Fall Emmett Till

Ein Lynchmord vor fast 67 Jahren wird nicht weiter juristisch verfolgt

Von Christiane Heil, Los Angeles
11.08.2022
, 20:32
Das Grab von Emmett Till auf dem Burr Oak Friedhof in Chicago
Hatte der 14 Jahre alte Schwarze Emmett Till eine weiße Verkäuferin begrapscht? Wegen der falschen Vorwürfe wurde er von ihrem Mann gelyncht. Vor Gericht kommt die Verkäuferin deshalb jetzt aber nicht mehr.

Die Begegnung zwischen dem afroamerikanischen Jugend­lichen Emmett Till und der weißen Verkäuferin Carolyn Bryant Donham im Südstaat Mississippi wird wohl immer ein Rätsel bleiben. Fast 67 Jahre nach dem zufälligen Treffen in einem Lebensmittelgeschäft, das mit Tills Lynchmord endete und die amerikanische Bürgerrechtsbewegung befeuerte, hat eine Grand Jury es jetzt ein weiteres Mal abgelehnt, Bryant Donham vor Gericht zu stellen. Die Beweise gegen die inzwischen Siebenundachtzigjährige, teilte die Staatsanwaltschaft des Bezirks Leflore in dieser Woche mit, reichten für eine Anklage nicht aus. Schon im Jahr 2007 hatte eine Grand Jury darauf verzichtet, Bryant Donham wegen Tills Tod zur Verantwortung zu ziehen.

Der Leichnam des Vierzehnjährigen, der im August 1955 aus Chicago nach Mississippi gekommen war, um Verwandte zu besuchen, war einige Tage nach der Begegnung mit der damals Einundzwanzigjährigen im Tallahatchie-Fluss gefunden worden – nackt, verstümmelt, mit einem Kopfschuss und herausgerissenem Augapfel. Der Ehemann der jungen Frau, Roy Bryant, und ihr Schwager John William Milam gaben ein Jahr später zu, Till gelyncht zu haben. Bei einem Mordprozess im rassengetrennten Mississippi hatte eine ausschließlich ­weiße Jury die weißen Täter aber einige Monate zuvor schon freigesprochen.

Ermordet: Emmett Till
Ermordet: Emmett Till Bild: AP

Über Bryant Donhams Rolle bei einem der schlimmsten Lynchver­brechen der amerikanischen Geschichte ist in den vergangenen Jahrzehnten viel spekuliert worden. Ermittler wie Dale Killinger, ein früherer Beamter der Bundespolizei (FBI), werfen ihr widersprüchliche Aussagen, Ungereimtheiten und eine mögliche Mittäterschaft vor. Nach dem Leichenfund hatte Bryant Donham bei der Polizei zu Protokoll gegeben, Till sei stumm geblieben, als ihr Ehemann und Schwager ihn in ihr Haus brachten, um ihn durch sie identifizieren zu lassen. In Bryant Donhams Memoiren, die vor einigen Wochen unter rätselhaften Umständen im Internet veröffentlicht wurden, schreibt sie dagegen, dass sie damals versucht habe, den Jugend­lichen zu schützen. Till selbst habe vor ihrem Ehemann und Schwager aber zugegeben, der Afroamerikaner gewesen zu sein, den sie einige Tage zuvor in Bryant’s Grocery & Meat Market, dem Geschäft der Familie in der Kleinstadt Money, getroffen hatte. Wie Bryant Donham in ihren Erinnerungen schreibt, hatte Till sie damals begrapscht und Sex vorgeschlagen. Der Vierzehnjährige prahlte angeblich, schon wiederholt mit „weißen Mädchen“ geschlafen zu haben.

Belästigt: Carolyn Bryant
Belästigt: Carolyn Bryant Bild: AP

Mehrere Zeugen hatten dagegen nach der Begegnung ausgesagt, Till und Bryant Donham hätten nur Worte gewechselt. Als Till das Lebensmittelgeschäft verließ, soll er ihr noch hinterherge­pfiffen haben. Der „Wolf Whistle“, wie Bryant Donham den Pfiff in ihren Erinnerungen nennt, war nach den Jim-Crow-Gesetzen zur Rassentrennung schon zu viel. „Roy hat mir nie erzählt, was genau passiert ist, als sie mit Emmett weg­gefahren sind“, schreibt die Siebenundachtzigjährige über ihren inzwischen verstorbenen Ehemann. „Aber ich habe den Bericht des FBI gelesen. Es war fürchterlich.“

Die Organisation Equal Justice Initiative registrierte bis in die Fünfziger­jahre etwa 4000 Lynchmorde, die meisten von ihnen in Südstaaten wie Mississippi, Georgia und Alabama. Ende März unterzeichnete der amerikanische Präsident Joe Biden schließlich einen nach Emmett Till benannten Gesetzentwurf, der Lynchen zu einem Hassverbrechen erklärte – fast 67 Jahre nach dem Tod des jungen Afroamerikaners.

Quelle: F.A.Z.
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