Amokläufer von Aurora

Vier Waffen und sechstausend Schuss Munition

Von Matthias Rüb, Washington
21.07.2012
, 19:20
Fassungslos: Szene in der Nähe des Tatorts
Nach dem Amoklauf in einem Kino im amerikanischen Aurora schweigt der Täter noch immer über sein Motiv. Am Montag soll er dem Haftrichter vorgeführt werden.
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Bevor James E. Holmes sich am Donnerstag kurz vor Mitternacht zum Kino „Century 16“ im Aurora Town Center auf den Weg machte, drehte er in seiner Wohnung die Techno-Musik auf ohrenbetäubende Lautstärke. Zwei Nachbarn, die bei dem Lärm keinen Schlaf finden konnten, klopften wenig später an der Tür. Niemand reagierte. Um Punkt ein Uhr früh erstarb die Musik. Wahrscheinlich hatte eine Zeitschaltuhr sie ausgestellt.

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Rund sechs Kilometer entfernt hatte Holmes inzwischen ein Blutbad angerichtet. Mit mehreren Gewehren und einer „Glock“-Pistole erschoss er im „Century 16“ in Aurora (Colorado) zwölf Menschen, weitere 58 Kinobesucher wurden verletzt. 30 Verletzte waren am Samstag noch in Krankenhäusern, elf von ihnen in kritischem Zustand. Sie alle hatten sich die Premiere des neuen „Batman“-Films ansehen wollen. Vor allem Familien und Jugendliche waren gekommen.

Holmes, ein 24 Jahre alter Student aus San Diego, konnte unmittelbar nach der Tat auf dem Parkplatz hinter dem Kino von der Polizei gestellt werden. Er soll bei den Verhören am Freitag geschwiegen haben. Zur gleichen Zeit versuchten Bombenspezialisten der Polizei, in Holmes’ Wohnung zu gelangen - bisher vergeblich. Der Attentäter hatte sein Appartement offenbar mit Sprengfallen präpariert. Den Ermittlern bot sich durch die Fenster ein bedrohliches Bild: mit Flüssigkeiten gefüllte Kanister, Behälter voller Munition und Granaten standen herum, verbunden durch ein Gewirr von Kabeln und Stolperdrähten. Die Wohnblöcke in der Umgebung wurden evakuiert.

Aurora
Polizei entschärft Sprengfallen
© reuters, Reuters

Über das Tatmotiv des Mannes ist noch nichts bekannt. Ob es einen Zusammenhang zwischen dem Tatmotiv und den Figuren des „Batman“-Films gibt, weiß die Polizei ebenfalls noch nicht. Spekulationen darüber, dass Holmes sich „Joker“ genannt und die Haare rot gefärbt habe, bestätigte die Polizei in Aurora nicht.

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Noch in der Nacht zum Samstag gedachten auf dem Parkplatz gegenüber dem Kino „Century 16“ viele Menschen der Toten. Sie stellten Kerzen auf, legten Briefe, Blumen und Stofftiere ab. In zwei Schulen wurden Beratungszentren mit psychologischer Betreuung für die Angehörigen der Getöteten und Verwundeten eingerichtet. Präsident Barack Obama und sein republikanischer Herausforderer Mitt Romney setzten ihren Wahlkampf aus und riefen die Nation zum Gebet für die Opfer und zur Einkehr auf.

Ein stiller Schüler und Student

Vom mutmaßlichen Amokläufer, der am Montag erstmals dem Haftrichter vorgeführt werden soll, weiß man lediglich, dass er ein stiller Schüler und Student war, der sich selbst als Einzelgänger beschrieb. Er stammt aus bürgerlichem Haus, glänzte in den Naturwissenschaften und steuerte an der Universität von Colorado auf einen Doktortitel in Neurologie zu. Seine Waffen und die Munition, die schusssichere Weste, die Gasmaske und den Kevlar-Helm, die er bei der Tat trug, hat er nach Angaben der Polizei legal erworben - das meiste habe er im Internet bestellt.

Holmes soll in den vergangenen zwei Monaten mehr als 3000 Schuss Munition für ein Sturmgewehr, 3000 Patronen für zwei „Glock“-Pistolen und 300 Projektile für eine Jagdflinte gekauft haben. Die vier Waffen erwarb er offenbar in verschiedenen Waffen- und Sportgeschäften in und nahe Denver. Weil der Kauf der Waffen nicht binnen einer Woche erfolgte, mussten die Verkäufer den Käufer und sein Kaufverhalten nicht den Bundesbehörden melden. Nach Auskunft der Waffengeschäfte und der Munitions- und Ausrüstungsverkäufer bestand kein Verdacht gegen Holmes. Der junge Mann hatte sich bis zu seiner Tat nichts zuschulden kommen lassen, von einer Geschwindigkeitsüberschreitung im Straßenverkehr abgesehen.

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Der New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg bekräftigte nach der Bluttat seine Forderung nach einer Verschärfung der Waffengesetze. Das Studio „Warner Brothers“ sagte die für Freitagabend geplante europäische Premiere des Films „The Dark Knight Rises“ in Paris ab. In Amerika verschärften viele Kinos ihre Sicherheitsvorkehrungen, kontrollierten am Einlass die Taschen der Besucher und verboten Gesichtsmasken und Waffenattrappen.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Rüb, Matthias (rüb)
Matthias Rüb
Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.
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