Gewalt in Rio de Janeiro

Kopfschuss auf dem Kinderspielplatz

Von Matthias Rüb
26.01.2017
, 12:56
Die Bewohner von Rio de Janeiro verzweifeln an der brutalen Gewalt. In wenigen Tagen erlag eine junge Krankenschwester ihren Verletzungen nach einem Überfall. Ein Querschläger traf ein spielendes Kind tödlich.

Zwei Beispiele aus den vergangenen Tagen: Am Montagabend machte sich die 31 Jahre alte Krankenschwester Aline de Paula Ferreira, nachdem ihre Schicht im städtischen Klinikum Rocha Faria von Campo Grande im Westen von Rio de Janeiro endete, auf den Heimweg. Kaum eine Stunde später war sie wieder zurück im Krankenhaus. Bei einem versuchten Raubüberfall auf der Hauptverkehrsstraße Avenida Brasil hatte sie einen Kopfschuss erlitten. Der Angreifer hatte es offenbar auf ihr Moped abgesehen, das er dann aber am Tatort zurückließ. Er flüchtete unerkannt. Die entsetzten Kollegen der Krankenschwester in der Klinik konnten nicht mehr helfen. Aline de Paula Ferreira hinterließ ihren Mann und drei Kinder.

Am Samstagabend starb in Irajá, im Norden von Rio, die zweieinhalb Jahre alte Sofia Lara Braga, ebenfalls nach einem Kopfschuss. Das Mädchen war auf dem Spielplatz eines Schnellrestaurants, während die Eltern drinnen aßen. Ein Querschläger traf das Kind auf der Rutsche. Bei einer Verfolgungsfahrt hatte es einen Schusswechsel zwischen Polizisten und einem flüchtenden Autodieb gegeben. Das Auto konnte später sichergestellt, der Dieb verhaftet werden. Nach bisherigen Ermittlungen stammte das tödliche Projektil aus der Dienstwaffe eines Polizisten. Der Vater des Mädchens, ebenfalls ein Polizist, mochte seinen Kollegen aber keinen Vorwurf machen. Die hätten schließlich nur ihren Job erledigt. „In meinem Beruf lebe ich immer mit der Gefahr und in der Angst, meine Frau und unsere Tochter könnten mich verlieren“, sagte der Vater bei der Beerdigung seiner Tochter am Sonntag einem Fernsehsender: „Aber ich hätte nie geglaubt, dass ich meine Tochter auf diese Weise verlieren würde.“

31 Kinder in zehn Jahren von Querschlägern tödlich getroffen

Die beiden Fälle haben in Brasilien wegen der besonders tragischen Umstände nationale Aufmerksamkeit erlangt. Am Montag machte die Nichtregierungsorganisation „Rio de Paz“ („Friedliches Rio“) mit einer Aktion am Strand von Copacabana auf die kleinsten Opfer der Gewaltepidemie in Rio aufmerksam. Die Aktivisten legten Teddybären und Puppen neben 31 Schautafeln, die sie in den Sand gesteckt hatten. Auf den schwarzen Tafeln waren die Namen und die Umstände des Todes von 31 Kindern vermerkt, die in den vergangenen zehn Jahren durch Querschläger getötet wurden, alleine 18 von ihnen in den vergangenen zwei Jahren. Vor der Installation lag eine von Kugeln durchsiebte brasilianische Flagge im Sand.

„Sofia war kein Einzelfall“, sagt Antonio Carlos Costa, Gründer und Vorsitzender von „Rio de Paz“. Er erinnert daran, dass allein am vergangenen Wochenende in Rio 14 Menschen ermordet wurden. „Die gesamte Metropolregion von Rio starrt vor Waffen und Munition“, klagt Costa. „Dagegen muss die Gesellschaft etwas unternehmen.“ Korrupte und unfähige Regierungen in der Stadt und im Bundesstaat Rio hätten zugelassen, dass es zum „Kollaps der öffentlichen Sicherheit“ gekommen sei.

Der Bundesstaat ist mit Gehaltszahlungen für Polizisten im Rückstand

„Man muss sich endlich um die Zustände in den Favelas kümmern, man muss entschlossen die soziale Ungleichheit bekämpfen und vorab den Polizisten endlich ihren überfälligen Lohn zahlen“, fordert Costa. Aber der Bundesstaat Rio de Janeiro, der die Beamtengehälter längst hätte auszahlen müssen, ist pleite. Ein mit der Bundesregierung in Brasília vereinbartes finanzielles Hilfspaket steckt im Instanzenstreit zwischen Exekutive und Oberstem Gericht fest.

Nach Angaben der Gesundheitsbehörde von Rio ist 2016 die Zahl der Schussverletzungen, die allein in den vier größten Krankenhäusern der Stadt behandelt werden mussten, im Vergleich zum Jahr davor um mehr als 57 Prozent auf 1133 gestiegen. Demnach musste alle acht Stunden eine Schussverletzung behandelt werden, was den ohnedies überfüllten und überlasteten Kliniken zusätzliche Notoperationen und die aufwendige Versorgung der oft schwerverletzten Patienten abverlangte. Dabei sagt die offizielle Statistik nur wenig über die tatsächliche Zahl der Opfer von Schusswechseln und Querschlägern aus. Denn 90 Prozent der Opfer von Schusswunden würden schon am Tatort sterben und gar nicht mehr in die Krankenhäuser gebracht werden, sagt der auf Kriegsmedizin spezialisierte Arzt Rodrigo Gavina.

Drogenkrieg ein Grund für die vielen Todesfälle durch Irrläufer

Nach Angaben des Rathauses machen Todesfälle durch Querschläger etwa ein Prozent aller Todesfälle nach Schusswechseln aus. Die meisten Feuergefechte mit Todesfolge, so stellte das Institut für öffentliche Sicherheit im Rathaus von Rio in einem wenig überraschenden Befund fest, stehen im Zusammenhang mit dem Drogenhandel.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Rüb, Matthias (rüb)
Matthias Rüb
Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.
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