Einbruch ins Grüne Gewölbe

Tatverdächtiger wird in Dresden dem Ermittlungsrichter vorgeführt

Von Stefan Locke, Dresden
15.12.2020
, 11:31
Am Montagabend hat die Polizei in Berlin einen der Tatverdächtigen im Fall der geraubten Juwelen aus dem Grünen Gewölbe gefasst. Der Beschuldigte wird im Laufe des Dienstags in Dresden vor Gericht gestellt.

Nach dem Mann wurde international gefahndet. Am Montagabend nahm ihn die Polizei ganz in der Nähe seines Zuhauses fest. Um exakt 19:21 Uhr, so teilte die Staatsanwaltschaft Dresden am Dienstagmorgen mit, sei der gesuchte Mohammed Remmo in der Jahnstraße im Berliner Stadtteil Neukölln in einem Auto entdeckt worden. Dem Vernehmen nach sei der 21 Jahre alte Mann auf dem Weg zu einer Bekannten gewesen, als ihn Zielfahnder des Bundeskriminalamtes sowie des Landeskriminalamtes Berlin entdeckten.

Der Beschuldigte werde im Laufe des Dienstags in Dresden dem Ermittlungsrichter vorgeführt; die Staatsanwaltschaft wirft ihm schweren Bandendiebstahl sowie Brandstiftung vor. Bereits vor einem Monat hatte die Polizei in Berlin bei einer Großrazzia drei in dem Fall Tatverdächtige aus dem arabischstämmigen Remmo-Clan festgenommen; sie sind seitdem wegen dringenden Tatverdachts in Untersuchungshaft in Dresden.

Mit einer Axt die Vitrinen eingeschlagen

Die Männer sollen Ende November vergangenen Jahres in das Dresdner Grüne Gewölbe, die Schatzkammer der sächsischen Kurfürsten und Könige, eingebrochen sein und rund zwei Dutzend mit unzähligen Edelsteinen besetzte Stücke aus drei barocken Juwelengarnituren geraubt haben. Bilder von Überwachungskameras zeigen, wie die Täter brutal mit einer Axt auf die mit Sicherheitsglas ausgestatteten Vitrinen einschlagen und mehrere Stücke raffen. Weil sie offenbar nicht damit gerechnet hatten, dass die Schätze mit Angelsehne am Untergrund befestigt waren, zerrissen dabei einige der 300 Jahre alten Preziosen. Im Anschluss verschwanden sie mit einem Fahrzeug, dass sie kurz darauf in der Tiefgarage eines Mehrfamilienhauses in Brand setzten, um Spuren zu verwischen. Die Ermittler konnten jedoch darin mehrere eindeutige Spuren sichern, die zum Tatort wie zu den Tätern gehörten.

Seit rund einem Jahr ermittelt die nach einem der geraubten Stücke benannte Sonderkommission „Epaulette“ mit in Spitzenzeiten bis zu 45 Mitarbeitern, allerdings fehlt von der Beute bis heute jede Spur. Kenner der Szene gehen davon aus, dass die Stücke womöglich in Einzelteile zerbrochen und die Steine auf dem Schwarzmarkt verkauft worden sind. Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden wiederum, in deren Obhut das Grüne Gewölbe ist, hoffen nach wie vor auf Rückkehr der Schätze. Die Sicherheitstechnik am Museum sei inzwischen so aufgerüstet worden, dass sich ein solches Ereignis nicht wiederholen könne, versicherte Generaldirektorin Marion Ackermann. Nach wie vor unklar ist die Rolle von Mitarbeitern des privaten Sicherheitsdienstes. Sie hatten erst spät Alarm ausgelöst und waren nicht persönlich eingeschritten. Die Ermittler gehen davon aus, dass die Täter Interna kannten und Überwachungskameras manipuliert worden sind. Bei mehreren Hausdurchsuchungen fanden sich darauf jedoch bisher keine Hinweise.

Nach wie vor flüchtig ist nun noch der fünfte Tatverdächtige, Abdul Majed Remmo. Er ist der Zwillingsbruder des am Montagabend Gefassten. Nach ihm werde weiterhin „mit Hochdruck“ gefahndet, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Dresden.

Mehrere Mitglieder der Großfamilie Remmo waren in der Vergangenheit immer wieder für schwere Straftaten verantwortlich. So war der bereits im November festgenommene Wissam Remmo bereits 2019 für seinen Beteiligung am Raub der 100 Kilogramm schweren Goldmünze „Big Maple Leaf“ im Berliner Bode-Museum zu einer Haftstrafe verurteilt worden. Zwei Tage nach dem Raub im Grünen Gewölbe wiederum hatte ihn das Amtsgericht Erlangen wegen Einbruchs in eine Firma für hydraulische Spreizwerkzeuge ebenfalls zu einer Haftstrafe verurteilt. Mit ebenjenem Spezialwerkzeug hatten die Täter auch in Dresden die stählernen Gitter vor den Fenster der Schatzkammer zerschnitten. Dass Wissam Remmo bis zu diesem November dennoch auf freiem Fuß war, erklärte eine Sprecherin des Landgerichts Berlin mit dem gemächlichen Gang der Dinge. Der Verurteilte war einfach noch nicht zum Haftantritt geladen gewesen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Locke, Stefan
Stefan Locke
Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.
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