Konsistorium im Vatikan

Phantasien in Purpurrot

Von Jörg Bremer, Rom
18.02.2012
, 11:35
Kardinäle im Wind: Auf dem Begräbnis von Papst Johannes Paul II.
Das Konsistorium am Samstag hätte schöne Routine sein sollen, doch Vermutungen über einen Machtkampf im Vatikan werfen einen Schatten auf die Versammlung der Kardinäle.
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Eigentlich hätte das Konsistorium an diesem Samstag im Vatikan schöne Routine werden sollen; stattdessen spricht man in Rom von einem Machtkampf in der Kurie. Kardinalstaatsekretär Tarcisio Bertone muss sich gegen Schläge aus dem Dunkeln verteidigen; und es ist nicht klar, ob die Angriffe nur ihm gelten oder auch Papst Benedikt XVI.

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In regelmäßigem Abstand, meist zu Beginn oder Ende eines Jahres, beruft der Papst die Kardinäle ein und nutzt das Konsistorium, um den neu ernannte Purpurträgern ihre rote, viereckige Kopfbedeckung, das Birett, den Kopf zu setzen. Der Vatikanpalast öffnet sich danach, und die Römer durchschreiten die prunkvollen Hallen, um den neuen Kardinälen zu gratulieren.

Dieses Mal sind es 22 neue Kardinäle. Es sind vielleicht mehr Europäer darunter als gewöhnlich, viele Italiener. Meist aber handelt es sich um Bischöfe, die in eine neue Funktion aufgestiegen sind. So erhält auch der neue Erzbischof von Berlin, Rainer Maria Woelki, das rote Birett, denn die Leitung des Bistums ist traditionell mit einem Kardinalshut verbunden. Der Spross aus der Kölner Erzdiözese von Joachim Kardinal Meisner ist 55 Jahre alt; Woelki ist damit noch vor dem Erzbischof von München, Reinhard Marx, Jahrgang 1953, das jüngste Mitglied des Kardinalskollegiums.

Papst Benedikt XVI.
Papst Benedikt XVI. Bild: AFP

Gleichwohl wird das Konsistorium nicht wie beabsichtigt ein schönes Routinefest. Aufsehenerregende Berichte legten in den vergangenen Tagen nahe, dass im Vatikan ein Machtkampf ausgetragen wird. Nach Auffassung mancher Prälaten weist Papst Benedikt XVI. diejenigen nicht klar genug zurück, die Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone, seinem zweiten Mann, derzeit das Leben schwer machen. Der 77 Jahre alte Kardinal, dem Benedikt auch wegen der langen gemeinsamen Arbeit in der Glaubenskongregation erst im vergangenen Jahr wieder sein Vertrauen ausgesprochen hatte, solle als unfähig dargestellt werden, heißt es.

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Selbst von engsten Vertrauten des Papstes waren immer wieder Zweifel an Bertone geäußert worden. Man warf ihm bäuerliche Tumbheit vor, zu viel Interesse an italienischer Innenpolitik oder Trägheit im Kampf gegen sexuellen Missbrauch von Jugendlichen durch Geistliche. Doch Benedikt XVI. hält zu Bertone. Ende Januar, bei der letzten Sitzung mit den Leitern der Dikasterien, also den Ämtern der Kurie, stärkte ihm der Papst den Rücken und gab den Amtschefs die Anweisung, wichtigere Texte vor der Veröffentlichung zunächst Bertone vorzulegen.

Der Papst mit Kardinalstaatsekretär Tarcisio Bertone
Der Papst mit Kardinalstaatsekretär Tarcisio Bertone Bild: AFP

Auch im Zusammenhang mit dem Konsistorium berichten manche von einer Schurkerei gegen Bertone, die freilich auf dem Rücken des zweiten neuernannten deutschen Kardinals, Jesuitenpaters Karl Josef Becker ausgetragen wurde. Der im April 1928 geborene Dogmatiker an der Gregoriana in Rom und Berater der Glaubenskongregation unter Ratzinger und auch jetzt im Verfahren um die traditionalistische Piusbruderschaft, wurde plötzlich vom Bertones Amt als krank gemeldet: Er könne nicht am Konsistorium teilnehmen. Dabei konnte ihn jeder in der Gregoriana augenscheinlich gesund herumspazieren sehen. Das fiel bald auf, und Vatikansprecher Federico Lombardi verkündete, Becker könne nun doch kommen. Nun heißt es, Gegner Bertones hätten ihm unterstellen wollen, der Kardinal wisse nicht einmal, ob einer der 22 neu kreierten Purpurträger gesund oder krank sei. Andere sagen, Becker und Bertone sollten wegen ihres Kurses „gegen die Piusbrüder“ bestraft werden. Auch das ist nur ein Gerücht, das aber ein Hinweis darauf sein könnte, dass die Schüsse gegen Bertone aus dem erzkonservativen Lager kommen.

