Grundschul-Massaker in Texas

Täter kündigte den Amoklauf auf Facebook an

Von Sofia Dreisbach, Washington
25.05.2022
, 22:15
Trauer nach dem Amoklauf an einer Grundschule im texanischen Uvalde.
Video
Bevor der 18 Jahre alte Mann in einer Grundschule mordete, schoss er seiner Großmutter ins Gesicht – und schrieb zwischen den Taten mit einer Jugendlichen aus Frankfurt.

Warum der 18 Jahre alte Täter am Dienstagmittag in die Grundschule in Uvalde stürmte und dort 19 Kinder sowie zwei Lehrer erschoss, ist auch einen Tag nach dem Amoklauf noch nicht geklärt. Immer klarer wird dagegen der Ablauf der Tat.

Wie der texanische Gouverneur Greg Abbott am Mittwochmittag in der ersten längeren Pressekonferenz seit der Tat bekannt gab, hatte der junge Mann den Angriff auf Facebook angekündigt – wenige Minuten zuvor.

In der halben Stunde vor dem Amoklauf setzte der Täter laut Abbott drei Nachrichten ab. Die erste: „Ich werde meine Großmutter erschießen.“ Die zweite: „Ich habe meine Großmutter erschossen.“ Die dritte schließlich, etwa 15 Minuten vorher: „Ich werde eine Grundschule angreifen.“ Seine Großmutter, der er ins Gesicht geschossen hatte, überlebte demnach und rief die Polizei.

Der namentlich bekannte Täter näherte sich der Robb Elementary School derweil mit einem schwarzen Pick-up, der auf seine Großmutter zugelassen war. Wegen überhöhter Geschwindigkeit kam es zu einem Unfall, Fotos zeigen das beschädigte Fahrzeug in einem Graben nahe der Schule. Um 11.30 Uhr dann ging der erste Notruf ein: Zeugen meldeten den Unfall und dass ein Mann mit einem Gewehr und mit Rucksack aus dem Auto gestiegen sei. Ein auf Facebook hochgeladenes Video vom Dienstag zeigt eine Person ganz in Schwarz gekleidet und mit Gewehr, die dabei ist, die Schule zu betreten – mutmaßlich den Täter. Ein bewaffneter Beamter des Schulbezirks konnte den Täter nicht aufhalten.

Chat in Echtzeit mit Jugendlicher aus Deutschland

Laut Abbot betrat der Amokläufer die Schule durch eine Hintertür, durchquerte dann zwei Flure und betrat einen Klassenraum, der mit einem anderen verbunden war. Hier erschoss der junge Mann mit einem halbautomatischen Gewehr des Typs AR-15 21 Menschen und verletzte weitere 17, die inzwischen außer Lebensgefahr sind. Die zweite der beiden Waffen, die er bald nach seinem 18. Geburtstag gekauft haben soll, hatte der Täter im Auto gelassen. Es habe keine „bedeutsame Warnung“ gegeben, sagte Abbott am Dienstag über den Angriff. Der 18 Jahre alte Schütze, der die High School abgebrochen hatte, sei nicht vorbestraft gewesen. Ob er als Jugendlicher einmal einen Eintrag wegen Vergehen erhalten habe, werde noch überprüft. Es seien auch keine mentalen Probleme bekannt.

Bekannte berichteten der „Washington Post“, der Täter sei gemobbt worden, unter anderem, weil er stotterte. Außerdem habe er abfällig von seiner Mutter und seiner Großmutter gesprochen und häufig Streit mit den Kollegen gesucht, erzählt eine Frau, die mit ihm in einem Fast-Food-Restaurant arbeitete. Nach Berichten des Senders CNN soll der junge Mann im Internet immer wieder fremde Mädchen und junge Frauen angeschrieben haben. Einer 15 Jahre alten Jugendlichen aus Frankfurt hat er laut dem Sender am Dienstag gar in Echtzeit geschrieben, dass er gerade seine Großmutter erschossen habe und jetzt zu der Grundschule fahre. „Ich werde ihr etwas tun“, schrieb er zuerst. Sie nerve ihn, sei gerade am Telefon mit seinem Handyanbieter. Fünf Minuten später dann: „Ich habe meiner Großmutter gerade in den Kopf geschossen.“

Unmittelbar danach wiederholte er die Formulierung von Facebook: „Jetzt werde ich eine Grundschule angreifen.“ Auf dem Screenshot ist die Uhrzeit von 18.21 Uhr zu sehen, in Deutschland. In Texas war es da 11.21 Uhr, um halb zwölf herum soll der erste Notruf eingegangen sein. Wie die Deutsche gegenüber CNN angab, habe sie den jungen Mann in einem Chatroom kennengelernt. Er habe sie im Juni besuchen wollen, auch wenn sie gesagt habe, dass sie erst 15 sei.

