Handtaschenraub

Ein besonders hässliches Verbrechen

Von Julia Schaaf
01.12.2021
, 08:26
Reparierte Tasche: Gisela H. an der Haltestelle, wo sie den Täter traf.
Die Angst vor Kriminalität ist bei älteren Menschen sehr viel größer als das Risiko, tatsächlich Opfer eines Handtaschenraubs zu werden. Was aber, wenn es doch passiert? Gisela H. musste es am eigenen Leib erleben. Ein Besuch in Berlin.

Der Arzt hatte gesagt: Laufen, laufen. Also geht Gisela H. zu Fuß, ob es wehtut oder nicht. 2019 hatte sie die neue Hüfte bekommen. 2020 war ihr Mann gestorben. 2021: an den Augen operiert und die Zähne neu. Jetzt könnte Ruhe einkehren, findet sie, endlich Schluss mit den schlimmen Dingen. Am 5. September 2021 wird Gisela H. überfallen. Sie ist 81 Jahre alt.

Ihre Handtasche trägt sie wie immer schräg über der Schulter, schon aus Angst, sie sonst irgendwo zu vergessen. Sie hat das weiße Modell genommen, ihre Sommerhandtasche, die so gut zu heller Kleidung passt. Darin, üblicherweise: Streichhölzer und Feuerzeug für die Kerze auf dem Friedhof sowie eine Nagelschere, falls die Blumen nicht in die Vase passen. Außerdem ein zusammengefalteter Beutel: „Ich bin eine Ostfrau. Wir haben immer einen Beutel mit, falls es unterwegs was gibt.“ Wie jeden Sonntag besucht sie das Grab ihres Mannes. Normalerweise geht sie anschließend einen Kaffee trinken, „man muss sich ja etwas Gutes tun“, bei schönem Wetter bestellt sie Eiskaffee. Aber der Sonntag ist trüb, kein Eiskaffeewetter. Außerdem macht ihr das Laufen Mühe. Der Rückweg zu ihrer Wohnung im Südosten Berlins dauert eine halbe Stunde.

Am Ort des Überfalls: An einer Bushaltestelle folgt der Täter Gisela H. und schneidet ihr mit einem Messer das Band der Handtasche durch.
Am Ort des Überfalls: An einer Bushaltestelle folgt der Täter Gisela H. und schneidet ihr mit einem Messer das Band der Handtasche durch. Bild: Jens Gyarmaty

Der Täter schubste sie zunächst zu Boden

Eigentlich ist Gisela H. gut zu Fuß, aber am 5. September braucht sie eine Pause. Vermutlich hat sie sich am Vortag übernommen. Ihre Welt ist klein geworden in den sieben Jahren, in denen sie ihren krebskranken Mann gepflegt hat. Fast 59 Ehejahre, am Ende konnte er gerade noch selbst essen, sonst nichts. Wenn Gisela H. von diesen letzten schweren Jahren erzählt, bricht ihre Stimme. Dabei schaut sie sonst oft verschmitzt und lacht gern. Oder sie zeigt Fotos von den Urenkeln. Am Tag vor dem Überfall ist sie zum ersten Mal seit Jahren am Alexanderplatz gewesen. Hatte sich mit einer Freundin verabredet, die sie noch von ihrer Ausbildung zur Physiotherapeutin kennt, und extra zwei Fünfzig-Euro-Scheine eingesteckt. Für den Fall, dass man noch ins Kaufhaus will. Manchmal leistet sie sich doch so gern eine neue Bluse.

Am Nachmittag des 5. September ruht sich Gisela H. vor dem Backsteinbau, in dem ihre Kinder zur Schule gegangen sind, im Wartehäuschen der Bushaltestelle einen Moment aus. Was dann passiert, hat sie am Montag vor dem Berliner Landgericht erzählt: Von links nähert sich ein junger, schlanker, dunkelhaariger Mann, der zunächst auf den Bus zu warten scheint. Als sie weitergeht, hört sie seine Schritte. „Was geht der denn so langsam wie eine alte Frau?“, denkt sie, und weil ihr „nicht so ganz wohl dabei ist“, bleibt sie stehen. Tut so, als würde sie die Wahlplakate am Laternenpfahl studieren, lässt den Mann überholen. Als er daraufhin an der nächsten Bushaltestelle anhält, geht sie unbesorgt vorbei.

Zu Hause bei Gisela H.
Zu Hause bei Gisela H. Bild: Jens Gyarmaty

Dann, plötzlich, wird sie von hinten an den Armen gepackt und ihr Oberkörper nach vorne gedrückt. Sie sieht eine Messerklinge, eine Handbreit vor ihrem Bauch. Jemand zerrt an ihrer Tasche. Dann ein Schnitt, der Mann durchtrennt den Schulterriemen und läuft mit der Tasche davon. Vorher jedoch schubst er Gisela H. zu Boden.

