Freispruch nach fünf Jahren Haft

Wie konnte es zu diesem Fehlurteil kommen?

Von Claus Peter Müller und Julia Schaaf
25.07.2011
, 12:17
Horst Arnold (links), hier mit seinem Anwalt Hartmut Lierow, saß fünf Jahre unschuldig im Gefängnis
Der Lehrer Horst Arnold saß fünf Jahre im Gefängnis, weil er seine Kollegin vergewaltigt haben sollte. Das Landgericht Kassel sprach ihn in einem Wiederaufnahmeverfahren frei. Er sei „nachweislich unschuldig“.

Der Richter von damals kommt als Unscheinbarer. Jeans, offenes Hemd, kein Jackett. Der Mann, der 2002 wie ein Herrenreiter durch das Vergewaltigungsverfahren am Landgericht Darmstadt geprescht sein soll, hält seine Aktentasche in der Hand, als gebe sie ihm Halt. Jetzt ist er Zeuge. Im Wiederaufnahmeverfahren vor dem Landgericht Kassel soll er erklären, wie er damals zu seinem Urteil gelangt ist: Mit einer Haftstrafe von fünf Jahren ging das Gericht sogar über den Antrag der Staatsanwaltschaft hinaus. Der Darmstädter Richter spricht mit leiser Stimme. Seine Antworten kommen schleppend, die Pausen scheinen unendlich lang. Meistens beruft er sich auf Erinnerungslücken. Warum ihm die Aussage des Angeklagten damals nicht plausibel schien? Schweigen. Kopfschütteln. Schweigen. Schließlich stellt ausgerechnet die Nebenklagevertreterin eine ungewöhnliche Frage: „Waren Sie und die Kammer überzeugt, dass der Angeklagte schuldig ist?“ Der Richter sagt: „Die Kammer war der Überzeugung.“ Als der Unscheinbare entlassen wird, schleicht er förmlich aus dem Saal.

Wiederaufnahmeverfahren sind selten, die Hürden, um ein rechtskräftig gewordenes Urteil anzufechten, hoch. Längst hatte der Lehrer aus dem Odenwald, der zehn Jahre lang mit dem Stigma lebte, in einer Schulpause seine Kollegin vergewaltigt zu haben, seine Strafe abgesessen, bis zum letzten Tag. Er hatte darüber seinen Job verloren und seine Gesundheit eingebüßt, inzwischen lebt er von Hartz IV. Die Tat hat er immer bestritten. Jetzt sprach das Landgericht Kassel ihn frei. Und nicht nur das. Der Angeklagte sei „nachweislich unschuldig“, sagte der Vorsitzende, auf das angebliche Opfer als einzige Zeugin „beim besten Willen kein Verlass“. Ungewöhnlich deutlich formulierte der Richter auch seine Kritik an den Kollegen: „Das hätte das Gericht in Darmstadt erkennen müssen.“ Wie kommt es zu einem solchen Fehlurteil?

Selbstüberschätzung und Alkohol

Er, Horst Arnold, war Sportlehrer, ein Mann, der Zeugen zufolge zur Selbstüberschätzung neigte. 43 Jahre alt, Cabriolet, immer einen lockeren Spruch auf den Lippen. Sein Problem mit dem Alkohol war bekannt. Auch nach mehreren Flaschen Wein am Abend gab er am Tag darauf Unterricht, ohne dienstrechtliche Konsequenzen. Wenn er getrunken hatte, konnte er ausfällig werden.

Sie, Heidi K., war Mitte 30. Die Sommerferien waren eben zu Ende gegangen, seit drei Wochen unterrichtete die alleinerziehende Mutter aus dem Raum Detmold Deutsch und Biologie an der Georg-August-Zinn-Gesamtschule in Reichelsheim. Man wusste nicht viel über die neue Kollegin. Aber sie galt als hübsch, eloquent und zugewandt.

