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Amanda Knox in Italien

„Ich bin kein Monster“

Von Matthias Rüb, Modena
Aktualisiert am 16.06.2019
 - 11:27
Amanda Knox trat am Samstag auf einem Kongress zu Justizirrtümern in Modena auf: Sie selbst saß fast vier Jahre in Haft, bevor sie freigesprochen wurde.
Bei einem Kongress zu Justizirrtümern spricht Amanda Knox über die Vorverurteilung durch die Gesellschaft in ihrem Fall. Die Amerikanerin saß vier Jahre wegen Mordes im Gefängnis, bevor sie freigesprochen wurde.

Es ist eine aufwühlende, eine tränenreiche Rückkehr für Amanda Knox. Zum ersten Mal, seit sie vor acht Jahren vom Vorwurf des Mordes freigesprochen und hernach aus dem Gefängnis entlassen wurde, kehrt sie nach Italien zurück. In das Land ihrer frühen Marterqualen, das längst zu einem Teil ihrer selbst geworden ist, wie sie heute sagt.

Schon die Ankunft am Flughafen Mailand-Linate vom Donnerstag wird zum medialen Spießrutenlauf. Begleitet wird sie von ihrem Verlobten Christopher Robinson, dazu von ihrer Mutter, ihren Anwälten. Auf Schritt und Tritt Blitzlichtgewitter. Fotografen, Kameraleute, Reporter rennen neben ihr her, fragen sie lautstark, wie sie sich nun in Italien fühle. Als sie, begleitet von zwei italienischen Polizisten in Zivil, schließlich in dem Auto sitzt, das sie nach Modena bringen wird, legt ihr Verlobter den Arm um ihre Schulter, um sie von den Kameras abzuschirmen. Sie selbst senkt den Blick.

Amanda Knox, heute 31 Jahre alt, hat vor ihrer Reise nach Modena mitgeteilt, sie werde während ihres Aufenthalts in Italien keine Interviews geben und keine Fragen beantworten. Daran hält sie sich. Anlass für ihre Rückkehr nach Italien ist das erste „Festival der Strafjustiz“, veranstaltet von der juristischen Fakultät der örtlichen Universität, vom „Italy Innocence Project“, das sich der Untersuchung und Aufarbeitung von Justizirrtümern widmet, sowie von der Strafkammer von Modena. Das Thema des dreitägigen Kongresses lautet „Fehlurteile und Populismus in der Rechtsprechung“. Es ist wie zugeschnitten auf den Fall Amanda Knox. Die Amerikanerin ist nur eine von Dutzenden Rednern, zieht aber naturgemäß das meiste öffentliche Interesse auf sich.

Ihr Strafprozess gilt heute als Musterbeispiel für Populismus in der Rechtssprechung

Vor ihrer Ankunft hat Amanda Knox über Twitter mitgeteilt: „Ich kehre als freie Frau zurück.“ Es ist die erkennbar grundfalsche Beschreibung ihres Seelenzustands: Die mehr als vierjährige Gefangenschaft, von 2007 bis 2011, in italienischen Vollzugsanstalten als Untersuchungshäftling und später als verurteilte Mörderin, mögen lange hinter ihr liegen. Befreit hat sie sich davon nicht. Schon am Freitag bricht sie, als Zuhörerin bei dem Kongress, in Tränen aus beim Erlebnisbericht und Vortrag des Iren Peter Pringle, der 1980 wegen Mordes an zwei Polizisten zunächst zum Tode, später zu 40 Jahren Gefängnis verurteilt worden war, ehe er nach fast 15 Jahren Haft schließlich freigesprochen wurde. Und auch ihr eigener Vortrag vom Samstag, gehalten in tadellosem Italienisch, zieht sich auf fast eine Dreiviertelstunde in die Länge, weil sie immer wieder weinen und für Minuten unterbrechen muss.

Rückblende: Am 2. November 2007 kehrte die damals 20 Jahre alte amerikanische Sprachstudentin Amanda Knox in ihre Wohnung in der Via della Pergola 7 von Perugia zurück. Damals wie heute ist die pittoreske Stadt in Umbrien ein Magnet für junge Studenten aus aller Welt, um dort Italienisch zu lernen und Italien zu enträtseln. Die Wohnung teilte sich Knox mit der 21 Jahre alten Britin Meredith Kercher und weiteren Kommilitonen. Die von Amanda Knox alarmierte Polizei fand in der Wohnung, in die offenkundig jemand eingebrochen war, in Kerchers verriegeltem Schlafzimmer deren Leichnam – halbnackt, mit durchschnittener Kehle und 47 Messerstichen. Die Autopsie ergab, dass die britische Studentin vergewaltigt worden war.

