Brunner-Prozess

Ohne Geld, ohne Regeln, ohne Ziel

Von Karin Truscheit, München
04.08.2010
, 21:50
Der Angeklagte Sebastian L. wird in den Gerichtssaal geführt
Eine Tat, zwei Täter: Laut psychiatrischem Gutachten bedauert Sebastian L. den Tod von Dominik Brunner. Im Gegensatz dazu denkt Markus S. schon an die Zeit nach der Haft - und plant seine Karriere als Rapper.
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Als Sebastian L. im November 2008 nach einem Streit mit seinem Vater wieder in die Wohnung zurückkehrte, setzte er sich vor den Fernseher. Erst später bemerkte er, dass der Vater tot in der Wohnung lag, gestorben an einem Hirninfarkt. Da war Sebastian L. 16 Jahre alt und hatte bis dahin kaum Familienleben erfahren. Die Mutter hatte vier Jahre zuvor einen Hirnschlag erlitten und war seitdem ein Pflegefall. Sie habe eigentlich jeden Tag getrunken, sagt Sebastian L. Er selbst fing an zu rauchen und zu trinken, als er die Grundschule hinter sich hatte. Seit er 12 Jahre alt ist, leidet er an der Magen-Darm-Krankheit Morbus Krohn, Bauchkrämpfe begleiteten ihn fortan dauernd. Wegen notorischen Schulschwänzens schickte ihn der Vater zum Schulpsychologen, doch Sebastian L. hing weiter auf Spielplätzen herum, stromerte durch die Stadt und versuchte an Geld zu kommen für die drei Gramm Haschisch, die er ungefähr pro Tag brauchte.

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Nach dem Tod des Vaters kam Sebastian L. zunächst zur Großmutter. Dort hatte er allerdings Schwierigkeiten mit dem Ausgehverbot nach 20 Uhr. So schlüpfte er mal bei diesem Freund, mal bei jenem Bekannten unter – ohne Eltern, ohne Geld, ohne Regeln, ohne Ziel. Dann ging es von einem Heim zum anderen, bis er schließlich in der Wohngemeinschaft „easy contact“ der Suchthilfe landete und dort ein paar Wochen vor der Tat auf Markus S. traf.

Der Gutachter bescheinigt Sebastian L. eine „aggressive Reizbarkeit“

Der psychiatrische Gutachter Franz-Joseph Feisleider sagt am Donnerstag im Münchner Brunner-Prozess vor Gericht aus, dass Sebastian L. ihm gegenüber die Tat oft und glaubwürdig bedauert habe. „Er hat viel und unaufgefordert darüber gesprochen, wie es jetzt den Eltern von Herrn Brunner geht. Er sagte auch, dass er ganz erleichtert war, als er hörte, dass Herr Brunner selbst keine Kinder hatte.“ Es sei sein ernsthafter Wunsch, in der Haft einen Hauptschulabschluss zu schaffen und fortan einen anderen Weg zu gehen, ohne Drogen. Er bescheinigte ihm dissoziale Symptome, eine aggressive Reizbarkeit, vor allem im Zusammenhang mit Alkohol. Jedoch: „Sebastian L. war zur Tatzeit schuldfähig.“ Es gebe weder Hinweise für eine depressive Störung noch für eine Psychose. Seine intellektuellen Fähigkeiten mit einem IQ von 104 liegen über dem Durchschnitt, anders als es frühere Beurteilungen angeben. „Die Einsichtsfähigkeit war gegeben.“ Aus der Haft heraus schrieb Sebastian L. offenbar auch in vielen Briefen, wie sehr ihm die Tat leid tue. Er möchte es gerne ungeschehen machen, sagt Sebastian L. vor Gericht dazu – und es ist das erste Mal, das seine sonst so eintönige Stimmlage zu kippen droht.

Markus S. hingegen, der zweite Angeklagte, schreibt aus seiner Haft seitenlange Briefe an seinen ebenfalls einsitzenden älteren Bruder und gibt ihm dabei Tipps, wie man Liegestüzen am effektivsten ausführt, ohne sich Muskelverspannungen zuzuziehen. Zudem kündigt er an, mit dem Geld, das er aus Filmaufnahmen mit RTL einnehmen will, ein Tonstudio zu kaufen, um seine Rap-Songs zu produzieren. Er schreibt indes auch an seine jüngere Schwester, dass er „nach dem Knast keine kriminelle Scheiße“ mehr machen wolle und dass ihm „alles total leid tut“.

