FAZ plus ArtikelNarcos auf Tiktok

„Hinrichtungen werden offen gezeigt“

Von David Klaubert
21.12.2020
, 06:31
Verfolgungsjagden, vergoldete Pistolen, Geldbündel, aber auch Gewalt: Konfliktforscher Falko Ernst spricht im Interview über „Narco Tiktok“ und die Social-Media-Strategien der mexikanischen Drogenkartelle.

Herr Ernst, in den vergangenen Wochen hat bei Tiktok eine wilde Verfolgungsjagd zwischen einem Boot der Küstenwache und mutmaßlichen Rauschgiftschmugglern die Runde gemacht. Wer anklickte, dass ihm das gefiel, dem wurden offenbar vom Algorithmus des Portals viele weitere Videos aus der Welt des organisierten Verbrechens vorgeschlagen: vergoldete Pistolen, Tigerbabys in teuren Autos, haufenweise Drogen und Dollarnoten, meist unterlegt mit mexikanischer Musik. Können Sie erklären, woher diese Inhalte kommen, die nun unter dem Namen „Narco Tiktok“ firmieren?

Das hat einfach damit zu tun, dass die Narco-Subkultur, wenn man das so nennen möchte, mit den verfügbaren sozialen Netzwerken mitzieht. Die mexikanische organisierte Kriminalität hat sich im Laufe der vergangenen Jahrzehnte stark gewandelt und agiert immer stärker in der Öffentlichkeit. Schon 2006 gab es die erste PR-Offensive der bewaffneten Gruppen. Damals war Youtube die Plattform, die am weitesten verbreitet war. Es folgten Twitter und die Narco-Blogs, also spezifische Publikationen, bei denen sich objektive journalistische Inhalte mit subjektiver Propaganda der kriminellen Organisationen vermischen. Dann kam Facebook. Und die neuste Plattform ist Tiktok. Das ist eine natürliche Entwicklung – auch weil die Basis dieser kriminellen Strukturen hauptsächlich aus jungen Menschen besteht. Diejenigen, die als bewaffnete Fußsoldaten anfangen, sind meist Teenager oder Twens. Und deren weitere Subkultur, die Jugendkultur, kommuniziert jetzt eben auch über Tiktok.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Klaubert, David
David Klaubert
Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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