FAZ plus ArtikelMord an der Isar

Bayern betritt kriminalistisches Neuland

Von Karin Truscheit, München
Aktualisiert am 13.12.2019
 - 06:11
Hier geschah es: Auf dem Radweg zwischen deutschem Museum (links) und Europäischem Patentamt (rechts) erstach ein Unbekannter Domenico L.
In München wird die erweiterte DNA-Analyse eingesetzt, um den Mörder von Domenico L. zu fassen. Ermittler erfahren so, welche Haar-, Augen- und Hautfarbe der Täter vermutlich hat. Das ist in Deutschland eigentlich noch verboten.

Der Mörder trug einen Mantel oder eine lange Jacke. Und er hatte eine normale Statur. Das ist die Täterbeschreibung. Es gibt keine Zeugenangaben zur Haarfarbe, nichts zur Farbe seiner Augen, keinen Hinweis, ob er einen Bart oder Glatze trug, eine markante Nase oder ein schmales Gesicht hatte. Keine Informationen darüber, ob er Deutsch sprach oder nicht, mit Dialekt oder ohne. Man könnte auch nach einem Gespenst im Mantel suchen. Einem Gespenst, das an einem lauen Maiabend vor sechs Jahren im Halbdunkel auf einem Gehweg in München einem jungen Mann ein Messer mehrfach in den Körper rammte. Und dann nicht davonrannte, sondern zügigen Schrittes einfach so in der Dämmerung verschwand.

Es gibt keinen Tag, an dem Holger Smolinsky nicht über den Mörder nachdenkt, der am 28. Mai 2013 in München den 31 Jahre alten Italiener Domenico L. aus dem Leben riss. Das liegt nicht nur daran, dass Smolinsky als Kriminalhauptkommissar im Münchner Morddezernat mit dem Fall „Cornelius“ betraut ist, benannt nach der Cornelius-Brücke an der Isar, in deren Nähe der Mord geschah. Wenn Smolinsky, seit 28 Jahren Polizist, dunkelblauer Anzug, das eisgraue Haar exakt geschnitten, davon spricht, den Mörder unbedingt fassen zu wollen, ganz gleich, wie lange es dauert, dann liegt das auch daran, dass der Täter durch seine Vorgehensweise als extrem gefährlich gilt. Und daran, dass der Mörder an diesem Abend das Leben so vieler Menschen aushebelte: der Familie des Opfers, seiner Lebensgefährtin, seiner Freunde. Domenico L., dieses Bild ergibt sich für Smolinsky aus den vielen Gesprächen mit Menschen, die ihn kannten, war ein liebenswerter, zugewandter, humorvoller Mensch. Er spielte Fußball im Verein, sprach mehrere Sprachen, hatte als Ingenieur einen vielversprechenden Job. „Er war noch so jung. Und er hatte noch so viel vor.“

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„Jedes Merkmal, das Ermittlungen eingrenzt, hilft“

Die erweiterte DNA-Analyse ist in Bayern im Rahmen des Polizeiaufgabengesetzes (PAG) schon einmal angewendet worden. Seit knapp 20 Jahren sucht die Polizei im Westallgäu einen Serientäter, der seit dem Jahr 2000 bislang mindestens sechs Frauen und Mädchen brutal überfallen hat. Die Opfer waren immer auf dem Nachhauseweg von Sommerfesten, als der Täter sie von hinten zu Boden warf, begrapschte und versuchte, ihre Kleidung herunterzureißen. Die Frauen wehrten sich, er ließ von ihnen ab, flüchtete. Genau beschreiben konnte den Mann keines der Opfer.

Im Spätsommer 2018 ließ das Polizeipräsidium Schwaben Süd/West daher die DNA-Spur des mutmaßlichen Täters beim bayerischen Landeskriminalamt auf das ungefähre Alter, die wahrscheinliche Augen- und Haarfarbe sowie die biogeographische Herkunft untersuchen. Die Analyse der Hautfarbe war nicht möglich, und für die Altersbestimmung war nach Angaben des Polizeipräsidiums zu wenig DNA-Material vorhanden: Ein „verwertbares Ergebnis“ zum Alter konnte die Analyse also bislang nicht liefern. Die Augenfarbe des Mannes wurde jedoch mit einer Vorhersagegenauigkeit von 94 Prozent, die Haarfarbe zu 93 Prozent bestimmt. Ob blaue oder braune Augen, blonde oder schwarze Haare – dazu macht die Polizei aus ermittlungstaktischen Gründen keine Angaben. Nur zu der biogeographischen Herkunft des mutmaßlichen Täters: Seine genetischen Wurzeln liegen in Nordeuropa. Das Ergebnis weist somit auf die Mehrheit der heimischen Bevölkerung.

Kritiker werten daher die neuen Methoden als unbrauchbar: Sie seien zu „unspezifisch“. Die Ermittler in Schwaben sehen das anders. Auch ein solches Ergebnis könne von Bedeutung sein, weil der Kreis an Tatverdächtigen eingeschränkt werden könne. Bislang haben die neuen Erkenntnisse zu keiner heißen Spur geführt, auch für eine öffentliche Fahndung reicht es noch nicht. In den Niederlanden wurde die DNA-Phänotypisierung – vor allem auch die Bestimmung der biogeographischen Herkunft – schon erfolgreich eingesetzt. Ebenso in Spanien. Dort konnten 2015 der Mord und die Vergewaltigung eines Mädchens nach 18 Jahren aufgeklärt werden – die Analyse der biogeographischen Herkunft wies auf einen Mann mit nordafrikanischen Wurzeln, der inzwischen nach Frankreich gezogen war. (ktr.)

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Truscheit, Karin
Karin Truscheit
Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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