Kathedrale von Nantes

Vom Feuer beraubt

Von Marc Zitzmann
20.07.2020
, 02:58
Die Polizisten in Nantes, die die Straßen für den Einsatz der Feuerwehr am Samstag absicherten, konnten nur zuschauen, wie Rauch aus einem Fenster der Kathedrale Saint-Pierre-et-Saint-Paul steigt.
Nach dem Brand in der Kathedrale von Nantes nimmt die Polizei einen Mann in Gewahrsam. Die Brandursache wird noch ermittelt. Traurige Gewissheit besteht um den Verlust eines 400 Jahre alten Instruments mit einem einmaligen Klang.

Nantes, am Samstagmorgen. Gegen 7 Uhr 45 sahen Passanten im Herzen von Frankreichs sechstgrößter Stadt hinter dem zentralen Fassadenfenster der Cathédrale Saint-Pierre-et-Saint-Paul Flammen lodern. Die Feuerwehr war rasch vor Ort: 104 Brandbekämpfer, mit 45 Fahrzeugen angerückt und mit zwei Hohlstrahlrohren bewaffnet, drängten die Flammen binnen zwei Stunden zurück.

Rund 24 Stunden später gab die Staatsanwaltschaft bekannt, dass ein Mann in Gewahrsam genommen wurde. Bei ihm handele es sich um einen Ehrenamtlichen, der für die Schließung der Kathedrale am Freitagabend verantwortlich gewesen sei. Am Sonntagabend ist der Mann wieder frei. Es gebe keine weitere Strafverfolgung und keine Verbindung zu dem Feuer, so Staatsanwalt Pierre Sennès.

Sennès hatte am Samstag ein Ermittlungsverfahren wegen Brandstiftung eingeleitet. Es gebe drei räumlich auseinanderliegende Herde: an der Hauptorgel über dem zentralen Portal sowie ebenerdig links und rechts des an der Vierung plazierten Altars. Das sei kein Zufall, sondern die „Signatur“ eines vorsätzlich verursachten Feuers.

Später indes wurde er kleinlauter und räumte ein, man gehe jeder Spur nach. So werde zum einen die Anwohnerschaft des Domplatzes befragt und die Videoüberwachung in der Umgebung ausgewertet, zum anderen aber auch die elektrischen Leitungen der Kirche unter die Lupe genommen. Mit letzterer Aufgabe wurde ein Experte der Pariser Polizei betraut.

Bausubstanz weiterhin intakt

Gemäß einer provisorischen Schadensbilanz fielen dem Brand die Hauptorgel, das über dieser gelegene Buntglasfenster sowie ein Gemälde des neoklassizistischen Kirchenmalers Hippolyte Flandrin zum Opfer. Ein Vergleich zu dem Großbrand von Notre-Dame de Paris lässt sich nicht ziehen: Anders als bei diesem, wo am 15. April 2019 Flammen vom Vierungsturm auf den hölzernen Dachstuhl übergegriffen hatte, ist die Bausubstanz hier intakt; eine generelle Einsturzgefahr scheint nicht zu bestehen. Sorge bereitet einzig die gewölbte Empore, die die Orgel trug: Diese ist laut dem zuständigen Feuerwehrkommandanten „sehr instabil und könnte zusammenbrechen“.

Frankreichs unlängst neu ernannter Premierminister, Jean Castex, Innenminister Gérald Darmanin, und Kulturministerin, Roselyne Bachelot, begaben sich am Samstag nach Nantes an den Ort des Geschehens. Letztere erklärte, als Bewohnerin der Region Pays de la Loire sei Saint-Pierre-et-Saint-Paul „ihre“ Kathedrale. „Mir sind die Tränen gekommen… insbesondere die Zerstörung einer Orgel ist wie ein Stich ins Herz.“

Für die Renovierung des Bauwerks, das seit der Revolutionszeit wie fast alle Bischofskirchen des Landes dem Staat gehört, waren in den kommenden Jahren etliche Millionen Euro vorgesehen, davon 1,7 Millionen Euro für die Orgel. „Der Staat wird seine Eigentümerpflicht erfüllen“, versprach Bachelot. Die „fondation du pa­tri­moi­ne“, eine gemeinnützige Privatstiftung, die letztes Jahr für die Restaurierung von Notre-Dame 230 Millionen Euro zusammengetragen hatte, startete eine Spendenaktion für den Wiederaufbau der Orgel.

