Kunstfälschungsskandal

Vom Kellner zum Kunstverbrecher

Von Patrick Bahners, New York
24.04.2014
, 17:11
Dieses Gemälde à la Pollock aus der Quelle der New Yorker Kunstfälscherbande wurde von der Galerie Knoedler für siebzehn Millionen Dollar vermittelt.
Der Mann, der den vermutlichen größten Fälschungsskandal der Geschichte ins Rollen brachte, ist gefasst. Jose Carlos Bergantiños Diaz steht für eine unglaubliche Geschichte um Betrug und Fälschung.
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Die Firma Knoedler & Company war eine der ehrwürdigsten Institutionen des Kunstlebens von New York und älter als das Metropolitan Museum of Art. Der Ölmagnat Armand Hammer kaufte das Kunsthandelshaus 1971. Seit Mitte der neunziger Jahre besetzte Knoedler eine Marktnische für krisenfeste Qualitätsware. Wundersamerweise brachte man immer wieder unbekannte Werke der Helden des Abstrakten Expressionismus auf den Markt: Jackson Pollock, Mark Rothko, Willem de Kooning. Diese Bravourstücke vermittelte man an die Sorte von Neureichen, die besonders gut rechnen können, an Hedgefondsgründer, Goldman-Sachs-Manager und den Vorstandschef der Luxusmodefirma Tom Ford International. Am 28. November 2011 stellte Knoedler von einem Tag auf den anderen den Betrieb ein, obwohl man gerade damit beschäftigt war, eine Ausstellung zu hängen.

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Der Mann, der die älteste Galerie von New York zerstört hat, ist ein Spanier, der 1984 mit seiner mexikanischen Freundin in die Stadt kam und zunächst als Kellner arbeitete. Jose Carlos Bergantiños Diaz gründete eine Galerie in Chelsea mit dem Namen King Fine Arts und eine wohltätige Stiftung, die Geld für Armenspeisungen in der Dominikanischen Republik sammelt, gab sich als Freund von Andy Warhol aus - und erhielt Hausverbot im Auktionshaus Christie’s. Am Karfreitag ist Jose Carlos Bergantiños Diaz in Sevilla verhaftet worden. Gleichzeitig wurde in Lugo sein älterer Bruder Jesus Angel Bergantiños Diaz festgenommen, der verdächtigt wird, beim Verbergen der Erlöse geholfen zu haben. Ihr Strafprozess in New York wird zum dramatischen Finale eines jahrelang schwelenden Fälschungsskandals werden.

Ein Skandal im Beltracchi-Format

Pei Shen Qian, ein aus China gebürtiger, in New York ausgebildeter Maler, soll in einem Atelier in Queens die Gemälde hergestellt haben. Die Ausmaße des Falls scheinen weitaus größer als der Schaden, den der deutsche Fälscher Wolfgang Beltracchi anrichtete: Für die Fälschungen wurden insgesamt 33 Millionen Dollar gezahlt. Die Richter sind mit einer Serie von Zivilklagen befasst, die immer weitere Kreise ziehen und peinliche Einblicke in die Usancen der Abwicklung von Geschäften mit höchstpreisiger Kunst bieten. Wie bei Beltracchi und seiner erfundenen „Sammlung Jäger“ fußt dieser Betrug auf Legenden, in die aus dem Nichts auftauchende Meisterwerke eingesponnen wurden.

Die New Yorker Geschichte geht so: Es gab einen Geschäftsmann, der in der Schweiz und in Mexiko lebte, der starb und dessen Kunstbesitz sein Sohn verkaufte. Glafira Rosales, die frühere Lebensgefährtin von Jose Carlos Bergantiños Diaz, hat sich schuldig bekannt und kooperiert mit den Behörden. Während sie gegenüber Knoedler als die Kunsthändlerkollegin auftrat, die den Kontakt mit dem Eigentümer des Bilderschatzes hielt, der von seinem Vater angeblich auch eine pathologische Neigung zur Geheimniskrämerei geerbt hatte, überwachte Bergantiños Diaz die Herstellung.

