Missbrauchsfälle in Münster

Folter in der Gartenlaube

Von Reiner Burger
07.06.2020
, 18:53
Die Polizei in Münster hat einen überregional vernetzten Ring von Pädokriminellen enttarnt. Die Polizei ist überzeugt, erst die Spitze des Eisbergs entdeckt zu haben.

Die Schrebergartenanlage „Am Bergbusch“ liegt am nördlichen Rand von Münster. Wie alle anderen 75 Parzellen ist auch der Kleingarten rund um die Laube vorbildlich gepflegt, die einer der Tatorte einer Gruppe hemmungsloser Pädokrimineller ist. Sieben Tatverdächtige aus drei Bundesländern sitzen mittlerweile in Haft. Drei Opfer hat die Polizei Münster bisher identifizieren können. Die Jungen sind fünf, zehn und zwölf Jahre alt.

Eine besonders abscheuliche Tat hat sich in der Nacht vom 25. auf den 26. April in der Gartenlaube abgespielt. Auf rekonstruierten Videoaufzeichnungen ist zu sehen, wie vier Männer das fünf und das zehn Jahre alte Kind „abwechselnd über Stunden auf das Schlimmste“ missbraucht haben, wie Kriminalhauptkommissar Joachim Poll berichtet. Der erfahrene Ermittlungsleiter ringt um angemessene Worte für etwas, das mit „Missbrauch“ viel zu beschönigend beschrieben ist. Was die beiden kleinen Jungen erleiden mussten, ist Folter.

Polizei und Staatsanwaltschaft Münster befänden sich ganz am Anfang der Arbeit, sagt Poll. „Ich bin überzeugt, in der Laube wurden noch wesentlich mehr Taten begangen.“ Und nicht nur dort. Schon jetzt gibt es neben den sieben festgenommenen Personen noch vier weitere Verdächtige. Im Zentrum der Ermittlungen steht der 27 Jahre alte Adrian V. Er ist nach bisherigem Stand der Erkenntnisse der Organisator einer überregional agierenden Pädokriminellen-Gruppe, die die Möglichkeiten der virtuellen Welt konsequent nutzte, um fürchterlichste Phantasien Wirklichkeit werden zu lassen.

Laube war „systematisch technisch ausgerüstet“

Seinen zehn Jahre alten Stiefsohn soll V. nicht nur selbst vergewaltigt und misshandelt haben, er soll das Kind auch regelmäßig an andere Männer verkauft haben. Neben V. sitzen ein 30 Jahre alter Mann aus Staufenberg in der Nähe von Gießen, ein Fünfunddreißigjähriger aus Hannover, drei 41, 42 und 43 Jahre alte Männer aus Köln, Schorfheide in Brandenburg und Kassel sowie eine 45 Jahre alte Frau in Haft. Sie ist die Mutter von Adrian V. und auch die Pächterin der Laube in Münster. Gegen die Frau, die bisher als Erzieherin in einer Kita arbeitete, wird wegen Beihilfe zum schweren sexuellen Missbrauch ermittelt. Denn sie überließ ihrem Sohn den Schlüssel für die Laube – „und zwar im Wissen, was dann dort passieren würde“, ist Oberstaatsanwalt Martin Botzenhardt überzeugt. V. hatte die Laube systematisch technisch aufgerüstet. Nicht nur an der Außenfassade brachte er Videokameras an, sondern auch im Inneren, über dem Doppelbett und dem Stockbett – um das Martyrium seiner Opfer aus verschiedenen Positionen in Highend-Qualität in Bild und Ton aufzuzeichnen.

Der 27 Jahre alte Computertechniker Adrian V. ist ein amtlich bekannter Pädokrimineller. Schon zwei Mal ist er wegen des Besitzes und der Verbreitung kinderpornographischer Schriften auf Bewährung verurteilt worden. In Haft genommen werden konnte V. nach Darstellung der Staatsanwaltschaft nicht, weil er die Taten, die zum zweiten Urteil führten, nach der Bewährungszeit beging. Das Familiengericht wiederum sah keinen Anlass, den Stiefsohn des Beschuldigten aus der Familie zu nehmen – obwohl V. seine pädophile Neigung immer offen bekundet hatte.

Seit 2018 hatte die Polizei V. wieder im Blick, kam aber lange nicht voran. Erst im April 2019 ergab sich ein Anfangsverdacht. Über eine IP-Adresse führte eine Spur zu einem landwirtschaftlichen Betrieb in Coesfeld, in dem Adrian V. als IT-Administrator arbeitete. Als Polizeibeamte wenig später die Wohnung des Mannes in Münster durchsuchten, konnten sie dann zwar große Mengen an Datenträgern sicherstellen. Doch sie waren hochprofessionell verschlüsselt.

