Geschichte des U-Boots

Leichenschmaus bei Tiffany

Von Rolf-Bernhard Essig
27.11.2016
, 08:50
150 Jahre altes U-Boots „Sub Marine Explorer“ im Golf von Panama
Perlengier und Wagniskapital ermöglichten vor 150 Jahren das moderne U-Boot. Der Erfolg des ersten Exemplars war nur von kurzer Dauer - wohl wegen einer damals kaum bekannten Krankheit.

Von Julius Hermann Kröhl gibt es vermutlich kein überliefertes Porträt. Und der technische Triumph des Ingenieurs rostet als unheimliches Wrack auf einer Insel vor sich hin. San Telmo oder St. Elmo heißt sie und gehört zum Archipel der Perlen im Golf von Panama. Die Einheimischen behaupteten lange, der Tod drohe jedem, der es betrete. Manche vermuteten, es sei ein japanisches Mini-U-Boot aus dem Zweiten Weltkrieg. In Wahrheit handelt es sich um ein Wunderwerk der Ingenieurskunst des 19. Jahrhunderts. Kröhl baute es für die Perlen- und Perlmutt-Ernte vor Panama.

Vieles weiß man über Julius Kröhl, aber sein Geburtsdatum ist unbekannt. Im ostpreußischen Memel - heute Klaipeda - wurde er mit großer Wahrscheinlichkeit im Jahr 1820 geboren. Mit gewisser Sicherheit studierte er in Berlin, wurde Ingenieur, diente dann, wie es in späteren Militärpapieren heißt, bei der preußischen Artillerie. Im Alter von etwa 24 Jahren folgte er seinem Bruder nach New York. Neben der Hoffnung auf wirtschaftlichen Aufstieg könnte es auch Unzufriedenheit mit den repressiven politischen Umständen in Preußen gewesen sein, die ihn dazu bewegt hatten, denn 1850 trat er in den „Sozialistischen Turnverein“ New Yorks ein. Und schon zuvor hatte er eine linksorientierte Gesinnung gezeigt.

Erste Aufträge in der Eisenverarbeitung

Schließlich baute Kröhl nach einigen Jahren Tätigkeit im Bereich der jungen Photographietechnik einen Eisenverarbeitungsbetrieb auf. Seiner preußischen Hochschulausbildung und seiner unverfrorenen Übernahme fremder Ideen verdankte er erste Aufträge für aufsehenerregende Bauten. Wahrscheinlich kannte er den hochaktuellen Eisenstrebenbau, den man bei der Fertigstellung des Kölner Doms in der komplexen Dachkonstruktion einsetzte - aber eben auch Neuerungen von Konkurrenten, die er bedenkenlos beim Bau eines Feuerwachturms und 1852 beim Dach für den New Yorker Glaspalast nutzte. Strafzahlungen für die Patentrechtsverletzung nahm er hin. Hauptsache, er hatte den Zuschlag bekommen.

Gegen Ende der fünfziger Jahre begann Kröhls Interesse an der Unterwasserarbeit. Er hatte den Auftrag an Land gezogen, gefährliche Felsen aus den Fahrrinnen im Hafenbereich New Yorks zu entfernen - ein kompliziertes und teures Unternehmen, das ihn freilich für seine nächste Stellung besonders qualifizierte.

Als 1861 der amerikanische Bürgerkrieg ausbrach, wurde Kröhl, der sich inzwischen Kroehl schrieb und längst eingebürgert war, Mitglied der Nordstaaten-Marine und dort Spezialist für Über- und Unterwassersprengminen. In der Marine stieß er auf faszinierende Pläne für militärische U-Boote, die auf berühmten Vorläufern beruhten. Schon 1776 waren in den Vereinigten Staaten David Bushnell mit der „Turtle“ und 1800 in Frankreich Robert Fulton mit der „Nautilus“ unter Wasser getaucht. Im Sezessionskrieg baute man auf beiden Seiten mehrere U-Boote, so die „Alligator“ (1861), die „Pioneer“, die „Intelligent Whale“ (1863).

Berühmt wurde die „H. L. Hunley“, die am 17. Februar 1864 als erstes U-Boot ein Schiff im Gefecht versenkte. Vielleicht zeigte sich die Marine deswegen nicht mehr übermäßig interessiert, als Kroehl seine eigenen Konstruktionszeichnungen für ein Unterwasserangriffsfahrzeug präsentierte. Als Torpedo-Fachmann fand er mehr Zustimmung in seiner militärischen Dienstzeit. Eine Malaria-Erkrankung beendete sie.

