Kinderkriminalität in Berlin

Das Ende der Geduld?

Von Julia Schaaf
28.07.2010
, 09:31
Die verstorbene Jugendrichterin Heisig im Gespräch mit Müttern von Migrantenkindern
Kinder, die in Berlin im Auftrag der Drogenmafia mit Heroin dealen, sind für die Polizei kaum zu greifen. Jetzt wird über geschlossene Heime diskutiert, wie sie die verstorbene Jugendrichterin Kirsten Heisig forderte. Fachleute sehen im Wegschließen jedoch kein Allheilmittel.

Er war zwölf Jahre alt, ein libanesischer Junge. Er war in Berlin-Kreuzberg unterwegs, hatte größere Mengen Heroin bei sich und wurde an einem Julinachmittag von der Polizei gestellt. Anschließend lieferten die Ermittler ihn bei den Betreuern seines Wohnheims ab. Die Jugendrichterin Kirsten Heisig äußerte sich alarmiert und forderte mehr geschlossene Heime. Das war 2009.

Ein Jahr später sorgt ein Elfjähriger in der Hauptstadt täglich für Schlagzeilen, weil er mit Drogen dealt. Weil er sich noch keine drei Monate in Berlin aufhält und schon elfmal von der Polizei geschnappt wurde. Weil er mit Bauchschmerzen ins Krankenhaus gebracht wurde, dann aber spurlos verschwand. Kaum übergibt ihn die Polizei seinen Betreuern, wird der Asylbewerber wieder auf den U-Bahnhöfen der Stadt gesichtet. Längst geht man davon aus, dass er im Auftrag der organisierten Kriminalität unterwegs ist. Vermutlich ist der Junge auch älter, als er offiziell behauptet. Schließlich kommen in Deutschland erst Vierzehnjährige vor Gericht; Boulevard-Fotos des Nachwuchsdealers zeigen einen groß gewachsenen, sehnigen Kurzhaarigen. Aber solange jemand keine Papiere hat, fällt der Gegenbeweis schwer.

Kirsten Heisigs Thesen prägen die Gesellschaft

Deutschlands bekannteste Jugendrichterin unterdessen ist tot. Kirsten Heisig hat sich vor knapp vier Wochen das Leben genommen, aus ungeklärten, offenbar privaten Motiven. Ihre Thesen jedoch prägen die Aufregung über dealende Kinder umso nachdrücklicher. Plötzlich diskutiert die Stadt über geschlossene Heime. Anfang dieser Woche erschien Heisigs Buch, „Das Ende der Geduld. Konsequent gegen jugendliche Gewalttäter“ (Herder-Verlag). Noch am Tag vor ihrem Verschwinden telefonierte die Achtundvierzigjährige die letzten Korrekturen durch. Als „Der Spiegel“ vergangene Woche Auszüge druckte, titelte er: „Das Vermächtnis“.

In den schon bekannten Passagen geht es um kriminelle arabische Clans in Neukölln. Die Drogenmafia benutze für ihre Geschäfte strafunmündige Kinder, die sie gezielt aus palästinensischen Flüchtlingslagern einschleuse, schrieb die Richterin. Der Elfjährige, der womöglich gar keine elf mehr ist, wird da zum Prototyp. Als führe sein Fall die Unfähigkeit und Ohnmacht der Behörden vor, die Heisig anprangert. Den Triumph der Hintermänner mag man sich gar nicht ausmalen.

Kinder begreifen das Leben in Deutschland als Chance

Einzelfälle, halten Fachleute aus der Flüchtlingsarbeit dagegen. Natürlich kennt man minderjährige arabische Dealer genauso wie vietnamesische Zigarettenhändler oder rumänische Klaukinder. „Das kommt vor, das will ich gar nicht bestreiten“, sagt Thomas Berthold, Referent vom Bundesfachverband Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge. Auch die wiederkehrenden Geschichten von gezielter Anwerbung entsprächen durchaus der Realität. „Aber eigentlich erleben wir meist das Gegenteil“, sagt Berthold: Das Gros der Flüchtlingskinder begreife Deutschland als Chance ihres Lebens.

Die Zahlen der Polizei sind niedrig. Mit bisher neun Kinderdealern im Jahr 2010 verzeichnen die Berliner Ermittler einen leichten Anstieg. Höchstens die Hälfte der Kinder sind Flüchtlinge: Von insgesamt 17 Festgenommenen seit Anfang 2009 besaßen immerhin sieben die deutsche Staatsangehörigkeit. Den Drogenfahndern des Bundeskriminalamts sind keine vergleichbaren Fälle aus anderen Städten bekannt.

