Mordfall Brunner

„Ich bring dich um, ich bring dich um!“

Von Karin Truscheit, München
21.07.2010
, 10:03
Auf der Anklagebank im Landgericht München I: Sebastian L
Traten sie gegen den Kopf? Oder gegen den Oberkörper? Alle beide? Im Brunner-Prozess haben die Richter viele Fragen an die Augenzeugen - nur weichen die allesamt von ihren ursprünglichen Aussagen ab.
ANZEIGE

Für Matthias B. war die Sache schnell geklärt. Aus dem Fenster schauen, alles klar auf dem Bahnsteig, Türenfreigabe zurücknehmen und wieder losfahren. Ein paar Sekunden dauerte das, was er sah. In ein paar Sekunden hatte sich der Lokführer der S-Bahn, die am 12. September 2009 in Solln hielt, ein Bild gemacht von der Situation auf dem Bahnsteig. Er hielt sie für so harmlos, dass er weiterfuhr. So schildert er es zumindest am Dienstag in München vor dem Landgericht München I.

ANZEIGE

Er habe zunächst Dominik Brunner aussteigen sehen, dann die Jugendlichen, sagt er, und zuletzt Markus S. und Sebastian L. „Jetzt gibt's hier hinten Ärger“, habe Brunner dann in seine Richtung gesagt, gibt B. am Dienstag vor Gericht an. Dann habe Brunner Jacke und Rucksack abgelegt. Die beiden Angeklagten dagegen seien „ganz normal“ an ihm vorbeigegangen. „Herr Brunner ist auf sie zugegangen und hat dem einen ins Gesicht geschlagen.“ Dann habe Brunner gesagt: „Das klären wir jetzt mit der Polizei.“ Danach habe es nur eine wilde „Diskutiererei“ gegeben. Für ihn indes war klar: Die Situation ist geklärt. „Ich dachte, der Druck ist weg, ich fahre weiter.“ Sie hätten einfach nur weitergehen müssen, alle Beteiligten, dann wäre nichts passiert.

Ob es denn stimme, dass eine Zeugin auf ihn zugerannt sei, ihn gebeten habe, die Polizei zu rufen? „Nein, zu mir ist keiner gekommen.“ Er habe über den Fahrdienstleiter die Polizei rufen lassen.

Vor Gericht: Dutzende Zuschauer warten am Dienstag auf Einlass
Vor Gericht: Dutzende Zuschauer warten am Dienstag auf Einlass Bild: AFP

Dann hielt sie ihrem Bruder die Augen zu

Eine ganz andere Sicht der Dinge hat die 16 Jahre alte Französin Vera B. Die beiden Angeklagten hätten Brunner nach dem Aussteigen von links und rechts attackiert, sagt Vera B. am Dienstag vor Gericht. Geschlagen und gestoßen hätten sie ihn, bis er hingefallen sei. Sie war mit ihrem 13 Jahre alten Bruder Rafael auf dem Weg zum Kino und wartete auf die S-Bahn. Plötzlich hörten sie Schreie. „Ich sah, wie zwei junge Männer auf einen älteren Mann eintraten“, sagt Vera B. Dann hielt sie ihrem Bruder instinktiv die Augen zu. Doch Rafael schob die Hände immer wieder weg und sah - wie er später vor Gericht ebenfalls sagen wird - genug, was er auch nach einem Jahr noch nicht vergessen kann. Immer wieder hätten die Männer ganz schnell auf den älteren Mann eingetreten, sagt Vera B. Sie spricht zögernd, leise, immer wieder muss eine Dolmetscherin übersetzen. Doch der Vorsitzende Richter kann es ihr nicht ersparen. Die Fragen kommen unerbittlich, um ihre Erinnerung in handliche Portionen einzuteilen: Wer hat zugetreten? Was trug der junge Mann? Wie oft trat er? Wo haben sie gestanden? Traten sie gegen den Kopf? Oder gegen den Oberkörper? Alle beide? War einer aktiver als der andere? Wie oft traten sie? Jeder gleich oft? Wie schnell? Was machte der ältere Mann? Hat er sich gewehrt? Hat er seinen Kopf geschützt? Lag er am Boden? Wie lange? Hat der eine Mann etwas geschrien?

