Jugendkriminalität

Nie wieder Mist bauen

Von Anna von Münchhausen
07.01.2008
, 13:40
Besinnung: Vor dem Mittagessen wird gebetet
Wie holt man junge „Intensivtäter“ aus der Kriminalität? Mit strengster Haft, sagen Politiker. Praktisch bewährt haben sich längst andere Konzepte, zum Beispiel der „Jugendstrafvollzug in freien Formen“. Zu Besuch in einem alten Fachwerkhaus in Leonberg bei Stuttgart.
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Es gibt Tage, die ein Leben umkrempeln. Drei Daten sind es, die Michael mit seinem glattrasierten Kindergesicht nie vergessen wird. Die Nacht der Tat: „21. 2. 2007“, kommt es wie aus der Pistole geschossen. Gemeinsam mit zwei Freunden hat der kräftige, damals 17 Jahre alte Kerl im Stadtpark von Nürtingen „die anderen“ angegriffen, die feindliche Gruppe, mit Schlagstöcken und stahlbewehrtem Baseballschläger. Wie viele Wochen genau sein Opfer auf der Intensivstation lag, weiß der Verurteilte nicht mehr und vergräbt die Hände tief in den Taschen der blauen Cargohose. Aber den Tag seiner Verhaftung kennt er und nennt ihn mit dem leichten Dialekt eines Russlanddeutschen: „28. 2. 2007.“ Am 31. August vergangenen Jahres rückte der Achtzehnjährige dann in die Jugendvollzugsanstalt im baden-württembergischen Adelsheim ein. In seiner Akte lag das Urteil: drei Jahre ohne Bewährung wegen gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung.

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Seit drei Monaten ist Michael nicht mehr im Gefängnis, sondern im „Seehaus“, in Leonberg bei Stuttgart. „Zum Glück“, sagt er. „Jugendstrafvollzug in freien Formen“ heißt die von dem Verein „Prisma Jugendhilfe“ getragene Einrichtung in der Sprache der Justiz. Sie gilt als vorbildlich. Ein alter Gutshof von 1609, Fachwerk, daneben ein neues Wohngebäude, eingebettet in eine Wald- und Wiesenlandschaft vor den Toren der Stadt. Eine Bleibe für 14 jugendliche „Intensivtäter“ zwischen 16 und 21 Jahren, darunter Äthiopier, Ägypter, Türken und Marokkaner. Keine Zäune, keine vergitterten Fenster, kein Umschluss. Und dennoch ist die Freiheit alles andere als grenzenlos. Denn der Tageslauf ist minutiös getaktet und erlaubt kein Trödeln und kein Durchhängen. Dafür sorgen zwölf Betreuer - vom Wecken um 5.45 Uhr über das obligatorische Joggen dreimal in der Woche, Frühstück, Unterricht mit dem Ziel des Hauptschulabschlusses, Arbeiten in der Schreinerei oder bei der Gebäuderenovierung bis zur Abendrunde in den beiden familiär gestalteten Wohngruppen, in der besprochen wird, was am Tag gut, was weniger gut funktioniert hat. „Das Wichtigste ist, dass die Mitarbeiter einem hier vertrauen. Und dass man sich Ziele setzen kann. Bisher habe ich alle Ziele erreicht“, sagt Michael und lässt durchblicken, wie stolz er darauf ist, sich hochgearbeitet zu haben im Taktsystem der nach und nach gewährten Vergünstigungen. „Löwe-Anwärter“ darf er sich nennen und nun wöchentlich eine Viertelstunde mit der Familie telefonieren, ab und zu Besuch empfangen und in Begleitung auch mal ein Konzert besuchen. Tobias Merckle, der Leiter des Seehauses, sagt: „Es gibt Abbrecher, solche, die wir zurückschicken ins Gefängnis, weil sie es nicht schaffen. Aber jeder, der hier regulär entlassen wird, hat draußen eine Lehrstelle oder Arbeit gefunden.“

Mit „Klarheit und Härte“ durchgreifen

Von jungen Männern wie Michael war in diesen Tagen häufig die Rede, nach dem Überfall auf einen 76 Jahre alten Rentner, der in der Münchner U-Bahn von einem 21 Jahre alten Türken und seinem vier Jahre jüngeren griechischen Freund zusammengeschlagen wurde, nachdem er die beiden gebeten hatte, das Rauchen zu unterlassen. Ohne die Videoaufnahmen des Vorfalls wäre die Debatte in der Weihnachtswoche womöglich nicht so schnell zum beherrschenden Thema geworden. Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) fiel plötzlich auf, wie viele jugendliche Straftäter mit „Migrationshintergrund“ es gebe: Mit „Klarheit und Härte“ solle nun endlich durchgegriffen werden. Und es hagelte weitere politische Absichtserklärungen: „Erziehungscamps“ lautete die Forderung der Bundeskanzlerin, „Verschärfung der Untersuchungshaft“ (der Hamburger Justizsenator Carsten Lüdemann), „Höchststrafmaß für Jugendliche auf 15 Jahre heraufsetzen“ (Wolfgang Bosbach, stellvetretender Fraktionsvorsitzender der CDU im Bundestag).

