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Gerichtsreportage

Und die Beute bleibt verschwunden

Von Markus Wehner, Berlin
 - 21:49

Der Andrang der Fotografen und Kameraleute vor dem Verhandlungssaal im Landgericht Berlin ist groß am Donnerstagmorgen. Doch die vier Angeklagten, drei davon Mitglieder einer berüchtigten arabischstämmigen Berliner Großfamilie, wollen nicht gefilmt und fotografiert werden. Sie verstecken ihre Gesichter. Wissam R. hat für diesen Zweck einen lilafarbenen Papphefter gewählt. Ahmed R. nutzt die Zeitschrift einer bekannten Naturkosmetik-Marke. Sein Bruder Wayci R. hat sich etwas Besonderes ausgedacht. Er hält sich ein populärwissenschaftliches Magazin vors Gesicht. Die neueste Nummer warnt: „Vorsicht, gehen Sie keinem Besserwisser auf den Leim!“ Es handelt sich um die Zeitschrift „Wissen und Staunen“.

Was man am Ende dieses Prozesses alles wissen wird, ist ungewiss. Das Staunen war jedenfalls groß, als die Tat bekannt wurde, der die Männer im Alter von 20 bis 24 Jahren angeklagt sind. Weil mehrere Angeklagte zum Tatzeitpunkt Heranwachsende waren, also im Alter zwischen 18 und 21 Jahren, findet der Prozess vor einer Jugendkammer statt. Mehrjährige Haftstrafen könnten für den „gemeinschaftlichen Diebstahl in einem besonders schweren Fall“ ausgesprochen werden.

Vor bald zwei Jahren, am 27. März 2017, sollen die drei Angeklagten aus der Großfamilie R. kurz nach drei Uhr nachts in das Bode-Museum eingedrungen sein, das im Herzen Berlins auf der Museumsinsel liegt. Sie sollen dort eine Münze gestohlen haben. Als die ersten Kriminalbeamten drei Stunden später im Museum eintrafen, wussten sie nicht, ob sich die Täter noch in dem Gebäude aufhielten, denn alle Zugangstüren waren unversehrt und geschlossen gewesen. Sie forderten deshalb eine Einsatzhundertschaft an, die jedoch keinen Täter in dem Museumsgebäude mehr antraf. Die Kriminalbeamten wussten zunächst auch nicht mehr, als dass es den Diebstahl irgendeiner Münze gegeben habe. So berichtete es ein Polizist am Donnerstag als Zeuge, der morgens den Tatort begutachtet hatte. Erst später, als sie den genauen Ort des Diebstahls sahen, erkannten die Beamten, dass es sich nicht um irgendeine Münze handelte. Es war die hundert Kilogramm schwere Münze „Big Maple Leaf“ mit dem Bild von Königin Elisabeth II., 53 Zentimeter Durchmesser, Nennwert eine Million kanadische Dollar. Ihr Goldwert beträgt 3,75 Millionen Euro. Nur fünf dieser Münzen wurden weltweit hergestellt.

Zwei falsche Geburtsorte

Die drei mutmaßlichen Täter hatten sich, so stellt es Oberstaatsanwältin Martina Lamb am Donnerstag dar, über die Hochbahntrasse der Berliner S-Bahn dem Museumsgebäude genähert und waren über eine mitgeführte Leiter in den zweiten Stock durch ein Fenster eingestiegen. Das Fenster führt in einen Umkleideraum für Mitarbeiter des Museums; es war als einziges Fenster des Gebäudes durch einen Defekt nicht an die Alarmanlage angeschlossen. Der Defekt soll, wie nun die Wochenzeitung „Die Zeit“ berichtete, schon seit 2013 bestanden haben. Die Täter sollen zudem schon zweimal zuvor den Tatort ausgekundschaftet und einen Bolzen vor dem Fenster beseitigt haben. Ob es sich bereits um einen Einbruchsversuch handelte oder aber um die Vorbereitung für den späteren Einbruch, ist nach Aussagen von Ermittlern gegenüber FAZ.NET unklar. Mitarbeiter des Museums hatten diesen Schaden entdeckt, das Museum soll ihn aber nicht angezeigt haben.

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Nach Raub aus Bode- Museum
Goldmünzen-Prozess beginnt

Im Museum begaben sich die Täter in das Münzkabinett und schlugen dort die Scheibe einer Glasvitrine ein, in der die Goldmünze, eine Leihgabe des Kunstsammlers Boris Fuchsmann, ausgestellt war. Auf einem Rollbrett, das gewöhnlich für Möbeltransporte verwendet wird, sollen sie die Münze durch viele Räume des Museums zurück in den Umkleideraum transportiert haben. Er habe damals zahlreiche Schleifspuren durch den Abrieb der Gummiräder des Transportbretts entdeckt, berichtet der Polizeibeamte am Donnerstag vor Gericht. Die Türen im Museum waren für die Flucht durch Keile offengehalten worden, welche die Täter im Museum zurückließen. Nachdem sie die Münze aus dem Fenster auf die Bahnschienen geworfen hatten, wurde sie mit einer Schubkarre weiterbefördert und in den angrenzenden Monbijou-Park geworfen. Die Täter seilten sich dann in den Park ab und flüchteten von dort mit der Münze in einem Fahrzeug.