Die meisten Clans stammen aus dem libanesischen Raum

Bleibt Heisigs drastische Warnung vor mafiosen arabischen Parallelwelten in Neukölln. „Im Prinzip ist man ständig dabei, mit Sprühpflaster hinterherzulaufen“, sagt jemand, der sich in der Jugendhilfe auskennt. So viel Energie, Personal und Geld auch eingesetzt werde: „Das läuft alles unter dem Motto Schadensbegrenzung.“ Natürlich schränken Sozialarbeiter ein, nur ein kleiner Teil der arabischen Familien im Stadtteil sei kriminell. Auch innerhalb der schätzungsweise 20 bis 30 Großfamilien, die bis zu 500 Personen zählten, müsse man differenzieren, mahnt die Polizei. Die Ermittler wissen von Drogen- und Gewaltdelikten, von Rotlichtkriminalität und Verstößen gegen das Waffengesetz. Die meisten Clans stammen aus dem libanesischen Raum. Inzwischen besitzt man einen deutschen Pass und kauft hierzulande Grabstätten. Das Wertesystem jedoch hat mit jenem der Mehrheitsgesellschaft wenig gemein. Wer im Gefängnis landet, gilt als Held. Heisig schrieb: „Die Kinder wachsen weitgehend unkontrolliert in diesen kriminellen Strukturen auf.“ Innensenator Ehrhart Körting (SPD) hat sich vergangene Woche dafür ausgesprochen, den Eltern von Kinderdealern das Sorgerecht zu entziehen. Wenn sonst nichts fruchte, müsse man die Kinder aus dem Milieu herausholen.

Die Frage ist nur: Wie?

„Wenn Sie mit Gewalt vorgehen, haben Sie Krieg“

„Wir machen doch all diese Sachen“, sagt Vera Bethge. „An den Clanstrukturen ändert das nichts.“ Wer seit fast dreißig Jahren in Neukölln Sozialarbeiterin ist und die Jugendhilfe im Nordosten des Bezirks verantwortet, hat sich damit abgefunden, dass man nicht alle retten kann. Es gibt Fälle, da werden Jugendliche quasi direkt nach ihrem 14. Geburtstag zu langen Haftstrafen verurteilt, weil sich schon vorher so viele Taten gesammelt haben. Aber heißt das, das Jugendamt hat geschlafen? Bethge kann die ewigen Schuldzuweisungen nicht mehr hören. Ohnehin sei den schwierigsten Fällen nur gemeinsam beizukommen. Erst kürzlich, berichtet sie, hatten sie es mit zwei Brüdern zu tun, elf und zwölf Jahre alt, die ein Mädchen in der Nachbarschaft mitsamt Familie bedrohten. Also bestellten Polizei, Jugendamt und Schule die arabischen Eltern ins Bezirksrathaus, um mit maximaler Drohgebärde klare Vereinbarungen zu treffen: wie eine neue Schule gefunden werden kann. Dass die Söhne in den Sportverein geschickt werden. Bei einem Scheitern sei der Schritt zum Sorgerechtsentzug nicht weit: Mindestens 40 Fälle kenne sie im Jahr.

Aber auch das ist kein Selbstläufer. Wie holt man ein Kind aus einer Wohnung, wenn der Vater den Zutritt verwehrt? Was bringt es, wenn beim nächsten Anlauf die Polizei mitkommt? „Wenn Sie mit Gewalt vorgehen, haben Sie Krieg“, warnt Robert Schramm. Der Sechzigjährige, Bethges Stellvertreter, hat die Hälfte seines Lebens in Neukölln gearbeitet. Er erzählt von einem Sozialarbeiter, der bei einem Hausbesuch mit dem Messer bedroht wurde und den Dienst quittierte. Aber auch aus pädagogischer Sicht sei der Nutzen einer Heimunterbringung begrenzt, wenn die Kinder in Loyalitätskonflikte gerieten, sagt Schramm: „Gegen den Willen der Familie kommen die Kinder in der Einrichtung nicht an.“ Dann warte der große Bruder vor der Schule. Und spätestens wenn die Mutter ins Handy weine, wollten die Kleinen heim.

Wegschließen bleibt tabu

Geschlossene Einrichtungen, wie Kirsten Heisig sie schon lange gefordert hatte, wirken da wie eine einfache Lösung. In der Berliner Debatte hat sich vergangene Woche herausgeschält: Wegschließen bleibt tabu. Aber eine besonders intensive Betreuung, gerne auch fern der Großstadt, soll die Kinder halten. So wie in Frostenwalde in der Uckermark zum Beispiel, wo sich ein Heim speziell für delinquente Jugendliche befindet mit stark geregeltem Tagesablauf und engmaschiger Betreuung. 200 Euro kostet jeder Platz pro Tag, fast doppelt so viel wie die Unterbringung im Standardheim. Trotzdem winkt Schramm ab. Er kennt genügend Jugendliche, die auch von dort weggelaufen sind. Er bleibt dabei: „Die geschlossene Unterbringung wird zurzeit als Allheilmittel propagiert. Aber das ist sie nicht.“ Auf lange Sicht seien die Rückfallraten ähnlich hoch wie beim Jugendknast. Alle Konsequenz, sagt Schramm, nutzt nichts, wenn es nicht gelinge, Vertrauen aufzubauen: „Es funktioniert nur über Beziehung. Und das ist teuer und langfristig.“

Wie die zuständige Jugendstadträtin am Freitag mitteilte, soll der schlagzeilenträchtige Elfjährige demnächst eine Einzelbetreuung erhalten. Da galt er allerdings längst wieder als vermisst.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Schaaf, Julia
Julia Schaaf
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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