Alles begann mit der Suche nach Perlen

Hier kommen Tiffany und seine Partner ins Spiel. William Henry Tiffany war einer der Brüder des Juweliers Charles Lewis Tiffany und damals sein Teilhaber. Auch den Bruder faszinierte Schönes, besonders Perlen. Der eingewanderte Ingenieur Kroehl unterbreitete ihm Ende 1863 eine Idee: Man könnte viel länger und effizienter als die besten menschlichen Perlentaucher nach Muscheln tauchen, wenn man ein Unterwasserfahrzeug benutzen würde, eine Weiterentwicklung der Taucherglocke Van Buren Ryersons, die „Sub Marine Explorer“ heißen sollte.

Die beiden Herren und vier weitere potente Leute ließen am 18. November desselben Jahres die Pacific Pearl Company ins Handelsregister New Yorks eintragen. Ihr Ziel: im Gebiet um die Perleninseln Panamas reiche Unterwasserbeute machen. 1864 und 1865 realisierte Kroehl seine Pläne, in der Schiffswerft eines Mannes, der den Namen des Luftgeistes aus Shakespeares Stück „Der Sturm“ trug: Ariel Patterson. Ohne diesen erfahrenen Schiffsbauer hätte Kroehl sein U-Boot niemals in der relativ kurzen Zeit bauen können. Die Werft stand am East River in Williamsburg, gegenüber von Manhattan.

Ein Eimer Schlick als Beweis der Einsatzreife

1866 gelangen im Hafen New Yorks die ersten Test-Tauchfahrten. Aufsehen erregte bei einem öffentlichen Versuch am 30. Mai vor allem das Wiederauftauchen aus eigener Kraft mit Hilfe von Druckluft, die das Wasser aus den Ballasttanks hinauspresste. Schon das macht die „Sub Marine Explorer“ für viele zum ersten modernen U-Boot. Was man vom Kai aus nicht sehen konnte, waren die drei Druckschleusen im Boden. Mit ihrer Hilfe sollten die sechs Mann Besatzung die Perlmuscheln ernten.

Ein Eimer Hafenschlick, den der mittauchende Kroehl bei der Probefahrt am 30. Mai mit nach oben brachte, bewies die Einsatzreife der „Sub Marine Explorer“. Da es sich um eine Art Taucherglocke mit mäßigem Antrieb durch eine von Hand bewegte Schraube von drei Fuß Durchmesser handelte, war an eine Fahrt aus eigener Kraft ins Einsatzgebiet aber nicht zu denken. Kroehl zerlegte sein Boot akribisch in Einzelteile. Das dauerte ein paar Monate.

Erstes U-Boot „Sub Marine Explorer“
Aufstieg nach Plan: Die „Sub Marine Explorer“ begeisterte bei den ersten Tauchfahrten 1866 vor allem durch das Auftauchen aus eigener Kraft – dank der Druckluft, die das Wasser aus den Ballasttanks presste. Bild: F.A.Z.

In dieser Zeit gab die Pacific Pearl Company weitere Aktien aus, die ein Prospekt mit Geschäftsplan bewarb. Darin rechnete man vor, dass die „Sub Marine Explorer“ 250 Tage im Jahr tauchen werde, wobei täglich etwa zwölf Tonnen Muscheln geerntet werden könnten. Man prognostizierte allein Profite aus Perlenfunden von 250.000 Dollar (das wären heute sechs Millionen Dollar) und aus den Schalen, die unter anderem zu Perlmuttknöpfen und bei Intarsien verarbeitet wurden, von gut 200.000 Dollar. Kroehl sollte 2500 Dollar im Jahr erhalten - genau so viel, wie man für den Kohlebedarf einrechnete. Das geplante Einsatzgebiet war die Insel St. Elmo.

Erster Einsatz in Panama-Stadt

Ende August, Anfang September 1866 dampften die Teile der „Sub Marine Explorer“ auf einem Schiff Richtung Süden, dann mit der Eisenbahn quer über die Landenge nach Panama-Stadt. Dort zierten unglaubliche Mengen an polierten Muschelschalen die Türme der Kathedrale, deren Perlmuttschein weithin strahlte. Kroehl und die Besatzung konnten von reichen Fanggründen ausgehen.

In Panama-Stadt setzte man nach einer Verzögerung, die wohl mit dem Tod eines Besatzungsmitglieds an Gelbfieber zu tun hatte, das U-Boot zusammen, überprüfte Dichtigkeit und Funktionstüchtigkeit. Am 22. Juni 1867 begannen Probe-Tauchgänge von der nahen Insel Flamenco aus, zum Teil unter den Augen von Staatspräsident General Olarte und Außenminister Bermudez. Geplant waren Tiefen von etwa sechs Meter, aber aus Versehen geriet man bis auf 25 Meter Tiefe. Das U-Boot hielt eisenfest, das Auftauchen gelang problemlos. Am 29. August wurden zumindest vorläufig die offiziellen Patentrechte dafür erteilt.