„Wir hatten einen sehr schweren Stand“, sagt Rechtsanwalt Andreas Pöschke, der Arnold vor dem Landgericht Darmstadt vertrat. Die Staatsanwaltschaft habe das Bild eines Mannes gezeichnet, dem die Tat zuzutrauen sei: Hier ein Kuss auf die Wange einer Sechzehnjährigen, dort eine Klassenfahrt, auf der Minderjährige soffen, ohne dass ihr Lehrer eingeschritten wäre. Entzugsversuche, Beschwerden in der Schulakte sowie eine Verflossene, die von körperlicher Gewalt berichtete. Wer weiß, ob ein besserer Anwalt in dieser Lage mehr hätte bewirken können. Aber Pöschke sagt: „Die wollten ihn unbedingt verurteilen, weil die sich vermutlich auch nicht vorstellen konnten, dass eine Frau sich eine solche Geschichte ausdenkt.“

Erst recht nicht eine so nette Frau, fügt Anja Keinath an. Die Frauenbeauftragte am Staatlichen Schulamt in Heppenheim kannte Heidi K. seit dem Einstellungsgespräch. Man mochte einander und, weil beide in derselben Gegend des Odenwalds wohnten, begegnete sich mitunter zufällig auf der Straße. Zweimal begleitete die Frauenbeauftragte „die arme Frau K.“ zu dem Vergewaltigungsprozess vor dem Landgericht Darmstadt. „Ich gehörte zu ihrem Unterstützersystem“, sagt sie rückblickend. Nur Details der Tat hat sie nie erfragt. So etwas tue man einem Opfer ja nicht an.

Erlogene Opfergeschichten

Das Misstrauen gärte langsam bei Keinath. Da war Heidi K.s Geschichte von einem Lebensgefährten, der angeblich mit einem Kopfschuss im Krankenhaus lag und später verstarb, wie die Lehrerin erst auf Nachfrage berichtete, beiläufig und unbeschwert. Da war die Behauptung, man habe sie vergiften wollen, an einer südhessischen Schule, wo sie kurz zuvor eine Stelle als Konrektorin angetreten hatte. Als dann im Jahr 2007 eine E-Mail kam, in der Heidi K. erwähnte, der Ermittler in ihrem Vergiftungsfall sei heimtückisch ermordet worden, spürte Keinath plötzlich Gewissheit. Sie wusste, dass sich der fragliche Polizist getötet hatte. Und wenn diese drei Opfergeschichten erlogen waren, stimmte wohl auch die erste nicht - die Vergewaltigung. „Ich habe weiche Knie gekommen“, sagt Keinath. Sie dachte: „Oh Gott: Jetzt musst du was unternehmen.“

So kam es, dass sich ausgerechnet eine Frauenbeauftragte auf die Seite eines rechtskräftig verurteilten Vergewaltigers schlug. Keinath bat ihren Bruder um Rat, Hartmut Lierow, Anwalt für Zivilrecht in Berlin. Der warnte zunächst vor einer Verleumdungsklage und Nachteilen im Beruf. Dann begann er zu recherchieren, lange Zeit ohne Mandat, bis heute ohne Honorar. Der Erfolg des Wiederaufnahmeverfahrens ist seiner exzellenten Vorbereitung zu verdanken.

Der Prozess in Kassel hat ein neues Bild von Heidi K. gezeichnet. Offenbar neigte die Lehrerin dazu, die Unwahrheit zu sagen, um sich Vorteile zu verschaffen; in ihrem Erfindungseifer schreckte sie vor nichts zurück. Einem Mann, von dem sie ein Kind erwartete, trug sie die Ehe an und log, wegen einer schweren Krankheit werde sie nicht mehr lange leben. An einem Gymnasium in Westfalen sagte sie eine Klassenfahrt ab. Den Schülern gegenüber argumentierte sie mit einem Wasserschaden; der Jugendherberge schrieb sie unter dem Briefkopf der Schule, in der Klasse sei Hirnhautentzündung ausgebrochen. Beides war frei erfunden.

Häufige Orts- und Schulwechsel

Die häufigen Orts- und Schulwechsel im Leben der Heidi K. mögen dazu geführt haben, dass sie mit ihrem Charme immer wieder Menschen für sich begeistern konnte. Wie das Verfahren in Kassel zeigte, kippte dieser Eindruck in vielen Fällen bald. Ein Anruf bei einer der Schulen in ihrer Heimatregion hätte genügt, um schon im ersten Prozess herauszufinden, dass Heidi K. als „Märchentante“ verschrien war. Nur: Das Vorleben der Hauptbelastungszeugin spielte bei der Aufklärung der Tat keine Rolle - völlig zu Recht, sagt der verantwortliche Kriminalkommissar noch heute. „Wenn wir in der Vergangenheit des Opfers ermittelt hätten - was glauben Sie, was das für einen Aufschrei gegeben hätte?“

