Bushido gegen Clanchef

Ein Angebot für Abou-Chaker

Von Julia Schaaf, Berlin
16.12.2020
, 15:47
In dem Prozess gegen den Clanchef geht es am Mittwoch erstmals auch um konkrete Beträge, über die im Zuge der Trennung der beiden Geschäftspartner verhandelt wurde: Bushido will Arafat Abou-Chaker 1,8 Millionen Euro geboten haben.

Es gibt diese Tonaufnahme aus dem Februar 2018, die das Ende der Geschäftsbeziehung zwischen Bushido und seinem langjährigen Partner Arafat Abou-Chaker in einem anderem Licht erscheinen lässt. Der Mitschnitt ist nur wenige Sekunden lang, und der Rapper mit dem bürgerlichen Namen Anis Ferchichi kommt an diesem Mittwoch vor dem Landgericht Berlin selbst darauf zu sprechen. Man befindet sich bei einem Edelitaliener in Steglitz, eigentlich zu viert, Bushidos Frau und ein weiterer Vertrauter des Musikers sind kurz zum Rauchen vor die Tür gegangen. Jetzt bedrängt Abou-Chaker den Musiker mit Fragen, die Bushido vor Gericht wie folgt referiert: „Was ist los hier? Hab ich dich geschlagen? Was sagst du deiner Frau, ich hab dich geschlagen? Ich würd‘ dich niemals schlagen!“ Der angebliche Clanchef hat die Sequenz heimlich mit dem Handy aufgezeichnet. Und Bushido bestätigt darin nach eigenen Angaben tatsächlich, der langjährige Freund und Partner habe ihn nicht geschlagen.

Nun ist das genau das Gegenteil von dem, was Bushido in seiner Zeugenaussage vom Montag ausführlich geschildert hat, und was zum Kern der Anklage gegen Abou-Chaker und drei seiner Brüder unter anderem wegen räuberischer Erpressung gehört. Jetzt versucht der Rapper, diesen Widerspruch aufzulösen. Den vierstündige Termin in den Geschäftsräumen Abou-Chakers am 18. Januar, bei dem er bei verschlossener Tür massiv beleidigt und mit einer Wasserflasche und einem Stuhl geschlagen worden sein will, bezeichnet er als einen „Albtraum“, der ihn „sehr traumatisiert“ habe. „Der hat mich halt in der Mitte durchgebrochen wie einen Zahnstocher. Ich komme nach Hause, ein Familienvater, und fühle mich als Stück Dreck.“

„Ich hätte alles gesagt, um deeskalierend auf die Situation einzuwirken“

Deshalb habe er das Treffen beim Italiener Anfang Februar mit hängenden Schultern eher schweigsam absolviert und Abou-Chakers Vorhalt unter vier Augen nicht widersprochen: „Ich hätte alles gesagt, um deeskalierend auf die Situation einzuwirken.“ Zumal er davon ausgegangen sei, dass er für eine Auflösung der Vertragsbeziehung auf die freiwillige Zustimmung seines Partners angewiesen wäre. Bushido formuliert seine damalige Überzeugung so: „Arafat wird das bekommen, was er will, ob mit Gewalt, mit psychischer Gewalt, egal mit was.“

Weil inzwischen sowohl Straf- als auch Zivilgerichte klären müssen, wem der beiden Männer nach mehr als einem Jahrzehnt privatem und geschäftlichem Miteinander eigentlich was zusteht, geht es in dem Prozess am Mittwoch erstmals auch um konkrete Beträge, über die im Zuge der Trennung verhandelt wurde. Drei oder vier Treffen bei besagtem Edelitaliener hat es Bushido zufolge gegeben. Weil Abou-Chaker sich nach der ersten Begegnung geweigert habe, die Anwesenheit von Bushidos Frau zu dulden, trafen sich die Männer nunmehr allein. Klar sei gewesen, dass es um Bushidos Einnahmen aus vier Quellen gehen müsse: die Alben-Verkäufe, Youtube-Einkünfte, Merchandising sowie das Live-Geschäft. Die lukrativen Geschäfte mit Drittkünstlern, insbesondere dem Rapper Shindy, hätten dabei noch gar nicht zur Debatte gestanden.

„Ich sitze nicht hier, weil es ums Geld geht“

Bushido sagt, Abou-Chaker habe die Einkünfte aus dem seinerzeit jüngsten Album „Black Friday“ – allerdings ohne Bezug auf schriftliche Unterlagen – auf insgesamt 1,2 oder 1,4 Millionen Euro beziffert. Für Youtube habe man über eine sechsstellige Summe gesprochen. Das Live-Geschäft sei ein „heikles Thema“ gewesen, weil etwa bei Clubkonzerten das zwei-, drei oder vierfache der offiziellen Einnahmen an Schwarzgeld geflossen sei. Während Abou-Chaker sich nie auf eine Summe festgelegt habe, die „wirklich zu einer Beendigung geführt hätte“, habe er selbst sich mit seiner Frau darauf verständigt, dem einstigen Partner über drei Jahre hinweg insgesamt 1,8 Millionen Euro anzubieten, also 600.000 Euro jährlich. Aber in der Aufhebungsvereinbarung, die er Abou-Chaker schließlich im März vorgelegt habe, habe keine Zahl gestanden. „Er hätte auch 3,2 Millionen reinschreiben können“, sagt Bushido, „der Betrag war offen“.

Gescheitert ist die Einigung dem Rapper zufolge an Abou-Chakers Vorstellungen von der Laufzeit der Zahlungen. Nur deshalb gebe es jetzt eine gerichtliche Auseinandersetzung: „Ich wäre nicht zur Polizei gegangen und hätte ihn angezeigt“, sagt Bushido. Offenbar ist es dem Musiker ein Anliegen, der wiederkehrenden Behauptung aus dem Abou-Chaker-Umfeld entgegenzutreten, er versuche mit Hilfe des Staates, finanziell als Gewinner aus der Trennung hervorzugehen. Bushido beteuert: „Ich sitze nicht hier, weil es ums Geld geht. Hätte er damals das angenommen, was ich ihm im März angeboten habe, würden wir hier alle nicht sitzen.“

Am Mittwoch wird außerdem deutlich, dass Bushido sich vermutlich nicht das erste Mal seit seinen Vernehmungen bei der Polizei ausführlich zu seiner Beziehung zu Arafat Abou-Chaker und dem Gezerre um ein Ende der Partnerschaft äußert. In der Nacht vor Prozessbeginn habe man die Dreharbeiten an einer Dokumentation abgeschlossen, die nach Ende des Prozesses veröffentlicht werden solle. Die Produktionsfirma „Content Factory“ gehört in den Dunstkreis des Springer-Konzerns. Der Vorsitzende Richter will daraufhin wissen, ob der Film gegebenenfalls „als Datei schon einsehbar“ wäre. Bushido bejaht. Die letzte Frage an diesem Verhandlungstag, bevor der Prozess bis zum 6. Januar unterbrochen wird, stellt jedoch die Verteidigung und betrifft das Sprachmemo aus dem Februar 2018, dessen Inhalt Bushido bis dahin nur referiert hat: „Würden Sie zustimmen, dass diese von Ihnen erwähnte Tonaufnahme vorgespielt wird?“ Bushido will bis zum nächsten Mal darüber nachdenken.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Schaaf, Julia
Julia Schaaf
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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