Tod im Kreißsaal

Drei Jahre Haft für betrunkene Narkoseärztin

Von Michaela Wiegel, Paris
12.11.2020
, 17:23
Obwohl man wusste, dass eine Anästhesistin alkoholabhängig war, assistierte sie wegen Personalmangels bei einer Geburt. Die Mutter starb dabei. Nun wurde die damalige Narkoseärztin zu drei Jahren Haft verurteilt.

Vor sechs Jahren starb eine 28 Jahre alte Engländerin, Xynthia Hawke, kurz nach einer Kaiserschnitt-Operation in einem französischen Krankenhaus nahe der Stadt Pau. Am Donnerstag hat nun ein Strafgericht in Pau die 51 Jahre alte deutsch-belgische Anästhesistin Helga Wauters wegen fahrlässiger Tötung zur Höchststrafe von drei Jahren Haft verurteilt und ein lebenslanges Berufsverbot ausgesprochen. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass die Ärztin den Tod der jungen Mutter zu verantworten hat – weil sie während des Eingriffs unter starkem Alkoholeinfluss stand.

Wauters war schon zuvor wegen ihrer Abhängigkeit aufgefallen. Im Februar 2013 war sie in Belgien vom Krankenhaus in Soignies entlassen worden. Sie fand in Sankt-Vith in der Nähe von Lüttich eine neue Anstellung, in ihrem Arbeitsvertrag stand aber, dass sie zu jeder Zeit einem Alkoholtest unterzogen werden könne. Zweimal soll sie unter Alkoholeinfluss gestanden und deshalb außerstande gewesen sein, Müttern kurz vor der Entbindung eine Periduralanästhesie zu verabreichen. Nach ihrer neuerlichen Kündigung in Belgien wurde sie am 12. September 2014 in der französischen Klinik Labat in Orthez eingestellt. Dort will man von ihrer Vorgeschichte nichts gewusst haben.

Aus Personalknappheit im Dienst gewesen

Wenige Tage später, am 26. September, kam die junge Engländerin zur Entbindung in das Krankenhaus von Orthez, das mit der Klinik zusammenarbeitet. Schon am 22. September war Wauters dort aufgefallen, weil sie einem Patienten ein falsches Medikament verschrieben hatte und in einem Krankenzimmer im Rausch zu Boden gefallen war. Am 24. September beantwortete sie keine Telefonanrufe, obwohl sie zum Dienst eingeteilt war. Die Klinik entschied daraufhin, der Narkoseärztin zu kündigen; sie musste aber am 26. September aus Personalknappheit noch Dienst im Krankenhaus leisten. Der Gynäkologe entschied sich kurzfristig zu einem Kaiserschnitt und ließ Wauters rufen. Wie sie vor Gericht zugab, hatte sie eine halbe Flasche Wodka getrunken, will aber noch „zu 70 Prozent“ einsatzbereit gewesen sein. Sie behauptete, das Beatmungsgerät sei defekt und das Pflegepersonal nicht qualifiziert gewesen.

Als Wauters die Entbindende intubieren musste, verwechselte sie den Atemwegskanal mit der Speiseröhre, wurde vor Gericht vermerkt. Sie übersah einen Herzstillstand von 50 Minuten der Frau, die ins Koma fiel und nach drei Tagen starb. Die Situation im Entbindungssaal wurde von den Anwesenden als dramatisch beschrieben. Wauters sei ein Totalausfall gewesen, es wurde der Notdienst gerufen, um die junge Mutter zu retten. Deren Sohn ist inzwischen sechs Jahre alt, er lebt mit dem Vater in Frankreich. Das Strafverfahren gegen die Klinik und das Krankenhaus wurde eingestellt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Wiegel, Michaela
Michaela Wiegel
Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.
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