Bald darauf gerieten Amanda Knox selbst sowie ihr damaliger italienischer Freund Raffaele Sollecito ins Visier der Ermittler. Es begann ein Strafprozess, der heute als Musterbeispiel für „Populismus in der Rechtsprechung“ gelten kann. Die italienische und die britische Boulevardpresse stürzten sich auf den Prozess in Perugia. Den trieb der übereifrige Staatsanwalt Giuliano Mignini mit Insinuationen über außer Kontrolle geratene, von Drogenkonsum befeuerte Sexspiele zwischen Knox, Kercher und Sollecito sowie über „satanische Rituale“ voran. Die ursprüngliche Verurteilung von Knox, den „Engel mit den Eisaugen“, sowie von Sollecito wegen gemeinsamen Mordes vom Dezember 2009 zu jeweils 25 Jahren Gefängnis befriedigte die Sensationsgier der Boulevardmedien. Die späteren Revisionen des Urteils, die endgültigen Freisprüche von Rom sowie das Urteil des Straßburger Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte, wonach der italienische Staat an Knox gut 18.000 Euro Entschädigung zahlen musste, fanden nur noch wenig Widerhall in den Medien. Restlos aufgeklärt ist der Mordfall Kercher bis heute nicht. Wegen Beihilfe zum Mord wurde der Ivorer Rudy Guédé rechtskräftig zu 16 Jahren Gefängnis verurteilt. Seine DNA-Spuren fanden sich auf dem Körper Kerchers. Guédé streitet die Tat bis heute ab. Ob es einen weiteren Täter gab, ist unklar.

Nebenklage-Vertreter: Knox habe den Rummel genutzt

Amanda Knox arbeitet heute in ihrer Heimatstadt Seattle selbst als Journalistin und Podcast-Produzentin. Über ihre Erfahrungen hat sie das Buch „Waiting To Be Heard“ geschrieben, das von Netflix als Doku-Serie verfilmt wurde. Gegenwärtig arbeitet sie gemeinsam mit ihrem Verlobten Chris Robinson an einem Projekt über den – nach ihrer Überzeugung – unschuldig wegen Doppelmordes zu lebenslanger Haft verurteilen Deutschen Jens Söring, der seit 1990 in einem Gefängnis im amerikanischen Bundesstaat Virginia sitzt.

Amanda Knox‘ denkwürdige Rede von Modena ist eine Philippika – gegen den „Populismus in der Rechtsprechung“ und gegen die Medien. Die seien im Mordfall Kercher nicht ihrer Aufgabe als „erste Verteidigungslinie gegen die Autoritäten“ gerecht geworden, sondern seien Erfüllungsgehilfen einer aus dem Ruder gelaufenen Ermittlungsbehörde gewesen, sagte sie: „Ich war unschuldig. Aber der Rest der Welt hatte entschieden, dass ich schuldig war.“ Die Medien hätten in ihrer Sensationsgier eine ihnen genehme Geschichte erfunden und eine dazu passende Version von Amanda Knox. „Es war eine falsche Geschichte“, sagt Knox und kämpft wieder einmal mit den Tränen: „Ich bin kein Monster, ich bin einfach nur Amanda.“ Selbst für ihren Ankläger von damals findet Knox in Modena anerkennende Worte. Erst nachdem sie die Netflix-Dokumentation gesehen habe, sei ihr klar geworden, dass Staatsanwalt Giuliano Mignini von der „genuinen und noblen Motivation“ getrieben gewesen sein, Meredith Kercher Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Am Ende ihrer Rede, die immer wieder von Beifall unterbrochen wird, erhält Amanda Knox stehende Ovationen.

Francesco Maresca, der als Anwalt der Nebenklage im Prozess von 2007 die Familie der ermordeten Meredith Kercher vertreten hatte, findet die Einladung von Amanda Knox nach Modena dagegen rundweg „unangemessen“. Als Musterbeispiel für einen Justizirrtum tauge Amanda Knox gerade nicht: „Sie wurde dreimal verurteilt, einschließlich von einem Berufungsgericht.“ Und in Wahrheit habe sie den von ihr selbst kritisierten Medienrummel „in vollen Zügen zu ihren eigenen Gunsten ausgenutzt: um berühmt zu werden, um ein Buch zu schreiben und um einen Film zu machen“.

Quelle: dpa
Autorenporträt / Rüb, Matthias (rüb)
Matthias Rüb
Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.
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