Bluttat in Kopenhagen

Mit dem Gewehr über der Schulter

Von Matthias Wyssuwa
04.07.2022
, 14:33
Kunden vor dem Field's-Einkaufszentrum in Kopenhagen, Dänemark
Video
Ein 22 Jahre alter Däne mordet in einem Einkaufszentrum in Kopenhagen. Drei Menschen sterben, vier sind lebensgefährlich verletzt. Hinweise auf eine Terrortat gebe es bislang nicht, teilt die Polizei am Montagmorgen mit.

Der mutmaßliche Täter hat das Gewehr über die Schulter gelegt. Die kurze Cargohose reicht ihm über die Knie, er trägt ein ärmelloses schwarzes Shirt. So geht der 22 Jahre alte Däne am Sonntagabend in das Einkaufszentrum in Kopenhagen, ein Augenzeuge hat es gefilmt. Drei Menschen sind wenig später tot, vier lebensgefährlich verletzt.

Der Sonntag sollte in Dänemark eigentlich der Tour de France gehören. Es war die dritte und letzte Etappe durch das Königreich, tagelang hatten Hunderttausende Dänen an den Straßen gestanden und gejubelt, es war ein großes Fest. Doch fast auf die Minute genau, als die Fahrer ins Ziel in Sønderborg im Süden des Landes sprinten, erhält die Polizei erste Meldungen über Schüsse in Kopenhagen. Nun fragt sich das ganze Land, was da genau passiert ist – und warum der junge Mann gemordet hat. Eine junge Frau und ein junger Mann, beide 17 Jahre alt, und ein 47 Jahre alter Mann sind seine Opfer.

Am Montagmittag wurde der Verdächtige dem Haftrichter vorgeführt. Die Staatsanwaltschaft – so berichten es mehrere dänische Medien – werfen ihm vorsätzliche Tötung und versuchte Tötung vor. Das eigentliche Verhör des mutmaßlichen Täters soll auf Wunsch der Anklage hinter verschlossenen Türen stattgefunden haben. Eine öffentliche Anhörung könnte der Aufklärung des Falls im Wege stehen, hieß es zur Begründung. Der Verteidiger des 22-Jährigen sagte laut dänischen Medien, der Verdächtige wolle sich nicht öffentlich zu den Vorwürfen gegen ihn äußern.

Es ist 17.36 Uhr, als die ersten Meldungen bei der Polizei eingehen. Schüsse im Field's-Einkaufszentrum, einem Shopping-Ungetüm direkt an der Metro auf der Insel Amager im Südosten von Kopenhagen. Es soll eines der größten Einkaufscenter in ganz Skandinavien sein, das Viertel drum herum wächst noch, und nur ein paar Minuten weiter liegt der Flughafen. Hier beginnt der Mann zu schießen.

„Er schien sehr stolz auf das zu sein, was er tat“

Die Zeitung „Berlingske Tidende“ zitiert Augenzeugen. Einer stand in einem Modegeschäft, als er es knallen hörte. Die Menschen seien in Panik geraten, hätten geschrien und geweint. Andere erzählen, wie ihnen Menschen schreiend entgegengelaufen seien. Manche hätten gehinkt, weil sie vielleicht gestürzt seien. Die Polizei habe gerufen, dass sie um Himmels willen laufen sollten, weil er wieder begonnen habe zu schießen. Aus den Drehtüren seien Menschen mit erhobenen Händen gekommen, um zu zeigen, dass sie keine Waffen hatten. Mahdi Al-Wazni, der das Video von dem mutmaßlichen Täter aufgenommen hat, sagt dem Sender TV2 später, er habe dem Mann direkt gegenübergestanden. „Er wirkte sehr gewalttätig und wütend“, sagt er. Fast eine Minute habe er dagestanden, bevor er weitergegangen sei. „Er schien sehr stolz auf das zu sein, was er tat.“

Kurz darauf ist die Polizei mit vielen Kräften präsent. Sie können den mutmaßlichen Täter um 17.48 Uhr überwältigen. Auch davon gibt es ein Video, wie er außerhalb des Einkaufszentrums von Polizisten auf den Boden gedrückt wird. Es ist ein 22 Jahre alter „ethnischer Däne“, teilt die Polizei mit. Zu dem Motiv sagt sie nichts, er sei der Polizei allerdings bekannt gewesen, wenn auch nur am Rande. Was das bedeutet, bleibt zunächst unklar. Ebenso wie das Motiv. Dänische Medien berichten, der Mann habe wenige Stunden vor der Tat Bilder in den sozialen Medien geteilt, auf denen er sich anscheinend mit Kunstblut eingeschmiert und tot gestellt habe. In einem kurzen Video mit dem Titel „I don’t care“ sitze er mit einem Gewehr da und richte die Mündung auf seinen Kopf. Darunter werde in einem kurzen Text ein Medikament genannt und gesagt, dass es nicht mehr wirke, berichtet die dänische Zeitung „B.T.“. Das Medikament diene, schreibt die Zeitung, der Behandlung psychischer Störungen.

Video starten01:07
Schüsse in Einkaufszentrum
Mehrere Tote in Kopenhagen
Video: Reuters, Bild: dpa

Die Polizei geht von einem Einzeltäter aus und sagt doch am Sonntagabend, dass man umfangreiche Ermittlungen durchführe und eine massive operative Präsenz in Kopenhagen zeigen werde. „Bis wir Gewissheit haben: Er war allein“, sagt der leitende Polizeiinspektor Søren Thomassen. Der Nahverkehr auf Amager wird eingeschränkt, der Popstar Harry Styles sagt sein Konzert in der Nähe des Einkaufszentrums wegen Sicherheitsbedenken ab. „Ich habe ein gebrochenes Herz, ebenso wie die Menschen in Kopenhagen“, schreibt er auf Twitter.

Entsetzt fliehen Kunden am Sonntagabend aus dem Einkaufszentrum in Kopenhagen.
Entsetzt fliehen Kunden am Sonntagabend aus dem Einkaufszentrum in Kopenhagen. Bild: dpa

Am Montagmorgen steht Søren Thomassen wieder vor der Presse und bittet darum, Bilder und Filme von Opfern aus Rücksicht auf die Angehörigen nicht in den sozialen Medien zu teilen. Man gehe davon aus, dass die bislang aufgetauchten Beiträge in den sozialen Medien vor der Tat tatsächlich vom mutmaßlichen Täter stammen, man beziehe sie in die Ermittlungen ein. In der Nacht habe man viele Dokumente gesichtet, es habe weitere Durchsuchungen gegeben. Hinweise auf eine Terrortat gebe es bislang nicht, auch nicht auf einen weiteren Täter. Jedoch sei bekannt, dass er in der Vergangenheit Hilfe in einer Psychiatrie gesucht habe. Der Mann soll an diesem Montag angehört werden.

„Dänemark wurde am Sonntagabend von einem grausamen Anschlag heimgesucht“, teilt Ministerpräsidentin Mette Frederiksen mit. Mehrere Menschen seien getötet worden, noch mehr wurden verwundet. „Unschuldige Familien, die einkaufen oder essen gehen. Kinder, Jugendliche und Erwachsene“, äußert sie. „Unsere schöne und normalerweise so sichere Hauptstadt wurde in einem Sekundenbruchteil verändert.“ Sie wolle die Dänen ermutigen, in dieser schwierigen Zeit zusammenzustehen und sich gegenseitig zu unterstützen.

Quelle: FAZ.NET
Matthias Wyssuwa - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Matthias Wyssuwa
Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.
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