arbeit für uns.“ Grund dafür sei die Digitalisierung. „Wäre ich zehn Jahre jünger, wäre ich auch auf den Zug von computergestützten Fräsen und 3D-Druckern aufgestiegen.“

Effizientere Zusammenarbeit mit Praxen

Einer, der diesem Trend folgte, ist Christoph Möschli. Er ist Inhaber eines Zahnlabors in Basel mit sechs Technikern. Seit Anfang der 2000er-Jahre arbeiten sie mit computergestützten Programmen zur Fertigung von zahntechnischen Restaurationen. „Der digitale Workflow ist für unser Tagesgeschäft von großer Bedeutung und wird immer wichtiger“, sagt Möschli. Rund 80 Prozent aller Arbeiten, die sein Labor verlassen, wurden mit CAD/CAM-Unterstützung gefertigt. Manuelles Modellieren finde so gut wie gar nicht mehr statt. Die Vorteile liegen für ihn auf der Hand: bessere Passgenauigkeit, einfachere Verarbeitung, geringere Kosten, effizientere Zusammenarbeit zwischen Labor und Praxis. Die Behandlungen werden schonender, und es sind weniger Sitzungen erforderlich. Da sich dieses höhere Qualitätsniveau als Standard etabliert, sind auch kleinere Praxen und Labore gezwungen, in die neuen Technologien zu investieren.

Mit Fräse und weißem Wachsblock

In Wetzikon ist der Gips getrocknet. Geschickt versucht Burri nun, den Abdruck aus den Löffeln zu lösen, ohne dass einzelne Zähne abbrechen. „Nach so vielen Jahren Erfahrung passieren mir solche Fehler kaum noch.“ Er holt einen weißen Wachsblock, schraubt einen silbernen, dünnen Aufsatz auf die blaue Fräse und schließt den Erwärmer am Strom an. Um nun das Käppchen aus Wachs zu modellieren, das auf den abgeschliffenen Zahn kommt, steckt er den auf der Fräse angebrachten, metalligen Aufsatz immer wieder in den Erwärmer. Dadurch erhitzt sich der Aufsatz und erleichtert so das Ablösen des Wachses vom Block. Das Wachskäppchen ist nun getrocknet. Er befestigt es an einem grünen Wachsdraht in einer runden, feuerfesten Form, damit das Käppchen in der Form „schwebt“. Danach füllt er die Form mit einer ebenfalls feuerfesten, weißen Masse auf. Alles muss in den Ofen: So schmilzt das Wachs, aus der feuerfesten Masse entsteht eine Gussform für das Metall. Burri besucht laufend Weiterbildungskurse. Aus dem traditionellen Handwerk werde bald eine nur noch am Laptop erfolgende, digitale Arbeit. „In 20 Jahren kann ich dann mit dem Handy ein Bild von meinen Zähnen machen, einschicken und am nächsten Tag kommt die Prothese per Post. Doch dann bin ich längstens in Pension“, sagt Burri und lacht.

Quelle: F.A.Z.
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