Der Vater ermahnte ihn vor seiner Zeit in Deutschland

Knapp drei Monate später schaut sie dem jungen dunkelhaarigen Mann zum ersten Mal ins Gesicht und fragt: „Ob Sie das bei Ihrer Großmutter auch machen würden?“

Täter, die älteren Damen die Handtasche rauben, sind typischerweise junge Männer, oft gerade erst oder noch nicht erwachsen. Meistens reißen sie den Frauen im Vorbeifahren oder Vorübergehen den Riemen von der Schulter, wogegen man sich schützt, indem man die Tasche diagonal trägt wie Gisela H. Der junge Mann hingegen, der sich vor dem Landgericht Berlin verantworten muss, weil er nicht nur die 81-Jährige, sondern keine Stunde zuvor auch eine 86 Jahre alte Frau auf Krücken in ihrem eigenen Hausflur überfallen hat, ist ein merkwürdiger Fall. Einer der Polizisten, der an seiner Festnahme kurz nach der zweiten Tat beteiligt war, sagt bei Gericht: „Er war nicht der klassische Räuber.“

Der 24-jährige Almin R. stammt aus Nordmazedonien. Er lebt erst seit Jahresbeginn in Berlin, braucht aber keinen Übersetzer, weil er Deutsch in der Schule und zu Besuch bei der Mutter in Österreich gelernt hat. Sein Vater lebt mit einer neuen Frau bei Berlin. Kurz vor dem Überfall hat R. als Bauhelfer angefangen, Stundenlohn 12,40 Euro. Dass seine bulgarische Ehefrau, die als Reinigungskraft arbeitet, EU-Bürgerin ist, sichert ihm einen Aufenthaltstitel. Das Paar lebt in der Wohnung der Stiefmutter, der Vater soll ihn ermahnt haben, sich nicht mit den falschen Leuten einzulassen und sich von Drogen fernzuhalten, wenn er sich ein Leben in Deutschland aufbauen will.

Almin R. muss eine Gefängnisstrafe antreten

Trotzdem hat R. in den Morgenstunden des Tattages Kokain geraucht, er behauptet, satte vier Gramm. Vor Gericht sagt er, er habe einen Fehler gemacht: „Es tut mir wirklich sehr leid. Ich war mit Drogen. Ich hab auch Mutter, Oma und Frau. Ich würde das nicht machen mit Absicht.“ Dem Gerichtspsychiater hat er erklärt, dass er sich ohne Geld nicht nach Hause getraut habe. Der Sachverständige allerdings stellt klar, dass R. keinesfalls mehr berauscht gewesen sein könne und den Drogenkonsum auch als Entlastung vor sich selbst anführe. Dabei sei der Einsatz des Messers doch „recht pfiffig“ und habe „gar nicht so ganz ungeübt“ gewirkt.

Auf dem Tisch liegt die weisse Handtasche, die ihr gewaltsam genommen wurde.
Auf dem Tisch liegt die weisse Handtasche, die ihr gewaltsam genommen wurde. Bild: Jens Gyarmaty

Am Freitag ist Almin R. wegen besonders schweren Raubs in zwei Fällen zu einer Gefängnisstrafe von zwei Jahren und acht Monaten verurteilt worden. Auch wenn die Beute lächerlich gewesen sei, sagte der Richter mit Blick auf gleich zwei Überfälle auf gebrechliche, wehrlose ältere Frauen: „Das ist hässlich. Das will niemand haben.“

Trotz allem hat Gisela H. Glück gehabt

Der Handtaschenraub steht wie ein Symbol für das Thema Senioren und Kriminalität: Keine Altersgruppe hat so viel Angst, Opfer eines Verbrechens zu werden, dabei aber ein so geringes Risiko. Kriminaloberrat Harald Schmidt, Geschäftsführer der Polizeilichen Kriminalprävention der Länder und des Bundes, sagt: „So ist beispielsweise die Furcht bei älteren Menschen, beraubt zu werden, deutlich größer als die Wahrscheinlichkeit, dass sie Opfer eines Raubüberfalls werden.“ Tatsächlich ist die Zahl der als „Handtaschenraub“ gelisteten Fälle in der Kriminalstatistik in den vergangenen 20 Jahren kontinuierlich gesunken, von mehr als 5000 auf zuletzt gut 1000 im Jahr – also etwa drei am Tag, bundesweit. Allerdings, so Schmitt, könnten gerade beim Handtaschenraub die Folgen gravierend sein: „Nicht selten stürzen die Betroffenen – in der Regel ältere Frauen – bei dem Versuch, die Tasche festzuhalten, verletzen sich oder erleiden massive Brüche, die nur schwer wieder verheilen.“

Gisela H. sagt vor Gericht, dass sie Glück gehabt habe. Weil sie weich gefallen sei, auf Gras. Weil sofort ein Auto angehalten habe, man sich um sie gekümmert, die Polizei verständigt, den Täter verfolgt und dann schnell geschnappt habe. Und weil sie ihre Tasche wiederhabe. Personalausweis, Krankenkassenkarte, Handy. Dazu die Erleichterung, als sie ihren Hausschlüssel in den Händen hielt: „Ich hatte ganz große Angst vor der Nacht, dass jemand kommt und die Wohnung durchsucht.“ Nur die beiden Geldscheine, die sie noch von ihrem Ausflug zum Alex im Portemonnaie gehabt hatte, fehlten. „Egal“, sagt Gisela H. „Geld ist ersetzbar.“ Sie ist froh, keinen psychischen Schaden davongetragen zu haben. Bloß in den ersten Tagen nach der Tat hat sie die Bushaltestelle gemieden. Die weiße Sommerhandtasche ist längst repariert. Wenn sie seither im Wald spazieren geht, steckt sie ihr Geld lieber in die Jackentasche.

Die 86-Jährige hingegen, auf Krücken im Hausflur niedergerissen und glücklicherweise ebenfalls physisch unverletzt, sagt vor Gericht: „Ich mach keine Türen mehr auf. Ich nehm auch keine Pakete mehr an. Ich habe Angst.“

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Schaaf, Julia
Julia Schaaf
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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