Brunner-Prozess

Tag der Plädoyers, Tag der Opfer

Von Albert Schäffer, München
24.08.2010
, 19:12
© reuters, reuters
Die Anklägerin fordert im Prozess um den gewaltsamen Tod von Dominik Brunner zehn Jahre für den mutmaßlichen Haupttäter - wegen Mordes. Seine Verteidiger widersprachen in ihrem Plädoyer am Dienstag dieser Bewertung.
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Im Prozess um den Tod des Geschäftsmanns Dominik Brunner sind am Dienstag die Plädoyers gehalten worden. Es gehört zum - mitunter nicht immer leicht zu ertragenden - Wesen eines Strafverfahrens, dass im Mittelpunkt die Täter stehen: Ihnen gilt es, im strengsten Wortsinne, gerecht zu werden. Die Möglichkeit, sich als Opfer eines Verbrechens oder als Angehörige eines Opfers im Wege der Nebenklage an einem Prozess zu beteiligen, kann nur ein kleines Gegenwicht zu dieser Täterzentriertheit schaffen.

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Der anwaltlichen Vertreterin der Eltern Brunners gelang es in ihrem Plädoyer aber, Dinge zurechtzurücken, die in der öffentlichen Wahrnehmung in eine Schieflage geraten waren. Dazu zählte eine Debatte, ob die Beweisaufnahme dazu führen müsse, das in den Medien gezeichnete Bild des „S-Bahn-Helden“ zu korrigieren. Die Anwältin stellte eindringlich dar, dass es nie im Sinne ihrer Mandaten gewesen sei, den Sohn zu einer solchen Figur zu stilisieren - und dass aus Sicht der Eltern auch er selbst eine solche Überhöhung strikt abgelehnt hätte.

Brunner stand Hilflosen in der Not bei

Die Anwältin schilderte Brunner als einen Menschen mit Stärken und Schwächen, mit einer starken Bindung an die Eltern, mit Lebensfreude und Mut. Ein Mensch, der sich, als die beiden Angeklagten vier Kinder bedrohten, ein Herz fasste. Es waren befreiende Worte, hatte sich doch in den vergangenen Wochen ein Schleier aus Einzelfragen - etwa wie es um die Gesundheit Brunners stand - über den Prozess gelegt und verdeckt, dass Brunner am Nachmittag des 12. September 2009 etwas sehr Einfaches und etwas sehr Schwieriges zugleich tat: Er stand Hilflosen in der Not bei.

Die Anklage hat zehn Jahre Haft wegen Mordes für den Haupttäter Markus S. (rechts) gefordert
Die Anklage hat zehn Jahre Haft wegen Mordes für den Haupttäter Markus S. (rechts) gefordert Bild: REUTERS

Diese zutiefst menschliche Qualität seines Handelns geriet während der Beweisaufnahme zuweilen in den Hintergrund durch - eine rechtlich notwendige - Auseinandersetzung über einzelne Punkte, welche die Urteilsfindung der 1. Jugendkammer des Landgerichts München I prägen werden, vor der sich die Angeklagten Markus S. und Sebastian L. seit vergangenem Monat verantworten müssen. Dazu zählt, wie es zu bewerten ist, dass Brunner am S-Bahnhof Solln den ersten Schlag setzte. Hier arbeitete die Sitzungsvertreterin der Staatsanwaltschaft in ihrem Plädoyer recht nachdrücklich heraus, dass diesem Schlag Brunners vergebliche Versuche vorausgegangen waren, die beiden Angeklagten verbal zur Räson zu bringen.

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Kein Täter hat Anspruch auf ein gesundes Opfer

Ob die Staatsanwaltschaft nach der Festnahme der beiden Angeklagten die Annahme einer Notwehrsituation in der gebotenen Klarheit dargestellt hat, mag einer Nachbearbeitung wert sein, auch in der Anklagebehörde. Für die Urteilsfindung ist die Frage einer angemessenen Kommunikation ohne Belang. Dass gilt auch in einem zweiten zentralen Punkt der Beweisaufnahme: wie es zu bewerten ist, dass Brunner an einem krankhaft vergrößerten Herzen litt, das dem psychischen und physischen Stress der Schläge und Tritte nicht gewachsen war.