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Markus S. geriet in schlechte Gesellschaft - in den eigenen vier Wänden

Seinen Bruder verehrt Markus S., seitdem er denken kann. Bis zu seiner Verhaftung lebte Markus S. noch bei seinen Eltern, die Mutter ist Postbotin, der Vater arbeitet in der Logistikabteilung eines großen Unternehmens. Doch Markus S. geriet zu schnell in schlechte Gesellschaft – in den eigenen vier Wänden. Der zwei Jahre ältere Bruder brachte ihm nicht nur das Gitarrespielen bei, sondern auch in Kontakt mit älteren Freunden und Rauschgift. Die Grundschule („ein ordentlicher, lieber Bub“) und die ersten Jahre der Hauptschule bewältigte er zunächst ohne größere Schwierigkeiten. Als er in die achte Klasse der Realschule wechselte, blieb er dort sitzen. Eigentlich sollte er in einem Lehrgang den qualifizierten Hauptschulabschluss schaffen. Doch statt in der Schule verbrachte er seine Zeit lieber in der Wohnung seines Bruders, mit Alkohol, Drogen und Rapmusik. Nach eigenen Aussagen der Jugendgerichtshilfe gegenüber handelte er wie sein Bruder mit Drogen, offenbar „im Kilobereich“. Mit dem Geld wollte er ein Tonstudio kaufen. Im Frühjahr 2009 wurde sein Bruder verhaftet, kurz darauf bedrohte Markus S. mit geladener Gaspistole nachts einen Mann. Am Morgen des 12. September 2009 dann, Stunden bevor er auf Brunner traf, erhielt er per Post eine Anklage wegen Drogenhandels. „Sehr wütend“ sei er darüber gewesen, schockiert. „Und da ziehen Sie nachmittags gleich wieder los“, fragt ihn der Vorsitzende sichtlich ungehalten, „nachdem Sie morgens diese Anklage erhalten haben, belästigen an der Donnersbergerbrücke diese Jugendlichen, gehen sie um Geld an?“

Markus S. möchte die Frage nach Rücksprache mit seinen Verteidigern lieber nicht beantworten. Überhaupt äußert er sich vor Gericht kaum, schon gar nicht zur Tat – im Gegensatz zu Sebastian L. Er verspüre „Hass auf die Gesellschaft und die Polizei“ seit der Inhaftierung seines Bruders, heißt es in dem Bericht der Jugendgerichtshilfe. Woher denn dieser Hass komme, wenn sein Bruder doch wegen Drogenhandels, aus gutem Grunde also, verhaftet wurde, fragt die Staatsanwältin nach. Markus S. räuspert sich, lehnt sich nach vorne und formuliert abwägend: Naja, er sei halt schon oft schlecht von der Polizei behandelt worden, wenn sie ihn nach Drogen abgesucht hätten. Reue? Die Tat tue ihm leid, aber vor allem im Hinblick auf seine Eltern, was sie nun deswegen erleiden müssen, schreibt er in den Briefen aus der Haft. Doch weit größeren Raum nehmen die Rap-Ambitionen aus: Enthusiastisch schreibt er seinem Bruder, dass Mitgefangene seine Texte „voll krass“ finden.

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Gutachter Freisleder sagt am Donnerstag, es sei sehr schwer, eine abwägende Beurteilung vorzunehmen, da sich Markus S. – im Gegensatz zu seinem Kumpel – nicht habe begutachten lassen wollen. Trotzdem spreche mehr für die Anwendung des Jugendstrafrechts bei dem zum Tatzeitpunkt 18 Jahre alten Markus S. Doch auch er sei schuldfähig. Eine tiefgreifende Bewusstseinsstörung könne ausgeschlossen werden. Schon der psychologische Gutachter hatte ihm eine dissoziative Persönlichkeit attestiert. Markus S. übernehme keine Eigenverantwortung, missachte Normen und zeige eine egozentrische Grundhaltung. „Schuld wird externalisiert.“ Das Verhältnis zu seinem Bruder sei als unreif zu bezeichnen. Wie rappte Markus S. aus der Haft an seinen Bruder? „Du bist für mich wie atmen, ich brauch’ Dich mehr als Frauen und Ficken als Saufen und Kiffen. Du bist mein Held, Du bist mein Bruder.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Truscheit, Karin
Karin Truscheit
Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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