Der Beltracchi von New York: Jose Carlos Bergantinos Diaz
Der Beltracchi von New York: Jose Carlos Bergantinos Diaz Bild: Archiv

Er war es, der Pei Shen Qian Ende der achtziger Jahre entdeckte, als dieser auf der Straße in Manhattan seine Bilder verkaufte, er versorgte ihn mit alten Leinwänden, alten Farbvorräten und Masonit, einem Material, das einige Maler der Jahrhundertmitte als Malgrundlage schätzten. Nach Abnahme der Ware bearbeitete Bergantiños die Bilder zur Erzeugung von Alterungsmerkmalen: Er setzte sie der Witterung aus, hielt sie unter einen Föhn und verpasste ihnen mit Teebeuteln eine künstliche Patina. Bei einigen Bildern soll er die Signaturen hinzugefügt haben. Pei hat sich nach China abgesetzt und behauptet, seine Auftraggeber hätten ihm gesagt, die Werke seien für Kunstliebhaber bestimmt, die sich Originale nicht leisten könnten. Gegenüber dem FBI hatte er im Juni 2013 aber erklärt, er kenne Glafira Rosales nicht und habe auch die Namen von Sam Francis und Mark Rothko noch nie gehört. Bei der Durchsuchung seines Ateliers wurden Bücher über die Maltechnik der Abstrakten Expressionisten sowie Gemälde in der Art von Jackson Pollock und Barnett Newman sichergestellt. Zwischen den Malutensilien fand sich ein Briefumschlag mit rostigen Nägeln und der Aufschrift „Mark Rothko“. Anfangs erhielt Pei ein paar hundert Dollar pro Bild, später das Zehnfache, nachdem er auf einer Kunstmesse gesehen hatte, zu welchem Preis seine Arbeiten Sammlern angeboten wurden.

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Welche Rolle haben die Kunsthändler gespielt, die die Werke kauften und weitervermittelten? Bundesanwalt Preet Bharara bezeichnete sie jetzt erstmals als Opfer. Ungewöhnlich ist jedoch, dass diese unmittelbaren Opfer einen größeren Profit gemacht haben als die Täter. Der Gewinn, den die Galerie Knoedler durch den Weiterverkauf der Fälschungen erzielte, lag mit 43 Millionen Dollar höher als der Umsatz der Lieferanten. Die unnatürlich hohen Gewinnmargen sind der Grund mehrerer Klagen geprellter Käufer, die erreichen wollen, dass auch die Firma Knoedler, die 2009 entlassene Geschäftsführerin Ann Freedman sowie Michael Hammer, der die Galerie von seinem Großvater erbte, wegen bandenmäßigen Betrugs verurteilt werden. Man habe wissen müssen, dass so billige Pollocks und Rothkos nicht echt sein könnten.

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Die krassen Gewinne sind jedoch nur möglich geworden durch die Hilfe weiterer Personen. Wie im Skandal um Beltracchi kommt die Figur des Experten ins Spiel, in der Doppelrolle des Sachverständigen und Vermittlers. Frank J. Fertitta III, ein Kasinobesitzer aus Las Vegas, hat jetzt Oliver Wick, Kurator am Kunsthaus Zürich, verklagt. Im April 2008 erwarb ein New Yorker Kunsthändler für Fertitta einen vermeintlichen Rothko aus dem Jahr 1959. Der Preis: 7,2 Millionen Dollar. Fertitta wusste aber nicht, dass er durch den Kauf zum Kunden von Knoedler wurde. Das Bild war laut Klageschrift von Oliver Wick, einem Rothko-Experten, der damals noch als freier Kurator der Fondation Beyeler tätig war, angeboten worden.