Demokrat O'Rourke unterbricht Pressekonferenz

Was die Familien der Opfer jetzt mehr als alles andere brauchten, sagte Abbott, sei „unsere Liebe“ und die Unterstützung aller Texaner und Amerikaner. Dann fuhr er fort: „Es hätte noch schlimmer sein können“ – ein Satz, der angesichts 19 toter Viertklässler und zweier toter Lehrer überraschen mag. Abbott verband ihn mit einem Dank an die Sicherheitskräfte, die „durch den Kugelhagel gelaufen sind mit der einzigen Absicht, Leben zu retten“. Medienberichten zufolge gelang es dem Täter, sich eine halbe Stunde in dem Klassenraum zu verbarrikadieren, bevor das Spezialeinsatzteam die Schüler befreien konnte. Dazu äußerte sich Abbott in der Pressekonferenz nicht. Die „schnelle Reaktion“ der Sicherheitskräfte habe es möglich gemacht, den Täter außer Gefecht zu setzen.

Bei der Pressekonferenz in Uvalde zeigte sich wieder einmal, wie aufgeladen das Thema Waffenrecht in den Vereinigten Staaten ist. Als Abbott das Wort gerade weiterreichen wollte, trat der Demokrat Beto O'Rourke an die Bühne heran. Er will im November bei der nächsten Gouverneurswahl in Texas als Herausforderer gegen Abbott antreten und warf ihm vor, zu wenig gegen Waffengewalt zu tun. „Sie tun nichts“, rief er, während auf der Bühne Unruhe ausbrach. „Das liegt in Ihrer Verantwortung.“

Nachdem er aus dem Saal geleitet worden war, wetterte O'Rourke draußen in einer improvisierten Pressekonferenz weiter: „Warum lassen wir das in diesem Land zu? Warum lassen wir das in diesem Bundesstaat zu?“ Er werde etwas tun und sei damit nicht allein. Schon am Dienstagabend hatte er Gouverneur Abbott auf Twitter aufgefordert, nicht – wie geplant – beim Jahrestreffen der Waffenlobby NRA am Freitag im texanischen Houston zu sprechen, „wenn Sie noch ein Fünkchen Anstand haben“.

© Twitter

Den am Dienstag von den Demokraten angekündigten Vorstoß, ein verschärftes Waffenrecht in dieser Woche abermals im Senat zur Abstimmung zu bringen, zog Mehrheitsführer Chuck Schumer am Mittwoch zurück. Dabei ging es etwa um eine vertiefte Hintergrundprüfung für potentielle Waffenbesitzer. Statt einer sofortigen Abstimmung, bei der die nötige Mehrheit von 60 Stimmen – inklusive zehn republikanischen – unwahrscheinlich wäre, will Schumer nun versuchen, einen Kompromiss herbeizuführen. Die Chancen seien gering, „sehr gering, viel zu gering“, sagte er am Mittwoch im Senat. Doch das sei so ein wichtiges Thema. „Wenn Sie das Richtige tun und darauf bestehen, wird sich die Gerechtigkeit schließlich durchsetzen. (…) Und allein aus diesem Grund müssen wir es versuchen.“

Präsident Joe Biden kündigte am Mittwochnachmittag an, „in den nächsten Tagen“ nach Texas zu reisen. Er habe „die Nase voll davon“, was hier vor sich gehe und kein Ende nehme. Der zweite Verfassungszusatz von 1791, der die Grundlage für das Recht auf Waffenbesitz in den Vereinigten Staaten darstellt, sei „nicht absolut“. Als das sogenannte Second Amendment verabschiedet worden sei, „konnte man bestimmte Arten von Waffen noch nicht kaufen“.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Dreisbach, Sofia
Sofia Dreisbach
Politische Korrespondentin für Nordamerika mit Sitz in Washington.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Baufinanzierung
Erhalten Sie Ihren Bauzins in 3 Minuten
Automarkt
Finden Sie Ihren Gebrauchtwagen
50Plus
Serviceportal für Best Ager, Senioren & Angehörige