Nun kann auch eine notorische Lügnerin vergewaltigt werden, wie selbst Rechtsanwalt Lierow zu Bedenken gibt. Aber so? Horst Plefka hatte von Anfang an Zweifel am Ablauf der Tat. Fast zwanzig Jahre lang war der Kriminalhauptkommissar schon mit Sexualdelikten befasst, als er die Ermittlungen im Fall Arnold übernahm. Er wusste: Anale Vergewaltigungen sind selten und wenn, sind die Opfer wehrlos, gefesselt, sediert.

Heidi K. gab an, Arnold habe sie in einer Schulpause zum Analverkehr gezwungen. Rechnerisch kann die Tat nur wenige Minuten gedauert haben. Er soll sich von hinten an sie gedrückt und mit der linken Hand ihren Mund zugehalten haben. Mit der rechten Hand soll er seine Hose herunter- und ihren knöchellangen Wickelrock beiseite geschoben haben. Es war ein Sommertag, an dem die Fenster offen standen. Jederzeit hätte ein Kollege den Raum betreten können. Zur fünften Stunde erschien die Lehrerin pünktlich und befasste ihre Klasse mit dem „lyrischen Ich“.

Warum ist niemand hellhörig geworden?

`Warum hat das Gericht diese Version geglaubt? Warum ist es nicht über die Widersprüche in der Aussage der Heidi K. gestolpert, etwa über unterschiedliche Angaben zum Fluchtweg? Warum ist niemand hellhörig geworden, als Heidi K. damals behauptete, sie sei von Arnold bedroht worden, als dieser schon in Untersuchungshaft saß? Warum hat die Kammer diese Lüge als traumabedingte Wahrnehmungsstörung abgetan?

„Der Kasseler Fall steht für viele, viele andere“, sagt Johann Schwenn. Natürlich ist der Freispruch Wasser auf seine Mühlen. Der Strafrechtler aus Hamburg, spätestens seit seiner Kachelmann-Verteidigung überregional bekannt, beschäftigt sich schon lange mit Fehlurteilen bei Sexualdelikten. Schwenn erinnert daran, dass Vergewaltigungsopfer noch vor dreißig Jahren schwerlich Glauben fanden vor Gericht. Inzwischen habe sich das Blatt allerdings gewendet, seit Mitte der neunziger Jahre werde die Unschuldsvermutung mitunter faktisch beseitigt - dem mutmaßlichen Opfer zuliebe. „Wenn Opferschutz dazu führt, dass man kritische Fragen unterlässt, führt das zu Fehlurteilen“, warnt Schwenn. Und im Zweifelsfall würden Widersprüche und Erinnerungslücken der Hauptbelastungszeugin mit der Modediagnose „Trauma“ entschuldigt.

Heidi K. hat Revision eingelegt

Anwalt Pöschke weiß noch, wie er Heidi K. nach einem Aidstest fragen wollte. Das Testergebnis interessierte ihn nicht. Aber nach einer analen Vergewaltigung, so seine Überlegung, musste sich eine biologisch kundige Person zwangsläufig vor einer Infizierung fürchten. „Da hat der Vorsitzende fasst die Fassung verloren“, berichtet Pöschke. Was er der Frau Nebenklägerin denn noch alles zumuten wolle? Ob es nicht allmählich reiche! „Die haben alles unternommen, um die Nebenklägerin zu schützen.“

Heidi K. hat unterdessen Revision gegen das Kasseler Urteil eingelegt, das davon ausgeht, dass die Lehrerin es auf die Stelle ihres angeblichen Vergewaltigers abgesehen hatte. In einem Verfahren wegen Freiheitsberaubung, das in Darmstadt gegen sie anhängig ist, geht es wohl erst anschließend weiter. In Bielefeld, wo sie seit zwei Jahren an einem Gymnasium unterrichtet, gab es am Freitag Zeugnisse. Heidi K. ist seit Wochen krankgeschrieben. Eigentlich, sagt die Schulleiterin, gebe es keinerlei Klagen. Aber inzwischen hegt sie große Bedenken gegen eine Rückkehr der Lehrerin an die Schule - des Schulfriedens wegen.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Schaaf, Julia
Julia Schaaf
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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