Wick hatte im Museum der Stiftung bei Basel zweimal andere Rothkos aus dem Knoedler-Vorrat ausgestellt und 2005 einen Aufsatz über die beiden „wiederentdeckten“ Bilder publiziert. In der Klageschrift heißt es, bei Wicks Text handele es sich über weite Strecken um die Paraphrase eines Memorandums, das man bei Knoedler für Kaufinteressenten erstellt hatte.

Die Galerie Knoedler in der New Yorker Upper East Side
Die Galerie Knoedler in der New Yorker Upper East Side Bild: dpa

Spöttisch bemerken Fertittas Anwälte, als Autor des Textes könne Wick nur insofern gelten, als er seinen Namen daruntergesetzt habe. Ihnen liegt eine E-Mail vor, in der Wick die fiktive Schweizer Provenienz des von ihm empfohlenen Bildes bestätigte. Das Bild sei der Redaktion des Werkkatalogs von Mark Rothko gezeigt worden, die seine Aufnahme in den Katalog prüfe. Man wird an Werner Spies erinnert, der Beltracchis Fälschungen nobilitierte, indem er ihre Aufnahme in seinen Max-Ernst-Katalog in Aussicht stellte, und hinterher erläuterte, diese Etiketten seien keine Gutachten gewesen. Den Autoren des Rothko-Katalogs wurde in Wahrheit angeblich nur ein Foto vorgelegt.

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Wick soll weiter versichert haben, es sei alles in bester Ordnung mit dem Bild - dafür bürge er mit seinem Namen als Rothko-Forscher. Der Kaufpreis wurde auf drei Schweizer Konten überwiesen. Inhaber: Oliver Wick. Laut Klageschrift erhielt Wick vom Käufer eine Provision von 150 000 Dollar und von Knoedler ein Beratungshonorar von 300 000 Dollar. Am 30. Oktober 2008 soll Wick einen weiteren Rothko offeriert haben - ein perfektes Pendant, wahrscheinlich in der gleichen Woche gemalt wie der erste. Amüsant liest sich im Rückblick der Hinweis, das Bild sei allerdings noch nicht so weit.

Im Juni 2013 wechselte Wick als Kurator ans Kunsthaus Zürich, wo er derzeit noch die Schau „Egon Schiele - Jenny Saville“ vorbereitet, aber im Herbst auf eigenen Wunsch wieder ausscheiden wird. Wir haben Oliver Wick vergeblich um eine Stellungnahme gebeten. Die Pressesprecherin der Fondation Beyeler teilte nach mehrfacher Nachfrage mit, Wick habe in der Angelegenheit der von der Galerie Knoedler verkauften Rothko-Gemälde „keine gutachterliche Tätigkeit ausgeübt“.

Nur zwei Monate bevor Knoedler den dann von Wick vermittelten Rothko in Kommission nahm, hatte Ann Freedman Glafira Rosales darüber informiert, dass Arbeiten eines anderen Künstlers aus der unerschöpflichen Privatsammlung von der Nachlassverwaltung dieses Künstlers als Fälschungen eingestuft worden waren. Freedman verlangte von Rosales, sie solle Knoedler vertraulich den Namen des Eigentümers offenlegen und von ihm eine Bestätigung der Provenienz erwirken.

Nur unbelehrbarer Leichtsinn, den man von Süchtigen kennt, erklärt, was dann geschah: Knoedler nahm den frischen Rothko ins Inventar auf, obwohl man den Sammlernamen nicht bekam. Dass Freedman die Hände von der dubiosen Ware nicht lassen konnte, hatte einen einfachen Grund. Alle Gewinne in den Büchern stammten aus der trüben Quelle. Ohne die von Rosales gelieferten Werke hätte Knoedler schon seit 1994 nur noch Verluste gemacht. Man wusste, dass man auf einer Falltür stand. Aber während eines Telefonats mit ihrem Chef Hammer notierte sich Ann Freedman den Satz, man dürfe die Gans nicht schlachten, die die goldenen Eier lege.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Bahners, Patrick
Patrick Bahners
Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.
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