Ein komplett eingerichteter Serverraum

Erst ein Jahr später, am 12. Mai, gelang es Fachleuten, einen der Laptops von Adrian V. zu dechiffrieren. Die Ermittler fanden eine unfassbare Menge von Bildern und Videos, auf denen zu sehen ist, wie Adrian V. den Sohn seiner Lebensgefährtin missbraucht. Eine Kaskade des Grauens brach sich Bahn. „Selbst erfahrenste Kriminalbeamte sind an die Grenzen des menschlich Erträglichen gestoßen und weit darüber hinaus“, sagt der Münsteraner Polizeipräsident Rainer Furth. Hunderte Terabyte „von diesem abscheulichen Dreck“ müssen noch ausgewertet werden. Oberstaatsanwalt Botzenhardt ergänzt: „Wir sehen bisher nur die Spitze des Eisbergs.“

Als die Ermittler am 15. Mai die Wohnungen von Adrian V. in Münster durchsuchten, fanden sie in einem von ihm genutzten Keller einen komplett eingerichteten und klimatisierten Serverraum. Erste Berechnungen ergaben, dass die Server ein Speichervolumen von mehr als 500 Terabyte haben. Weil V., der bisher beharrlich schweigt, die gesamte IT-Infrastruktur hochprofessionell verschlüsselt hat, dürften die mittlerweile in die Ermittlungen einbezogenen IT-Spezialisten des Landeskriminalamts Nordrhein-Westfalen noch monatelang mit dem Fall zu tun haben. Und weil bekannt ist, dass V. die Aufnahmen seiner Verbrechen über das sogenannte Darknet mit anderen Pädokriminellen auf der ganzen Welt teilte, ist nicht ausgeschlossen, dass der neue Missbrauchsfall von Münster auch eine internationale Dimension hat. „Ich glaube, dass wir bei den Daten aus dem Serverraum auch weitere Strukturen finden werden“, sagt Ermittlungsleiter Poll.

In der Gartenlaube in Münster fand die Polizei in einem Zwischenboden eine hochmoderne Videoaufzeichnungsanlage, Shuttle-PCs und eine Festplatte, deren Inhalt V. gelöscht hatte. Doch am 4. Juni gelang es, die Daten und damit auch die Aufzeichnung der Folterorgie von Ende April zu rekonstruieren.

Warum konnte Adrian V. solange ungestört agieren?

Damit können die Ermittler belegen: Neben Adrian V. waren an diesem Verbrechen auch die Männer aus Hannover, Schorfheide und Staufenberg beteiligt – Letzterer hatte seinen eigenen fünf Jahre alten Sohn zur gemeinschaftlichen Vergewaltigung mit in die Laube gebracht. Bei der Festnahme der technisch äußerst bewanderten Männer an ihren jeweiligen Wohnorten in Hessen, Niedersachsen und Brandenburg musste die Polizei blitzartig und möglichst zeitgleich vorgehen. „Denn schon ein Fingerdruck auf die Tastatur genügt, um wichtiges Beweismaterial zu zerstören“, berichtet Poll.

Auf das dritte bisher bekannte Missbrauchsopfer, den zwölf Jahre alten Jungen, wurden die Ermittler bei der Auswertung der Festplatte von Adrian V. aufmerksam. Auf dort abgelegten Bildern ist der Junge gemeinsam mit dem zehnjährigen Jungen aus Münster zu sehen. Nach einem Abgleich mit anderem Material war klar: Der zwölf Jahre alte Junge lebt in Kassel und wird von seinem Onkel missbraucht. Der Mann konnte am 29. Mai festgenommen werden. Durch die Auswertung seines Handys kamen die Fahnder wiederum auf die Spur des Verdächtigen aus Köln, der nur wenige Stunden später, am frühen Morgen des 30. Juni, festgenommen wurde. Er hat mittlerweile zugegeben, dass er sich mit Adrian V. getroffen hatte, um in dessen Auto den zehn Jahre alten Jungen zu missbrauchen.

Zu den vielen Aspekten, die im Fall Münster noch geklärt werden müssen, zählt auch die Frage, warum ein notorischer Pädokrimineller wie Adrian V. so lange ungestört agieren und immer furchtbarere Verbrechen begehen konnte. Polizeipräsident Furth beklagt, viel zu oft kämen die Ermittler wie bei Adrian V. erst durch eine IP-Adresse auf die Spur der Täter. Viel zu selten kämen die Hinweise von aufmerksamen Menschen. „Es muss für alle in Kitas, Schulen, in Nachbarschaften, Jugendämtern, für Bewährungshelfer, Gerichte darum gehen, noch aufmerksamer zu werden.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Burger, Reiner
Reiner Burger
Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.
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