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Höxter-Prozess

Frei von Gefühl und Mitleid

Von Katrin Hummel
 - 11:12
„Je mehr ich mich gewehrt hätte, umso mehr hätte ihn das angespornt“: Angelika W. am Mittwoch vor Gericht in Paderborn.zur Bildergalerie

Dann hab ich gesagt: Du musst ihn umbringen“, erklärt Angelika W. mit so ruhiger Stimme, als habe sie bei Tisch mal eben nach dem Salzstreuer gefragt. Es ist der einzige Moment an den bisher zwei Sitzungstagen im Paderborner Landgericht, in dem man sich fragt, ob diese Frau vielleicht doch nicht so harmlos ist, wie sie sich gibt. Richter Bernd Emminghaus hatte sie, die sich zu einer Aussage bereiterklärt hatte, gefragt, was es mit einem Schäferhund auf sich hatte, der in dem Horror-Haus am Saatweg in Höxter-Bosseborn zu Tode gekommen war. Und Angelika W. erzählt völlig emotionslos, dass Wilfried W. den Hund nicht mehr habe haben wollen, „der hatte den ganzen Tag nicht gehört, obwohl der eigentlich lieb war und gut erzogen.“

So habe sie vorgeschlagen, ihn laufenzulassen, aber ihnen sei beiden klar gewesen, dass er zu ihnen zurückkommen würde. Daher habe sie also die Tötung ins Spiel gebracht, aber Wilfried W. habe gesagt, er könne den Hund nicht töten, sie solle das machen, und ihr ein Luftgewehr gegeben. „Ich fühlte mich herausgefordert, also schoss ich auf den Hund.“ Der Hund sei aber nicht gestorben, sondern habe blutend und winselnd im Badezimmer gelegen und zu ihr hochgesehen. Und da habe Wilfried W. ihm mit einem Brotmesser die Kehle durchgeschnitten.

Fast eine Wohnzimmeratmosphäre im Gerichtssaal

Es sind Beschreibungen wie diese, vorgetragen mit äußerster Ruhe und ohne erkennbare Regung, die, wie der Zipfel einer gelüfteten Bettdecke, einen Blick auf das Seelenleben der 47-Jährigen freigeben, die von sich selbst ansonsten das Bild einer gutgläubigen und keinesfalls aggressiven Frau zeichnet. Mit rotbrauner Ponyfrisur, eckigem Kiefer, weichen Wangen und deutlich sichtbarem Übergewicht sitzt sie auf der Anklagebank.

An deren anderem Ende hängt der ebenfalls übergewichtige Wilfried W. locker und entspannt in seinem Sessel – ein großer, imposanter Mann mit eckiger dunkler Brille, nicht unseriös wirkend und so gar nicht wie die Bestie, als die manche Journalisten ihn bezeichnet haben. Alles in allem fast eine Wohnzimmeratmosphäre also, wären da nicht die grauenhaften Details, die Staatsanwalt Ralf Meyer in seiner Anklageschrift aufgelistet hat.

Grausam und aus niedrigen Beweggründen soll das geschiedene Paar zwei Frauen getötet und mehrere andere misshandelt haben. Zuvor hatten sie diese Frauen jeweils mit Hilfe von Kontaktanzeigen, in denen sich Wilfried W. als Single ausgab, zu sich gelockt. Dabei achteten sie darauf, dass die Frauen möglichst wenig soziale Kontakte hatten – weil sie so niemand vermissen würde. Waren die Frauen erst mal bei ihnen eingezogen, sollen sie den Willen der Frauen „gefühl- und mitleidlos“ durch psychischen Druck und physische Gewalt gebrochen haben, so dass Wilfried W. „die Lebensführung der Frau in allen Bereichen kontrollierte und die Frau ihm wie eine Leibeigene in jeglicher Weise zur Verfügung stand“.

Die Aufzählung der Martyrien umfasst zehn DIN-A4 Seiten

Die Aufzählung der Martyrien, die die Frauen durchlitten, umfasst zehn DIN-A4 Seiten. So habe das Paar das erste Opfer, Anika W., im Juli 2014 in einer Badewanne im Keller des Hauses schlafen lassen, und zwar so, „dass sie auf dem Bauch in der Wanne liegen musste und ihr rechter Arm und ihr rechtes Bein sowie ihr linker Arm und ihr linkes Bein hinter dem Rücken jeweils mit Handschellen gefesselt worden sind“.

Wenn sie sich in der Wanne eingekotet habe, sei sie kalt abgeduscht worden. Einmal habe Angelika W. die Wanne auch volllaufen lassen und gegenüber Wilfried W. geäußert: „Die ersäuft jetzt.“ Wilfried W. sei dann aber in den Keller gegangen und habe die bereits bewusstlose Anika W. aus der Wanne gezogen.

Auch das zweite Opfer, Susanne F., die Anfang 2016 in das Haus einzog, erlitt ähnliche Qualen. Beide Frauen starben schließlich stark geschwächt und körperlich fast schon zugrunde gerichtet an den Folgen von Stürzen, die die W.s hervorgerufen oder nicht verhindert hatten.