„Kack, fuck, motherfucker“, habe er geschrien. „Bei der Polizei sagten Sie, er habe auch ,Ich bring dich um, ich bring dich um' geschrien. Können Sie sich daran erinnern?“ - „Ja, daran kann ich mich gut erinnern.“ Widersprüchlich werden ihre Angaben allerdings, wer wie oft, wie stark getreten hat. Bei der Polizei sagte Vera B., beide hätten auf Brunner eingetreten, so etwa zwanzig Mal. Vor Gericht nun gibt sie an, nur „der Größere“, der mit der Mütze und der Tätowierung, habe getreten. „So fünf, sechs oder sieben Mal.“ Der andere habe nur anfangs mit zugeschlagen, als Brunner das erste Mal zu Boden ging. „Sind Sie sicher, dass es beide waren, die getreten haben“, fragt der Vorsitzende noch mal und noch mal. „Ja, ich kann mich erinnern, dass es beide waren.“ Ob sie gesehen habe, dass die Männer Brunner gegen den Kopf getreten hätten? Nein, das kann sie nicht mehr sagen. „Da waren doch viele Büsche vor Ihnen?“, fragt die Verteidigung. „Konnten Sie überhaupt gut sehen?“ - Nein, aber sie habe viel gesehen. - „Viel heißt, Sie haben nicht alles gesehen.“

ANZEIGE

Alle weichen von ihren Aussagen ab

Alle Augenzeugen, die am Dienstag vor Gericht erscheinen, weichen in ihren Aussagen vor Gericht von ihren Angaben ab, die sie vor knapp einem Jahr bei der Polizei machten. Der dreizehnjährige Bruder von Vera B., Rafael, schildert, wie er die Hände seiner Schwester beiseite schob und Boxschläge und Tritte der jungen Männer sah. Eine Fünfzehnjährige kann ebenfalls nicht mehr sagen, ob beide geschlagen haben, ebenso wenig wie zwei weitere französische Schüler. Einer dieser Schüler sagt am Dienstag, er wisse nicht mehr genau, ob geschlagen oder getreten wurde.

Der Polizei, erinnert ihn der Vorsitzende, habe er aber zu Protokoll gegeben: „Der Angreifer schlug sehr oft ins Gesicht des Mannes, hat mit dem Fuß zugetreten. Durch die Faustschläge ist er umgeflogen. Er ist auf den Rücken geflogen und hat versucht, sich mit dem Bein zu verteidigen. Als er auf dem Rücken lag, hat er noch mehrmals mit den Füßen auf den am Boden liegenden Mann eingestampft. Er hat ganz schön oft auf den eingestampft.“ Stimme das auch jetzt noch? „Ich glaube schon. Ich kann mich aber nicht mehr genau an die Art der Tritte erinnern.“

ANZEIGE

„Wie war denn das Verhältnis zu Ihrer Mutter?“

Anders Peter F., der auch auf dem Bahnsteig gegenüber stand. Mit Anlauf habe der eine Angreifer auf Brunner eingetreten, sagt er vor Gericht. „Die Tritte konnte man deutlich hören.“ Brunner habe sich, am Boden liegend, heftig mit den Beinen gegen die Tritte gewehrt. Und als die beiden weggelaufen seien, habe der eine, der auf ihn eingetreten habe, sich noch mal zu dem am Boden liegenden Brunner umgedreht. „Er hat so eine Siegerpose mit der Hand gemacht.“ Hasserfüllt habe er ausgesehen, vollkommen außer sich. Die Geste habe so etwas sagen wollen wie: „Dir haben wir es jetzt gegeben.“ Als Brunner blutend am Boden lag, rannten die beiden französischen Schüler nach ihren Angaben über das Gleis zu dem Verletzten. Was haben Sie dann gemacht? „Ich habe ihm den Puls gefühlt, ob er noch lebt.“ - Warum? - „Weil überall Blut war und er ganz weiß war.“ - „Und konnten Sie den Puls noch feststellen?“ - „Ja, aber sehr schwach.“

Auch ihn fragen die Verteidiger wieder nach Büschen, Menschentrauben, Zäunen und Wartehäuschen, die möglicherweise die Sicht einschränken konnten. „Eben sagten Sie noch, es hätten nur zwei, drei Leute neben ihnen gestanden. Jetzt konnten wir hören, eine ganze Menschentraube war auf dem Bahnsteig. Was stimmt denn nun?“ Und: „Wie war denn das Verhältnis zu Ihrer Mutter?“ Was denn das solle, fragt der Zeuge, und der Verteidiger gibt an: „Kann es sein, dass Ihre Mutter Sie vor der Polizei als chronischen Lügner bezeichnet hat?“ Nein, das könne er sich nicht erklären: Es sei ein Unterschied, ob man der Mutter eine Lügengeschichte erzählt, um der Bestrafung zu entgehen, oder ob man vor Gericht ist. Die Verteidigung hat keine weiteren Fragen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Truscheit, Karin
Karin Truscheit
Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
ANZEIGE