Sessionsauftakt

Jecksein in Zeiten der Impfdurchbrüche

Von Reiner Burger
11.11.2021
, 15:37

              „Alles hät sing Zick“: In Köln feiern die Jecken, als gäbe es keine Corona-Pandemie.
Video
Vor einem Jahr fiel der Sessionsauftakt wegen der Corona-Pandemie aus. Doch diesmal feiern in den Karnevalshochburgen Tausende den Elften im Elften.
ANZEIGE

In Zeiten der schon wieder jeck hohen Inzidenzwerte muss man ein bisschen ­närrisch sein, um fast wie früher Karneval zu feiern. War im vergangenen Jahr allerorten die Saisoneröffnung bei niedrigeren Werten als den aktuellen abgesagt worden, wähnt sich der jecke Kernbestand dank Impfung an diesem Elften im Elften sicher. Streng kontrollieren Ordner am Donnerstag in der Düsseldorfer Altstadt den 2-G-Nachweis und den Personalausweis, dann darf man zum Hoppeditz-Erwachen ins umzäunte Getümmel vor dem Rathaus, wo schon nach Herzenslust geschunkelt und gesungen wird, als gäbe es keine Impfdurchbrüche.

Auf der Bühne tritt einer der Ober­narren ans Mikro und freut sich über den „herrlichen Anblick so lange nach Corona“. Die Band singt dann Lieder mit ­Zeilen wie „Ja sind wir im Wald hier, wo bleibt unser Altbier?“, „Heute wird die Welt nicht untergehen!“ oder „Wir feiern das Leben!“ So lautete auch das Motto, das das Comitee Düsseldorfer Carneval für diese Session ausgegeben hat, die leider immer noch nicht nach Corona stattfindet, sondern mittendrin, was dann dankenswerterweise der aufgeweckte Hoppeditz in seiner Rede wenigstens indirekt deutlich macht, als er unter anderem herrlich gegen Impfgegner und Anhänger von ­Verschwörungsmythen austeilt.

Video starten01:45
Karneval trotz Corona
Geimpfte und Genesene feiern in Köln
Video: Reuters, Bild: dpa

„Alles hät sing Zick“ (Alles hat seine Zeit) heißt das Motto in Köln. Dort wird der Elfte im Elften besonders groß gefeiert, und am Donnerstag zieht es deutlich mehr Narren aus Nah und Fern auf die Straßen als in Düsseldorf. Die Warteschlangen vor den abgesperrten 2-G­-Feierzonen sind teilweise Hunderte Meter lang, das Gedränge ist enorm.

ANZEIGE

Dabei hatte sich das eigentlich gar nicht nachdenklich gemeinte Motto der Kölner Narren schon am Mittwochabend als äußerst passende Mahnung erwiesen: Gegen 19 Uhr hatten sämtliche Lokalmedien die – im karnevalsverrückten Köln selbstredend als „Eilmeldung“ gekennzeichnete – Nachricht verbreitet, dass sich der designierte Prinz im Dreigestirn trotz zweifacher Impfung mit dem Coronavirus infiziert habe. Zwar wurden der Bauer und die – ebenfalls traditionell von einem Mann gespielte – Jungfrau negativ getestet. Doch weil sich das Dreigestirn zur Vorbereitung seiner Amtsgeschäfte in den vergangenen Tagen mehrfach getroffen hatte, bleibt es dem Sessionsauftakt fern und wird auch nicht wie sonst üblich von Oberbürgermeisterin Henriette Reker im ­Rathaus empfangen.

Alles hat seine Zeit – sagt man sich auch am Donnerstagmorgen in Kaarst bei Neuss und bläst den Sessionsauftakt kurzfristig ab. „Für die Kaarster Jecken tut es mir wirklich leid. Aber wir müssen immer im Sinne der gesamten Stadt entscheiden“, sagte Bürgermeisterin ­Ursula Baum. „Trotz 2 G gibt es beim Schunkeln und Singen keine Garantien.“ Impfung hin, Karneval her, ­Corona bleibt einstweilen eine Kaskade der Zumutungen.

ANZEIGE
Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Burger, Reiner
Reiner Burger
Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.
Twitter
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Baufinanzierung
Erhalten Sie Ihren Bauzins in 3 Minuten
Automarkt
Finden Sie Ihren Gebrauchtwagen
50Plus
Serviceportal für Best Ager, Senioren & Angehörige
ANZEIGE