Anna Bettozzi

Bei Schlag gegen die Ölmafia auch schillernde Unternehmerin verhaftet

Von Matthias Rüb, Rom
11.04.2021
, 14:31
In den neunziger Jahren verfolgte Anna Bettozzi eine mäßige Karriere als Popsternchen. Dann heiratete sie einen Ölmagnaten und wurde immer wieder mit Unmengen Bargeld erwischt.

In Italien ist man bei sogenannten „maxi operazione“ gegen das organisierte Verbrechen inzwischen an allerlei gewöhnt. Der Zugriff von Donnerstagnachmittag aber sprengte den Rahmen abermals: Nach jahrelangen Ermittlungen der Strafverfolger in Rom und Neapel, in Reggio Calabria und Catanzaro wurden bei koordinierten Razzien im ganzen Land, an denen gut tausend Beamte beteiligt waren, mehr als 70 Verdächtige festgenommen oder unter Hausarrest gestellt. Den Wert des beschlagnahmten Geld- und Anlagevermögens bezifferten die Ermittler auf knapp eine Milliarde Euro.

Der Schlag der Maxi-Operation „Petrolmafie Spa“ (Ölmafia AG) war gegen verschiedene Familien zweier Mafiaorganisationen gerichtet, der Camorra aus Kampanien mit der Hauptstadt Neapel einerseits, der 'ndrangheta aus Kalabrien auf der anderen Seite. Den Verdächtigen werden Geldwäsche, Steuerbetrug mit Mineralölprodukten und zahlreiche weitere Delikte zur Last gelegt.

Schillernde Figur unter den Verhafteten

Die schillerndste Figur unter den Verhafteten ist die 62 Jahre alte Unternehmerin Anna Bettozzi. Besser bekannt ist sie unter ihrem Künstlernamen Ana Bettz, unter welchem der Spross einer amerikanisch-italienischen Familie Ende der neunziger Jahre eine mäßig erfolgreiche Karriere als Popsängerin begonnen hatte. Bei der Vorstellung eines ihrer Videoclips hatte sie einst verkündet, sie sei als beharrlich bekannt und im Sternzeichen des Löwen geboren – „wie Madonna, mit der man mich vergleicht“. Nach allem, was man weiß, hat diesen Vergleich aber nur Ana Bettz selbst bemüht.

Später heiratete sie den italienischen Ölmagnaten Sergio Di Cesare. Zwei Kinder gingen aus der Ehe hervor, zwei weitere Kinder hat Bettz aus einer früheren Ehe. Seit Jahr und Tag ist Bettz ein fester Bestandteil der Glitzergesellschaft an der Costa Smeralda auf Sardinien. Den früheren Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi zählt sie zu ihren persönlichen Freunden. Berlusconi seinerseits hatte sich in den vergangenen Jahren merklich von Bettz distanziert.

Nach dem Tod ihres Mannes Di Cesare im August 2018 übernahm Bettz die Geschäfte an der Spitze von „Max Petroli“. Die waren zuletzt in bedenkliche Schieflage geraten, und da kamen die Emissäre der Camorra-Clans der Moccia und der Casalesi aus Kampanien offenbar wie gerufen. Die berüchtigten Familien suchten nach Möglichkeiten, Geld aus dem Drogenhandel zu waschen und ihre „Geschäftstätigkeit“ zu erweitern.

Die Finanzspritzen wirkten Wunder: Der Umsatz des Unternehmens, das Bettz nach dem Tod ihres Mannes in „Made Petrol“ umbenannt hatte, schoss binnen dreier Jahre von neun Millionen auf 370 Millionen in die Höhe. Um Werbepartner für ihr Unternehmen zu finden, konnte Bettz auf Bekanntschaften aus ihrer einstigen Karriere zurückgreifen. In den Akten der Ermittler findet sich die Mitschrift eines abgehörten Telefonats, das Bettz mit dem Model und Schauspieler Gabriel Garko führte, der selbst jedoch nicht zu den Verdächtigen gehört. Garko hatte Bettz für einen Videoclip zu Werbezwecken für „Made Petrol“ 250.000 Euro angeboten – davon 150.000 Euro „in bar und schwarz“, wie es in dem Abhörprotokoll heißt.

Vorliebe für Bargeld

Überhaupt hat Bettz immer wieder ihre Vorliebe für Bargeld zu erkennen gegeben. Beim Grenzübertritt mit ihrem Rolls Royce von Italien nach Frankreich wurde sie im Mai 2019 mit 300.000 Euro ertappt, die sie in ihren Schuhen versteckt hatte. Weitere 1,7 Millionen Euro Bargeld wurden später in ihrem Mailänder Hotel beschlagnahmt. Es habe sich um Teile des Bar-Erbes gehandelt, das ihr Mann ihr hinterlassen habe, erklärte Bettz damals die vielen Scheine.

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’ndrangheta
Warum die kalabrische Mafia so mächtig ist

Giovanni Melillo, Staatsanwalt aus Neapel, erklärte nach dem Zugriff vom Donnerstag: „Es gibt eine ganze Reihe von Mafia-Unternehmen, die zu einem strukturellen Bestandteil des Mineralölmarktes geworden sind.“ Die kriminellen Organisationen hätten mit gefälschten Rechnungen und erfundenen Geldtransaktionen den Staat um Steuereinnahmen in Höhe von mindestens 185 Millionen Euro betrogen. Zugleich hätten sie versucht, immer stärker in den legalen Bereich des Mineralöl-Geschäfts einzusteigen, um Gewinne aus illegalen Geschäften dort zu waschen.

Bemerkenswert sei, dass die beteiligten Clans der Camorra aus Kampanien und der 'ndrangheta aus Kalabrien sich zusammengeschlossen hätten, um gemeinsam illegal Mineralölprodukte zu importieren und zu vermarkten, während sie die Erlöse über Strohmänner und Briefkastenfirmen wuschen. Auch Nicola Gratteri, Oberstaatsanwalt von Catanzaro in Kalabrien, sprach von einer „großen Synergie der maßgeblichen Mafien in Italien“, die den Mineralölhandel als „im Vergleich zum Drogenschmuggel bequemeres Geschäftsfeld“ für sich entdeckt hätten.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Rüb, Matthias (rüb)
Matthias Rüb
Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.
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