Prozess im Fall Kusel

Polizisten berichten von „beklemmendem“ Einsatz

Von Julia Anton, Kaiserslautern
27.06.2022
, 18:17
Fall Kusel: Der Hauptangeklagte (rechts) sitzt neben seinem Anwalt im Verhandlungssaal des Landgerichts Kaiserslautern.
In Kaiserslautern berichten am Montag Kollegen der getöteten Polizisten, wie sie die beiden Opfer fanden. Auch ein gemeinsamer Freund der Angeklagten sagt aus: Während S. ein „genialer“ Schütze gewesen sei, habe V. sich nicht für Waffen interessiert.

Zumindest am Geschehen nach dem mutmaßlichen Mord an zwei Polizisten im Landkreis Kusel bestanden am Montag vor dem Landgericht Kaiserslautern keine Zweifel. Zum Start der Beweisaufnahme waren die vier Polizisten geladen, die am Morgen des 31. Januars 2022 als Erste am Tatort eintrafen. Eindrücklich und übereinstimmend schilderten die Beamten, wie sie sich nach dem Not-Funkspruch ihres Kollegen Alexander K. auf den Weg gemacht hatten. Doch weil K. nicht mehr dazu kam, die genaue Position durchzugeben, irrten sie durch die Gemeinde Ulmet in Rheinland-Pfalz, bis das Dienstfahrzeug ihrer Kollegen geortet wurde.

Die tote Yasmin B., eine 24 Jahre alte Polizeianwärterin, lag bei ihrem Eintreffen im Scheinwerferlicht gut erkennbar auf der Straße. Anhand ihrer Verletzungen – B. wurde mit einer Schrotflinte in den Kopf geschossen – sei offensichtlich gewesen, dass die junge Frau nicht mehr lebte.

Neben ihm die leer geschossene Dienstwaffe

Die Situation sei „sehr beklemmend“ gewesen, berichtete einer der Beamten sichtlich mitgenommen. Die Sichtverhältnisse seien wegen der Dunkelheit und des Regens schlecht gewesen. Weil sie nicht wussten, ob sich der oder die Täter womöglich im Wald versteckten, seien die Beamten auf Eigenschutz bedacht gewesen.

Den ebenfalls erschossenen Alexander K. entdeckte einer der Kollegen kurz darauf auf dem Feld. Neben ihm lag seine Dienstwaffe mit leer geschossenem Magazin. Auch das Wildschwein, das der wegen Mordes angeklagte Andreas S. kurz zuvor erlegt hatte, entdeckten die Beamten im Feld. Bewegt oder angefasst hätten sie nichts, versicherten sie – nur die Ausweispapiere von Andreas S., die sie nahe des Dienstwagens fanden.

Ihre getöteten Kollegen nannten sie in ihren Ausführungen oft beim Vornamen, einer berichtete von einem freundschaftlichen Verhältnis zu Alexander K. Dessen Leiche habe er sich „aus persönlichen Gründen“ nicht ansehen wollen.

Anders als die später folgenden Zeugen würdigten sie die Anklagebank, auf der neben Andreas S. auch Florian V. sitzt, dem Jagdwilderei und versuchte Strafvereitelung vorgeworfen wird, kaum eines Blickes. Sowohl die Schwiegermutter als auch die Frau von Andreas S. verweigerten die Aussage, ebenso die Verlobte von V. Dafür sagte ein Mann aus, der am Morgen nach der Tat von Andreas S. angerufen wurde. Er ist sein Automechaniker, S. bestellte an jenem Morgen bei ihm neue Reifen und berichtete von einer beschädigten Scheibe an seinem Fahrzeug. Einen Anlass anzunehmen, dass etwas nicht stimmen könnte, habe es während des Anrufs nicht gegeben, berichtete der Zeuge. Früher sei er auch mit Andreas S. zum Angeln gefahren. Nach dem S. geschäftliche Probleme mit seiner Bäckerei hatte, sei er aber aus einem „Bauchgefühl“ heraus auf Distanz zu ihm gegangen.

Zeuge bezeichnet S. als „genialen“ Schützen

Auch ein weiterer Zeuge will zunächst keinen Verdacht geschöpft haben, als er in den frühen Morgenstunden des 31. Januars einen Anruf von Andreas S. erhielt. Der 60 Jahre alte Rentner aus dem Saarland ist ein gemeinsamer Freund der beiden Angeklagten, der die beiden miteinander bekannt machte und dessen Zerwirkraum sie regelmäßig nutzten, um das geschossene Wild zu zerlegen. S. bat seinen Freund, ihn und Florian V. abzuschleppen. Auf der Flucht waren sie mit dem Wagen liegengeblieben. Dabei soll Andreas S. den Rentner bereits auf eine Polizeisperrung im Kreis Kusel hingewiesen haben. Bei seinem Freund angekommen habe S. sich dann routiniert an die Arbeit gemacht. Ungewöhnlich sei zunächst nur gewesen, dass S. bei ihm Duschen wollte. Den ohnehin stillen Florian V. habe er nur kurz gesehen. Dabei sei ihm allerdings sein Gesichtsausdruck aufgefallen – als habe V. „Todesangst“ gehabt. Die Nachrichten vom Tod der Polizisten hätten ihn im Laufe des Tages aber zunehmend verunsichert, berichtete der Zeuge. Schließlich habe er eine Anwältin informiert.

Die Schilderungen des Rentners schienen dabei keine Stütze für die Tatversion zu sein, die Andreas S.' Anwälte vergangene Woche im Namen ihres Mandanten präsentiert hatten. Im Gegensatz zur Staatsanwaltschaft, die nur S. des Mordes beschuldigt, soll seiner Darstellung nach Florian V. die tödlichen Schüsse auf die Polizistin abgegeben haben, S. selbst berief sich auf eine Art Notwehrsituation. Seine Verteidiger wiesen am Montag auch nochmal auf DNA-Spuren von V. hin, die im Lauf der Schrotflinte gefunden worden sein sollen. Ein Sachverständiger soll sie in den kommenden Prozesstagen einordnen.

Zumindest nach Angaben des Rentners habe V. jedoch kein Interesse an Waffen gezeigt, wohingegen Andreas S. ein „genialer“ Schütze gewesen sei, der sich bei der Jagd durch präzise Kopfschüsse auszeichnete. Hinsichtlich der Jagd und der Verarbeitung von Wildbret habe er dabei keinen Spaß verstanden. Als er die beiden Angeklagten etwa Mitte des vergangenen Jahres miteinander bekannt machte, so schildert es der Zeuge, habe S. eine Waffe mit Kaliber 22 hervorgeholt und das komplette Magazin in eine Wiese geschossen. Zu V. soll er sinngemäß gesagt haben, wenn dieser zugedröhnt zur Jagd erscheine oder jemanden davon erzähle, „findet dich keiner mehr“.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Anton, Julia
Julia Anton
Redakteurin im Ressort „Gesellschaft & Stil“.
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