Mordfall Ayleen A.

Warum durfte sich der mutmaßliche Mörder des Mädchens wieder frei bewegen?

Von Rüdiger Soldt
05.08.2022
, 16:00
Gang zu den Hafträumen in einer Justizvollzugsanstalt (Symbolbild).
Der mutmaßliche Mörder von Ayleen A. war jahrelang jugendforensisch betreut worden. Nun zeigt sich: Zum entscheidenden Zeitpunkt schätzten Gutachter ihn falsch ein.

Im Mordfall der 14 Jahre alten Ayleen A. aus dem südbadischen Gottenheim versuchen die jugendforensische Vitos-Klinik in Marburg und die in Haina, die den mutmaßlichen 29 Jahre alten Täter Jan P. bis 2017 stationär und bis 2022 ambulant betreut haben, sowie die Gerichte eine Antwort darauf zu finden, warum sich der Sexualstraftäter seit Januar 2022 wieder unkontrolliert in der Öffentlichkeit bewegen durfte.

Die Klinik verweist auf ein externes psychiatrisches Gutachten; das Gericht legt dar, dass der Verdächtige 2020 gegen eine unbefristete Verlängerung der Führungsaufsicht erfolgreich Beschwerde eingelegt hatte, es somit nach dem 25. Januar 2022 keine Möglichkeiten zur Verlängerung der Führungsaufsicht gab. „Der Tatverdächtige ist während der Führungsaufsicht zwar mit Eigentums- und Verkehrsdelikten, nicht aber mit Sexualdelikten in Erscheinung getreten“, teilte das Landgericht Limburg mit.

Rouven Raatz, der für Personal und Kommunikation zuständige Leiter der Vitos-Klinik in Haina, teilte zur Beendigung der staatlichen Kontrollmaßnahmen im Fall Jan P.s mit den externen Gutachten sowie den Entscheidungen der Vollstreckungskammern mit: Das Amtsgericht Frankenberg habe im Januar 2017 die Unterbringung von Jan P. in einer psychiatrischen Klinik für beendet erklärt. Der Straftäter war zunächst von 2007 bis 2010 aufgrund der richterlichen Entscheidung in der jugendforensischen Vitos-Klinik in Marburg untergebracht. Nachdem er 2017 volljährig geworden war, wurde er im Erwachsenenmaß­regelvollzug in der psychiatrischen Einrichtung der Vitos-Gruppe in Haina untergebracht. Als zuständiges Vollstreckungsgericht habe das Amtsgericht Frankenberg im Januar 2017 die Unterbringung für erledigt erklärt – mangels rechtlicher Voraussetzungen für die Fortsetzung der Unterbringung.

Etwa 38.000 Straftäter unter Führungsaufsicht

„Dieser Entscheidung war eine externe Begutachtung vorausgegangen. Es erfolgte damit keine Aussetzung der Maßregel zur Bewährung, sondern aus rechtlichen Gründen deren Beendigung“, sagte Raatz der F.A.Z. Eine Rückholung des ehemaligen Patienten in die Klinik sei rechtlich nicht möglich ge­wesen. Der jetzt abermals verdächtige Mann sei dann unter Führungsaufsicht gestellt worden, zuständig für seine Kontrolle und die Verhinderung neuer Sexualstraftaten waren von 2017 an die Bewährungshilfe, die Zentrale Überwachungsstelle rückfallgefährdeter Sexualstraftäter (ZÜRS) sowie die forensisch-psychiatrische Ambulanz Haina, die ebenfalls zur Vitos-Gruppe gehört.

In Deutschland standen im Jahr 2021 etwa 38.000 Straftäter unter Führungsaufsicht. Weil Jan P. gegen eine unbefristete Führungsaufsicht Beschwerde eingelegt hatte, endete diese nach fünf Jahren im Januar 2022. „Auch wenn es für uns keine weiteren Möglichkeiten des Eingreifens gab, empfinden wir die Situation als sehr belastend“, sagte Raatz.

Alexander Baur forscht zum Maßregelrecht an der Universität Augsburg. Jan P. sei 2017 entlassen worden, weil seine Gefährlichkeit nicht mehr so eingeschätzt wurde, dass er erhebliche Straftaten begehen könnte. „Da hat also niemand ausdrücklich eine positive Verhaltensprognose gestellt. Man hat nur gesagt, die Gefährlichkeit ist nicht mehr so groß, dass man eine Freiheitsentziehung weiterhin aufrechterhalten kann“, sagte Baur der F.A.Z. Wäre die psychia­tri­sche Unterbringung 2017 zur Bewährung ausgesetzt statt für beendet erklärt worden, hätte man sie widerrufen können. Allerdings hätte dies vor dem Auslaufen der Führungsaufsicht erfolgen müssen.

„Leider eine kriminalprognostische Fehleinschätzung“

Baur macht für die Fehlentscheidungen in diesem Fall drei Faktoren verantwortlich: Zunächst hätten die Gutachter im Ergebnis „leider eine kriminalprognostische Fehleinschätzung“ abgegeben und die sexuelle Delinquenz des Täters falsch eingeschätzt. Außerdem hätten sich zwei Novellierungen zugunsten der Freiheitsrechte von Strafgefangenen ungünstig ausgewirkt: 2016 sei die Rolle von Gutachtern in solchen Verfahren gestärkt worden, um den häufig pessimistischen Begutachtungen der Kliniken etwas entgegenzusetzen. „Die Kliniken haben schon mitzureden und werden auch mit dem externen Gutachter reden, faktisch gibt am Ende das externe Gutachten beim Gericht meistens den Ausschlag“, sagte Baur.

Über die Qualität forensischer Gutachten wird schon länger kritisch debattiert. 2016 seien die gesetzlichen Schwellen für eine weitere Vollstreckung der Unterbringung über zehn Jahre hinaus höher gesetzt worden. Damals mussten alle untergebrachten Straftäter, bei denen eine Fortdauer geprüft worden war, entlassen werden.

Jan P. hatte sich am 21. Juli mit der 14 Jahre alten Ayleen A. im Raum Freiburg getroffen, nachdem er sie im Fort­nite-Chat kennengelernt und offenbar durch „Cybergrooming“ gefügig gemacht hatte. Am 29. Juli hatte ein Polizeihubschrauber dann Ayleens Leichnam auf der Wasseroberfläche des Teufelsee im Wetteraukreis gesichtet.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Soldt, Rüdiger
Rüdiger Soldt
Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.
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