Eine „schwere seelische Abartigkeit“

Während Angelika W. schon am nächsten Prozesstag auch zu ihren eigenen Taten Stellung nehmen wird, will sich Wilfried W. in Schweigen hüllen. Auch von dem psychiatrischen Sachverständigen, Michael Osterheider, hat er sich nicht untersuchen lassen. Osterheider bescheinigt W. in seinem Gutachten, das dieser Zeitung in Auszügen vorliegt, eine „sadistische Persönlichkeitsstörung in Verbindung mit einer stark ausgeprägten psychopathischen Persönlichkeit“, außerdem eine „schwere seelische Abartigkeit“. Auch sieht er Anzeichen für „sexuellen Sadismus“.

Angesichts dieser Einschätzungen fragte Richter Bernd Emminghaus das Naheliegende: Wie es dazu kommen konnte, dass sich Angelika W. in Wilfried W. verliebte? Wie es möglich war, dass diese in recht gewöhnlichen familiären Verhältnissen auf einem Bauernhof in Bad Salzuflen-Lockhausen aufgewachsene Frau mit Realschulabschluss und einem IQ von 120 diesen laut ihrem Anwalt Peter Wüller „grenzdebilen“ Mann zwei Monate nach dem ersten Treffen heiratete?

Schließlich hatte er schon wenige Tage nach dem Kennenlernen angefangen, ihr körperlich wehzutun – was er damals freilich noch als Versehen oder Spaß ausgab. Worauf sie antwortet: „Ich hatte den Eindruck, er weiß, was er will, und er war halbwegs lieb zu mir und hat noch nicht geraucht. Wenn er geraucht hätte, dann weiß ich nicht, ob ich ihn geheiratet hätte.“

Sie half ihrem Mann beim Quälen

Was Wilfried W. an ihr gefiel, lässt sich nur erahnen. Gleich beim ersten Treffen im Januar 1999 hatte Angelika W. dem hochverschuldeten Mann erzählt, dass sie 160.000 Mark gespart hatte. Das sei vielleicht ein bisschen naiv gewesen, wendet Emminghaus ein. Und Angelika W. räumt ein, dass sie tatsächlich arglos gewesen sei, weil sie zu Hause „keine Schlechtigkeit“ kennengelernt habe. Viel Erfahrung mit Männern hatte sie freilich auch nicht. Zuvor hatte sie nur mit einem einzigen anderen Mann ein intimes Verhältnis gehabt – einem verheirateten Kollegen. Sie sei unerfahren gewesen und habe vor allem deswegen einen Mann gesucht, weil ihre Mutter sie dazu angehalten habe.

Auch was Wilfried W. von ihr wollte, tat sie. Schon wenige Wochen nach der Hochzeit forderte er, dass sie ihre Arbeit in einer Gärtnerei aufgeben sollte, um ganz für ihn da zu sein. „Wirklich ganz schweren Herzens habe ich das gemacht“, erzählt Angelika W., deren Chef ihr zuvor sogar angeboten hatte, dass sie die Gärtnerei übernehmen könne.

„Und dann kam das 70 Grad heiße Wasser“

Was folgte, waren Misshandlungen, die sich von denen, mit denen das Paar später die anderen Frauen quälte, in keiner Weise unterschieden. Minutiös und absolut leidenschaftslos schildert Angelika W., wie Wilfried W. sie, „weil ich irgendwie nicht pariert hatte“ zwang, sich mit dem Gesicht zur Badewanne auf dem Bauch auf den Boden zu legen. „Dann drehte er mir die Arme auf den Rücken und kniete sich auf mich. Und dann kam das 70 Grad heiße Wasser. Es sammelte sich auf meinem Rücken, ich schrie vor Schmerzen, und als er mich losließ, riss ich mir die Kleider vom Leib.“ Wilfried W. hört sich das alles an, ohne irgendeine Regung zu zeigen.

Vom Hals bis zum Schulterblatt war alles verbrüht, und der Arm noch dazu. Die Haut löste sich, eiterte und heilte wochenlang nicht, die Folgen sind bis heute zu sehen. Doch sie ging nicht zum Arzt. „Warum nicht?“ fragt Richter Emminghaus. Und Angelika W. antwortet: „Dann hätte ich ja in die Klinik gemusst, und Wilfried hat ja keinen Führerschein und wäre dann alleine gewesen.“ Das habe sie ihm nicht zumuten wollen, weil sie seine Rache fürchtete. Und außerdem habe sie sich eine Mitschuld an der Tat gegeben: „Alles Böse, was er mir angetan hat, war immer, weil ich was gemacht hatte, was das erforderte. Irgendwann habe ich das selbst geglaubt.“

Waren andere Frauen im Haus, quälte er allerdings vor allem die, und sie half ihm dabei. Ob sie das tat, weil er es verlangte, weil sie ihm hörig war oder aus freien Stücken, muss Richter Emminghaus im Laufe des Prozesses klären. Bis Mitte März sollen 48 Zeugen und sieben Gutachter zu Wort kommen.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Hummel Katrin
Katrin Hummel
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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