Auch hier fand die Staatsanwältin in ihrem Plädoyer zu einer Klarheit, die zu einem früheren Zeitpunkt manche Mystifikationen verhindert hätte: Kein Täter habe einen Anspruch auf ein gesundes Opfer - ein Opfer mit einer idealtypischen Konstitution. Ohne die Schläge und Tritte, die ein Opfer mit einem gesunden Herzen möglicherweise überlebt hätte, wäre Brunner noch am Leben, fasste die Staatsanwältin zusammen. Und sie stellte noch einmal fest, dass Brunner - der von seinem vergrößerten Herzen nichts wusste - ohne die Tat noch ein langes, erfülltes Leben hätte führen können.

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Haben beide mit Tötungsvorsatz gehandelt?

Nach diesen beiden Punkten - der Frage einer Notwehrsituation und der Kausalität - blieb in den Plädoyers die Frage, ob die beiden Angeklagten mit Tötungsvorsatz gehandelt haben. Und in dieser Frage ließ die Staatsanwältin den Verteidigern wenig argumentativen Spielraum, indem sie sehr akribisch das Pro und Contra abwog. Bei Markus S., der nach Zeugenaussagen Brunner wuchtige Tritte gegen Kopf und Oberkörper versetzte, bejahte sie einen Tötungsvorsatz, bei Sebastian L. gelangte sie zu „Restzweifeln“, die zu seinen Gunsten berücksichtigt werden müssten.

Eine Scheidelinie zwischen beiden Angeklagten war damit erreicht, die auch das Urteil der Jugendkammer, das am 6. September gesprochen werden soll, prägen könnte: Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft hat sich Markus S. eines Mordes schuldig gemacht, da er aus niedrigen Beweggründen gehandelt habe - einer Bewertung, der seine Verteidiger in ihrem Plädoyer widersprachen. Sebastian L. lastet die Staatsanwaltschaft, anders noch als bei der Anklageerhebung, keinen Mord an, sondern Körperverletzung mit Todesfolge. Er hatte zwar spät, aber doch versucht, Markus S. von weiteren Tritten abzuhalten. Beiden Angeklagten wird zudem eine versuchte räuberische Erpressung vorgeworfen; sie hatten von den Kindern Geld verlangt.

Der Tag der Plädoyers war auch ein Tag der Opfer

In den Strafanträgen der Staatsanwaltschaft kam die Scheidelinie zwischen Mord und Körperverletzung mit Todesfolge allerdings nur bedingt zum Tragen - beide Angeklagte sollen hohe Jugendstrafen verbüßen. Markus S., der zur Tatzeit 18 Jahre alt war, soll nach ihrem Willen zu einer Jugendstrafe von zehn Jahren, Sebastian L., zur Tatzeit 17 Jahre alt, zu einer Jugendstrafe von acht Jahren verurteilt werden. Zehn Jahre Jugendstrafe ist die maximale Strafe im Jugendstrafrecht, die allerdings sehr selten verhängt wird; im Erwachsenenstrafrecht, das die Jugendkammer auf Markus S. auch anwenden könnte, wenn sie zum Schluss kommt, dass er einem Erwachsenen gleicht, müsste bei Mord eine lebenslange Freiheitsstrafe verhängt werden.

Das Leid der Eltern Brunners wird der Ausgang dieser juristischen Abwägungen - Erwachsenen- oder Jugendstrafrecht, Tötungs- oder Körperverletzungsvorsatz - kaum verringern können. Das wurde in den Worten ihrer Anwältin deutlich. Ihnen ist mit dem Tod ihres einziges Kindes ihr Lebenssinn genommen worden; beide bedürfen intensiver medizinischer Hilfe. Und noch andere Opferschicksale kamen am Dienstag zu Sprache. Die Anwältin der Kinder, die Brunner schützte, erinnerte an die Last, die sie seit der Tat tragen müssten: Sie mussten mitansehen, dass der Mann, der ihnen zu Hilfe kam, getötet wurde. So gesehen, war der Tag der Plädoyers auch ein Tag der Opfer.

Quelle: F.A.Z.
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