Darío Castrillón Hoyos
Darío Castrillón Hoyos Bild: ddp images/AP/

Dreister ist die jüngste Mär um ein „Mordkomplott“ gegen den Papst. In der Umgebung Benedikts heißt es zu diesem „Wahnsinn“, der Erzbischof von Palermo, Paolo Kardinal Romeo, habe bei einem Besuch in Peking Ende 2011 einen Vortrag gehalten, bei dem er weder vom Mord, Tod oder Ende des Papstes sprach. Danach sei aber ein anonymer Bericht über den Vortrag in deutscher Sprache aufgetaucht. Dem zufolge soll Romeo gesagt haben, dass „der Papst noch etwa zwölf Monate hat“. Der Brief erreichte den früheren Chef der Priesterkongregation, Darío Kardinal Castrillón Hoyos. Dieser legte den Bericht am 2. Januar dem Papst vor. Danach sollte er in Bertones „2. Sektion“ archiviert werden, die für die Beziehungen zwischen den Staaten zuständig ist.

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Alltäglich komme Unsinn in den Vatikan, heißt es dazu in der Nähe des Papstes. Ein Skandal sei es aber gewesen, dass vermutlich ein Mitarbeiter der Sektion den Brief der Tageszeitung „Il Fatto Quotidiano“ zuspielt hat, die daraus eine Geschichte über ein Mordkomplott machte. Einer der 30 Mitarbeiter in dieser Abteilung wolle Bertone - oder sogar dem Papst? - offensichtlich schaden, lautet die Schlussfolgerung.

Paolo Romeo
Paolo Romeo Bild: ddp images/AP/

Wie tief eine andere Indiskretion, die auch Bertone treffen sollte, den Heiligen Stuhl insgesamt erregte, zeigte die ungewöhnlich ausführliche Erwiderung von Vatikansprecher Lombardi auf Vorwürfe wegen schmutziger Geldgeschäfte im Governatorat, der Kommission von sieben Kardinälen unter dem Governatore, die die Finanz- und Haushaltspolitik der Vatikanstadt festlegt. Die Presse hatte einen Brief des bisher zweiten Manns im Rat, Carlo Maria Viganò veröffentlicht, der gerade als Päpstlicher Nuntius nach Washington „befördert“ worden war. Offenbar war er im Streit geschieden. Die Fernsehsendung „Gli intoccabili“ („Die Unberührbaren“) stellte Viganòs Abgang sogar als Intrige dar: Einigen im Vatikan sei der Prälat mit dem Versuch zu weit gegangen, die Finanzen des Governatorats in Ordnung zu bringen.

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Lombardi teilte daraufhin wortreich aber vage mit, die Lage im Governatorat sei „bei weitem nicht so negativ, wie sie gezeichnet wurde“. Die „Desinformation“ könne nicht „das tägliche Arbeiten an immer größerer Transparenz bei allen vatikanischen Einrichtungen verdunkeln“. Dass Viganò zum Nuntius in Washington ernannt wurde, sei „Beweis“ für die „Wertschätzung und das Vertrauen des Papstes in ihn“. Abermals war ein vertraulicher Brief der Öffentlichkeit zugespielt worden. Wieder sollte offenbar Bertones Bürokratie bloßgestellt werden. Diesmal habe einer der 150 Mitarbeiter in der 1. Sektion „für allgemeine Angelegenheiten“ illoyal gehandelt, heißt es. Dorthin hatte Viganò seinen Beschwerdebrief gerichtet, dessen Existenz Lombardi übrigens nicht dementierte.

Dieser Tage ging es dann abermals um Geld, als die Presse weitere Indiskretionen veröffentlichte und der Vatikanbank IOR mangelnde Transparenz und Kooperation mit italienischen Behörden vorwarf, obwohl Benedikt vor einem Jahr strenge Richtlinien gegen Geldwäsche erlassen hatte, damit der Vatikan auf die weiße Liste der transparenten Bankländer kommen kann. In diesem Falle wollten offenbar päpstliche Maulwürfe der Öffentlichkeit vorführen, dass Bertone nicht entschieden genug die Banken kontrolliert, ist zu hören. Da gebe es wohl noch immer Leute, die die Vatikan-Bank für das Geldwaschen der Mafia erhalten wollten, wird resümiert. Aus unmittelbarer Nähe des Papstes verlautet, Benedikt XVI. lasse sich nicht entmutigen. Wer Bertone kritisieren wolle, solle das offen tun. Doch allgemein heißt es in der Gerüchteküche des Vatikans, der Papst müsse endlich tun, was er offenbar nicht tun kann: Mit der Faust auf den Tisch hauen.

Quelle: F.A.Z.
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