Auch der Haushalt muss geführt werden: Nach dem Mittagessen wird das Geschirr abgetrocknet
Auch der Haushalt muss geführt werden: Nach dem Mittagessen wird das Geschirr abgetrocknet Bild: Frank Röth

Skeptisch beurteilt die Fachwelt den Ruf nach einer Verschärfung des Jugendstrafrechts. „Es gibt keinen empirischen Beleg für die abschreckende Wirkung von langen Haftstrafen“, stellt Michael Bock fest, Professor für Kriminologie an der Universität Mainz. „Denn wir haben es mit Tätern zu tun, die keine rationale Abwägung vornehmen, bevor sie straffällig werden.“ Vielmehr spielten im Vorfeld dieser Straftaten eher Faktoren wie Gruppendynamik, Alkohol und Drogen sowie Kontrollverlust bei vermeintlichen Provokationen die entscheidende Rolle.

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Unter den Tätern sind auffallend viele Migranten

Unbestritten ist immerhin, dass zwar die Zahl der Straftaten insgesamt gesunken ist, nicht aber jene der Gewaltdelikte. In einer von den Innenministerien der Länder in Auftrag gegebenen Untersuchung wird eine Verschiebung in der Altersstruktur der Täter konstatiert. Demnach stieg die Zahl der Tatverdächtigen unter 21 Jahren in den vergangenen zehn Jahren um 25 Prozent auf insgesamt 43,4 Prozent. Und unter den Tätern sind tatsächlich auffallend viele Migranten.

Warum? Alle Erklärungsversuche laufen auf das Gleiche hinaus: Diese jungen Männer sind sozial nicht integriert. Sie kennen Gewalt als Handlungsmuster aus ihren Familien, sind sprachlich benachteiligt und verwechseln Macho-Sprüche und entsprechende Riten mit echter Stärke.

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Wichtig ist der kulturelle Transfer

Christoph Schallert kennt sich mit dieser Klientel gut aus, als Fachanwalt für Strafrecht, Sozialtrainer und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Kriminologie an der Mainzer Universität. „Wichtig im Umgang mit ausländischen Jugendlichen ist, einen kulturellen Transfer zu leisten.“ Was heißt das konkret? „Neulich hatten wir hier einen jungen Türken, der den Freund seiner Schwester zusammengeschlagen hatte mit dem Argument, es könne doch nicht sein, dass die Schlampe mit einem Deutschen herumlaufe. Man muss den Jugendlichen klarmachen, dass es unterschiedliche Wertmaßstäbe gibt und dass hierzulande andere Regeln und Tabus gelten.“

Viel zu lange haben Jugendrichter und Jugendämter die Wirkung erzieherischer Maßnahmen unterschätzt, sie mitunter als unsinnig betrachtet und stattdessen reine Verwahrmaßnahmen bevorzugt. Pädagogische Prinzipien seien mit Füßen getreten worden, konstatiert Bock. Die Folge war das berüchtigte „Maßnahmen-Hopping“ der jungen Delinquenten - mal wurden sie zum Segeln nach Griechenland, mal auf einen Bauernhof in Polen geschickt, abgelöst von einem Kurzaufenthalt in der Psychiatrie, dem Entzug in einer Klinik oder dem Arrestaufenthalt in einer geschlossenen Einrichtung. Verlegenheitslösungen anstelle einer gezielten Strategie: Selten wurde überprüft, ob der Straftäter angeleitet worden war, sein Verhalten nachhaltig zu verändern.

Laxheit kann gefährlich werden

So kam es denn auch zu Vorfällen, die beleuchten, wie gefährlich Laxheit werden kann. In Erinnerung ist noch der Fall einer 26 Jahre alten Erzieherin, die im November 2003 in einem Erziehungsheim im rheinland-pfälzischen Rodalben nachts von drei jungen Insassen niedergestochen wurde und verblutete. Ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss kam später zu dem Ergebnis, die unerfahrene Sozialpädagogin hätte dieser Situation niemals ausgesetzt werden dürfen - in einem Haus, in dem frei zugänglich ein Messerblock herumstand.