Die Insiderkenntnisse über die Sicherheitsanlagen und Räumlichkeiten im Museum soll den Dieben der vierte Angeklagte verschafft haben, der 20 Jahre alte Denis W. Er wurde in Saarbrücken geborene und besitzt die deutsche und türkische Staatsangehörigkeit. Er verwendete, wie die Vorsitzende Richterin Dorothee Prüfer bemerkt, zwei Alias-Namen und zwei falsche Geburtsorte. W. arbeitete seinerzeit als Wachmann im Museum. Er ist zudem seit Kindertagen mit dem Angeklagten Ahmed R. befreundet, mit dem er zur Schule ging. Beide sollen schon wegen gemeinsamer Delikte wie Tankbetrug aufgefallen sein. Ahmed, 20, gibt an, Schüler zu sein; seine Schulkarriere bestand allerdings bisher darin, dass er von zahlreichen Schulen flog oder den Schulbesuch selbst abbrach. Wayci R. ist nach eigenen Angaben Student an der Beuth-Hochschule in Berlin, er soll dort Bauwesen studieren. Ihr Cousin Wissam R. nennt „Kurier“ als seinen Beruf. Alle drei sind in Berlin aufgewachsen und haben die deutsche Staatsangehörigkeit. Für den Prozess haben sie auf die sonst übliche sportliche Kleidung verzichtet und sind in Hemden, Pullis und Westen geradezu bieder gekleidet.

„Mehr kann man nicht machen“

Alle Angeklagten schweigen am Donnerstag zu den Vorwürfen. Sie werden von je zwei Rechtsanwälten verteidigt. In einer gemeinsamen Erklärung äußern die Anwälte, es gebe „keine eindeutigen Beweise“ für die Täterschaft ihrer Mandanten. Sie bezweifeln die Beweiskraft von Analysen, die Fachleute der Hochschule Mittweida angestellt hatten. Diese hatten Videoaufnahmen der S-Bahn-Kameras ausgewertet, auf denen drei vermummte Gestalten zu sehen sein sollen und waren damit zu dem Schluss gekommen, dass es sich um die Angeklagten handele. Es habe eine „beispiellose Vorverurteilung“ ihrer Mandanten stattgefunden, weil sie zu einer „angeblich berüchtigten arabischen Großfamilie“ gehörten. Die Angeklagten seien von Fernsehteams verfolgt und „dümmlich befragt“ worden, so Rechtsanwalt Toralf Nöding.

Die drei Angeklagten waren im Juli 2017 bei einer Razzia in Neukölln festgenommen worden. Dabei wurden zudem 100.000 Euro in bar, mehrere Fahrzeuge und Waffen sichergestellt. In einem Fahrzeug fanden Ermittler Goldspuren. Sie gehen davon aus, dass die Münze zerstückelt und in Teilen verkauft wurde. Gefunden wurde die Beute nicht. „Die Münze werden wir nicht wiedersehen“, sagte Kriminaldirektor Carsten Pfohl, im Berliner Landeskriminalamt für Eigentumsdelikte der organisierten Kriminalität zuständig, dieser Zeitung.

Die Ermittlungen zu dem Fall waren aufwendig. So gab es 50 Anordnungen zur Telekommunikationsüberwachung und Funkzellenabfragen, mehr als 30 Objekte wurden durchsucht und auch Spürhunde eingesetzt, wie die Verteidiger am Donnerstag angaben. Doch die Polizei gab sich damit nicht zufrieden. Um nachzuweisen, dass die gefundenen Goldpartikel von der gestohlenen Münze stammen, wurden zahlreiche Gutachten eingeholt, unter Beteiligung des Bundeskriminalamts, der Bundesanstalt für Materialforschung, Fachleuten der Universität Heidelberg und auch dem Royal Canadian Mint, dem Königlichen Kanadischen Münzamt, welches die Münze hergestellt hatte. Die Polizei ist deshalb zuversichtlich, dass es am Ende des Prozesses zu einer Verurteilung kommen wird. Kriminaldirektor Carsten Pfohl: „Wir haben alle Register gezogen, damit die Täter verurteilt werden können. Mehr kann man nicht machen.“

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Quelle: F.A.Z.
Markus Wehner
Politischer Korrespondent in Berlin.
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