In der langen Geschichte der Kathedrale ist dieser Brand weder der erste noch der schlimmste. 1943 und 1944 beschädigten Fliegerbomben die Sakristei sowie die Apsis und drei Kapellen. Die Restaurationsarbeiten zogen sich über Jahrzehnte hin und endeten – traurigerweise kurz vor Abschluss – 1972 in einem Großbrand. Diesem fiel der größte Teil des Dachfirsts zum Opfer. Ein Gericht befand später, nicht die zuständige Baufirma trage die Schuld, sondern der Staat. Er habe es versäumt, vor Beginn der Arbeiten den hochentflammbaren Staub zu entfernen, der sich im Lauf von Jahrzehnten im Dachstuhl angehäuft hatte. Das Gebälk wurde anlässlich des bis 1985 dauernden Wiederaufbaus mit Beton verstärkt.

Klang der historischen Orgel war einmalig

Die Zerstörung der Hauptorgel ist ein herber Verlust für Frankreichs Kultur- und insbesondere Musikwelt. Das Instrument ging auf eine zweimanualige Orgel aus dem Jahr 1619 zurück. Sein eigentliches Profil erhielt es in den 1780er Jahren durch den genialen Orgelbauer François-Henri Clicquot, der es für eine gewaltige Geldsumme einer mehrjährigen Revision unterzog. Die Revision wurde zu einer eigentlichen Neuschöpfung. Trotz späterer Erweiterungen und Modernisierungen bewahrte es seinen charakteristischen Klang.

Clicquots Orgel überlebte die Revolutionszeit, als der damalige Titular sie vor der geplanten Zerstörung rettete, indem er sie für die musikalische Untermalung säkularer Feierlichkeiten umnutzte, und den Brand von 1972, als Félix Moreau, Titular von 1954 bis 2013, mit der Unterstützung des Orgelbauers Joseph Beuchet unter Lebensgefahr die Wendeltreppe zur Empore erklomm, um das Instrument abzudecken und so vor den Wasserfluten der Feuerwehr zu schützen. Eine Handvoll CD-Aufnahmen, darunter ein Album mit Kompositionen von Moreau unter den Händen der heutigen Ko-Titularin, Marie-Thérèse Jehan, bewahren den Klang des vierhundertjährigen Instruments. Michel Bourcier, ein anderer Ko-Titular, hatte noch am Vorabend der Katastrophe auf ihm geübt. Ob die „kleine“ Chororgel – mit immerhin 31 Registern die größte in Frankreich – den Brand heil überstanden hat, ist ungewiss.

Zweiter Kunstschatz der Kathedrale unversehrt

Fest steht hingegen, dass das über der Hauptorgel gelegene zentrale Fassadenfenster der Hitze nicht standgehalten hat. Es enthielt drei Fragmente eines Buntglasfensters aus dem 15. Jahrhundert, dem ältesten der Kathedrale. Verbrannt ist auch ein Gemälde von Hippolyte Flandrin: Ein Frühwerk, an dem manche Kommentatoren die Kälte der Farbgebung sowie die servile Nachahmung italienischer Meister monierten – doch immerhin soll Flandrins Lehrmeister, Jean-Dominique Ingres, bei seinem Anblick mit Tränen in den Augen ausgerufen haben: „Nein, mein Freund, die Malkunst ist nicht verloren; ich habe nicht vergeblich gelebt.“

Unversehrt ist dagegen der neben der Orgel der zweite Kunstschatz der Kathedrale: das Grabdenkmal des bretonischen Herzogs François II. und dessen letzter Gattin, Marguerite de Foix. Anfang des 16. Jahrhunderts durch den greisen Bildhauer Michel Colombe in weißen Carrara-Marmor gemeißelt, zeigt es die beiden Liegenden, die Köpfe durch drei Engelchen auf Kissen gebettet, zu ihren Füßen ein Löwe und ein Windhund als Symbole der Stärke und der Treue. An den vier Ecken des Sarkophags stehen Verkörperungen der vier Kardinaltugenden Wache.

Neben seinem künstlerischen und kunstgeschichtlichen Wert – das handwerklich stupende Monument markiert den Einzug der Renaissance in Frankreichs Bildhauerkunst – ist das Werk auch geschichtlich hochbedeutend. Seine Auftraggeberin, Anne de Bretagne, war die Tochter der beiden Abgebildeten – und die letzte souveräne Herzogin der Bretagne vor deren Einverleibung in das Königreich Frankreich. In der Region, wo der Unabhängigkeitsgedanke noch heute in manchem Kopf spukt, sehen viele das Denkmal als identitätsstiftend an.

Quelle: FAZ.NET
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