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„Scheinbare Milde ist der falsche Weg“, sagt Kriminologe Bock. „Im Gegenteil: Es muss früh und vor allem konsequent eingegriffen werden, wenn Jugendliche kriminell werden - auf die Härte oder die Schärfe kommt es dabei weniger an.“

Warnschussarrest ist kein Patentrezept

Selbst der gestern vom CDU-Vorstand geforderte Warnschussarrest ist kein Patentrezept. Damit ist ein Jugendarrest gemeint, der in speziellen Arrestanstalten längstens vier Wochen zusätzlich zu einer Bewährungsstrafe absolviert wird, und zwar ohne Begleitprogramm und pädagogisches Konzept. Im Bundesrat ist ein entsprechender Gesetzentwurf bereits verabschiedet worden, der Bundestag hingegen hat darüber noch nicht entschieden - auch, weil der Vorschlag bei Juristen und Kriminologen auf deutliche Kritik gestoßen ist. Sinnvoll sei der Arrest nur bei einer ganz bestimmten Tätergruppe - nämlich Jugendlichen, die sozial integriert sind und deren Elternhaus intakt ist. Andere würden diesen Warnschuss unbeeindruckt absitzen.

Häufig gefordert wird jetzt auch, Intensivtäter mit ausländischem Pass möglichst rasch in ihre Heimat abzuschieben. Das passiert bereits, und zwar in der Regel, nachdem die Hälfte des Strafmaßes abgeleistet worden ist. Allerdings ist die Abschiebung nicht möglich, wenn die Familie des Täters legal in Deutschland lebt. Wer jetzt nach konsequenter Abschiebung rufe, gibt ein Experte zu bedenken, dürfe eines nicht übersehen: „Dann kommen diese Leute als Mitglieder der organisierten Kriminalität wieder zurück.“

„Im Knast bekommst du zu essen“

Thomas ist 21 Jahre alt, auch er lebt im Leonberger Seehaus und verbüßt eine Haftstrafe von zwei Jahren und zehn Monaten. Den Sport liebt er nicht, aber warum dieser anstrengende Alltag besser ist als der normale Vollzug, kann er genau benennen: „Im Knast bekommst du zu essen, du hast es warm und ein Dach über dem Kopf. Aber du wirst nicht vorbereitet auf das, was du draußen im Alltag brauchst.“ Erst hier, unter der Beobachtung und Betreuung im Seehaus, habe er gelernt, nicht gleich zuzuschlagen, wenn ihm etwas nicht passe.

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„Faxen machen“, „Mist bauen“, „aufmischen“ lauten die Chiffren der Täter für ihr kriminelles Verhalten. Wer sie aus diesem Milieu herausholen will, muss mit ihnen einst gescholtene Schlüsselqualifikationen trainieren, nämlich Regeln zu befolgen, Disziplin zu erlernen und ein Selbstwertgefühl zu entwickeln. Das aber passiert im Knast viel zu selten, wo meist Personalmangel und Sparzwang herrschen. Justizministerin Brigitte Zypries (SPD) führte jüngst die Studie der Universität Konstanz an, wonach die Rückfallquote bei jugendlichen Inhaftierten bei 78 Prozent liegt. Ein Beweis dafür, dass die Haft nur kontraproduktiv ist? Nicht unbedingt, glaubt Michael Bock. In den Jugendknast kämen schließlich diejenigen, die ohnehin die stärksten Belastungen für eine positive Prognose mitbrächten. „Es ist auch nicht so, dass die jugendstrafrechtlichen Maßnahmen nichts nützen. Tatsache ist, dass die meisten kriminellen Karrieren enden, das haben die kriminologischen Langzeituntersuchungen eindeutig bewiesen. Früher oder später kommt es zu einer Stabilisierung in Beruf und Partnerschaft, oder andere Lebensereignisse weisen den Weg in die soziale Integration.“

„Das habe ich gar nicht gewusst.“

Bis es so weit ist, setzt Christoph Schallert auf nachgestellte Szenen, damit Gewalttätige selbst erleben, was sie anderen antun - geschlagen, getreten zu werden, am Boden zu liegen und einen Stiefel im Gesicht zu spüren. Solche Dinge werde im Rahmen der Mainzer Anti-Gewalt-Kurse inszeniert, indem die Straffälligen - geschützt durch einen sogenannten Vollkörper-Schutzanzug - ganz handfest die Opferrolle erleben. Da sagen die meisten dann hinterher: „Das habe ich gar nicht gewusst.“

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 06.01.2008, Nr. 1 / Seite 45
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