Plötzlich starb der Erbauer

Nur elf Tage später folgte ein schrecklicher Schlag: Am 9. September 1867 starb Julius Kroehl an Fieber. Schon im Bürgerkrieg hatte er wegen Malaria längere Zeit im Hospital verbringen müssen und Monate gebraucht, um sich zu erholen. Ein tödlicher Rückfall? Eine neue Ansteckung? Der Konsul kondolierte der Witwe Sophia R. Kroehl, die erst 35 Jahre alt war. Mit dem Tod des Konstrukteurs und Chefingenieurs schien auch das Projekt gestorben zu sein. Das U-Boot dümpelte ein Jahr lang vor sich hin.

Einige Artikel erschienen, aber nichts geschah. Im „Philadelphia Inquirer“ vom 24. August 1868 hieß es: „Was wurde aus der Pacific Pearl Company? Ihr kleines Unterseeboot, das - wie man es auch nimmt - hunderttausend Dollar gekostet hat, liegt nun schon seit fast einem Jahr vernachlässigt an der Sandküste einer Perleninsel Panamas. Als sein unglücklicher Erbauer, Mr. Kroehl, lebte, gab es gute Chancen, dass es ein Erfolg hätte sein können, wenn Geld zur Verfügung gestellt worden wäre, damit er es hätte betreiben können. Doch jetzt sieht es so aus, als wäre das Schiff vollkommen aufgegeben, oder wenn es das noch nicht ist, wird es sich sehr bald als vollkommen nutzlos erweisen.“

Schon nach wenigen Tauchfahrten wurde das U-Boot aufgegeben

Erst 1869 kam ein neuer Ingenieur, Henry Augustus Dingee, der das U-Boot endlich nach St. Elmo brachte, wo es tatsächlich bei einigen wenigen Tauchfahrten - es ist von elf Fahrten an elf Tagen die Rede - Muscheln ernten konnte. Die Ausbeute: 12.700 Pfund Muscheln und einige hundert Perlen, wie die Presse im August 1869 berichtete. Der Gesamtwert lag bei ungefähr 2000 Dollar. Weitere Tauchfahrten unterblieben - für immer. Warum?

Die einst reiche Perleninsel-Gegend war längst überfischt. In den flacheren Gewässern hatten Taucher, oft Sklaven, seit 300 Jahren intensiv arbeiten müssen und die Austernbänke ausgeplündert. In größeren Tiefen bis zu 30 Metern, in denen die „Sub Marine Explorer“ konkurrenzlos operierte, fanden die Muscheln viel schlechtere Lebensbedingungen. Die Pacific Pearl Company hatte offenbar die Lage an Ort und Stelle nicht richtig erforscht, nicht mit einheimischen Tauchern, Händlern oder Perlenexperten in Panama gesprochen oder wenigstens korrespondiert. Ein weiterer Grund, das U-Boot aufzugeben, waren wohl Fieber- und Todesfälle von Besatzungsmitgliedern.

Die mysteriöse Tauchkrankheit

Das führt heute zu Vermutungen, Kroehl und andere könnten an der Taucherkrankheit gestorben sein, auch wenn die Behörden Fieber als Todesursache vermerkten. Kaum jemand kannte die Gefahren zu schnellen Auftauchens aus zu großer Tiefe. Die Symptome der Taucherkrankheit, Gelenkschmerzen, Würgreiz, Erstickungsanfälle, Bewusstlosigkeit, Lähmungserscheinungen, Blindheit, Krämpfe, Jucken und Ausschlag, konnten in den Fiebergegenden leicht mit Malaria verwechselt werden.

So oder so: Der Pacific Pearl Company gingen Ideen und Mittel aus. Nach 1870 sind keine Aktivitäten von ihr bekannt. 1924 wurde sie von Amts wegen aufgelöst.

Noch nicht aufgelöst ist die etwa zwölf Meter lange, drei Meter hohe und gut drei Meter breite „Sub Marine Explorer“ auf der Insel San Telmo. Aber Schrottsucher haben sie gefleddert. Ruder, Schraube, Getriebe, praktisch alle Kupfer- und Messingteile sind verschwunden - oder so in Rost verwandelt, dass sie nicht geborgen werden können. Unter den Bewohnern war sie schon lange als „Fahrzeug des Todes“ bekannt. Als der Buchautor und Archäologe James Delgado 2001 das U-Boot entdeckte, identifizierte und zu bergen wünschte, musste er schnell aufgeben. Wer die „Sub Marine Explorer“ anzuheben versuchte, zerstörte ihre Reste.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin
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