Mordprozess gegen Raser

Auf der Straße zerschmettert

Von Karin Truscheit, München
12.01.2021
, 17:43
In München muss sich ein Mann wegen Mordes verantworten. Er hatte versucht, in seinem Auto im Gegenverkehr vor der Polizei zu fliehen – und war in eine Gruppe von Schülern gerast.

Der Angeklagte schlägt sich an die breite Brust, nimmt die FFP2-Maske ab und sagt, er bekomme irgendwie schwer Luft. Zuvor war der bullige Mann mit den ausrasierten Seitenpartien an seinem Kopf immer wieder zusammengezuckt, als die Anklage verlesen wurde. Nach einer von der Verteidigung erbetenen Unterbrechung bekommt Victor-Friedrich B. eine Tablette gereicht – gegen seine Angststörung. „Geht es Ihnen jetzt besser?“, fragt die Vorsitzende Richterin. B. nickt. Detailliert wird er später in einer von der Verteidigung vorgetragenen Erklärung auf seine Suizidgedanken, auf zwei Wochen in einer videoüberwachten Zelle, Antidepressiva, Seelsorge und psychologische Betreuung verweisen. Seine Ausführungen stehen im krassen Gegensatz zu dem Verhalten, das die Staatsanwaltschaft ihm zur Last legt. Eine Rücksichtslosigkeit, die laut Anklage am 15. November 2019 zu dem Mord an einem 14 Jahre alten Schüler und mehrfachem Mordversuch geführt hat.

Am Abend des 15. Novembers 2019 machte B., der sich seit Dienstag vor dem Landgericht München I verantworten muss, zunächst eine Spritztour mit einem Freund durch München. B., 35 Jahre alt, von Beruf Lagerist, habe dem Freund, so lässt er es vortragen, sein Auto zeigen wollen: einen schwarzen BMW 135iS Coupé mit 306 PS. Bei seinem Freund habe er auch heimlich Kokain geschnupft und Bier getrunken. Erst am Morgen hatte B. jedoch beim Arzt einen Urintest machen müssen. Denn er war nach Rauschgiftdelikten zu einer Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt worden: Er musste also regelmäßige Tests machen, da Rauschgiftkonsum ein Verstoß gegen die Bewährungsauflage war – gegen die er laut Staatsanwaltschaft bereits „beharrlich“ verstoßen hatte.

Nach der Tour mit dem Freund wollte B. dann zu seiner Freundin fahren, im Auto hatte er zudem laut Staatsanwaltschaft rund zwei Gramm Marihuana. Auf dem Weg zu seiner Freundin wendete er – verbotswidrig – auf der Landsberger Straße. Eine Polizeistreife beobachtete das Wendemanöver gegen 23.20 Uhr und fuhr mit Anhaltesignal hinter ihm her. Als B. den Streifenwagen bemerkte, habe er Gas gegeben und sei bewusst in die Fürstenrieder Straße und in den Gegenverkehr abgebogen – „um das Polizeiauto abzuschütteln“. Denn laut Anklage fürchtete der Angeklagte, dass eine Kontrolle durch die Polizei ihn seine Bewährung kosten könnte.

Eine rücksichtslose Fahrt

Was folgte, war eine rücksichtslose Fahrt des Angeklagten mit rund 120 Kilometern in der Stunde im Gegenverkehr auf der mittleren Fahrspur. Die Polizei fuhr ihm mit Blaulicht und Martinshorn hinterher – der Staatsanwaltschaft zufolge, um die anderen Fahrer zu warnen. Der Abstand habe sich jedoch vergrößert, da die Polizei nicht mit dieser hohen Geschwindigkeit „fahren konnte und wollte“.

Mehrere Autos kamen dem Angeklagten dabei entgegen, sie hielten an, um ihm ausweichen zu können. Als B. einen zweiten Polizeiwagen bemerkte, der sich an der Verfolgung beteiligte, sei er noch schneller gefahren – auch über eine Kreuzung, so die Staatsanwaltschaft. Dass bei seiner Fahrweise „ohne jegliches Abbremsen“ das von ihm gelenkte Fahrzeug „eine nicht vorhersehbare Anzahl von Menschen töten könnte“, habe B. „billigend in Kauf genommen“.

B. fuhr immer weiter im Gegenverkehr, auch wenn er nicht nur die Frontscheinwerfer mehrerer Autos, sondern auch die eines Busses wahrnahm. Aus diesem Bus, der an der Bushaltestelle Aindorfer Straße angehalten hatte, stiegen vier Jugendliche aus. B. habe damit gerechnet, wirft ihm die Anklage vor, dass Fahrgäste nun die Fahrbahn überqueren könnten. Die vier Schüler gingen über die Fahrbahn der Fürstenrieder Straße. Die Fußgängerampel zeigte zwar rot, doch die Schüler schauten nach links, um sich zu vergewissern, dass sie die Straße überqueren konnten. „Keiner der Jugendlichen hatte das Tatfahrzeug in diesem Moment kommen gehört.“ Eine Sekunde vor der Kollision sah eine Schülerin Bs. Auto und schrie. Sie ging als Letzte, vor ihr ging ein Freund. Ihre Freundin wiederum, die vor den beiden die Straße überquerte, hielt daraufhin inne und drehte sich um. Sie wurde von der linken „Frontstoßfängerfläche im Übergang zum Radlauf“ von B.s Wagen am rechten Bein erfasst, der Bruch wurde später im Krankenhaus operiert.

Der Vierzehnjährige aber, der vorausging, war da schon zwischen dem zweiten und dem dritten Fahrstreifen. Ihn traf die rechte Frontseite des heranrasenden Fahrzeugs, er erlitt unter anderem zahlreiche Frakturen in den Beinen und durch den Aufprall einen nicht zu überlebenden Riss der Aorta sowie eine Schädelbasisfraktur. Er schlug mit dem Hinterkopf auf dem mittleren Fahrstreifen der Parallelfahrbahn auf. Der Körper des Jungen war 43Meter weit geschleudert worden.

Keine Punkte in Flensburg

Durch die Kollision wurden in B.s Wagen die Airbags ausgelöst – laut Anklage bei einer Geschwindigkeit von 124 Kilometern in der Stunde. Das hinderte ihn nicht daran, mit 120 Kilometern in der Stunde weiterzufahren. Ein entgegenkommendes Fahrzeug mit zwei Insassen konnte nur noch knapp ausweichen und prallte dabei auf eine Litfaßsäule. Bei einer Geschwindigkeit von nur 14,5 Kilometern in der Stunde wurde die Säule um 40 Zentimeter verschoben, die beiden Insassen wurden verletzt und mussten ins Krankenhaus. Erst neun Sekunden nach der Kollision mit den Schülern bremste B. nach Angaben der Staatsanwaltschaft ab und lenkte seinen Wagen auf einen Fahrradweg. Er stieg aus und flüchtete in den Westpark, wo er schließlich von Polizisten gestellt und fixiert wurde, da er sich laut Anklage „massiv“ gegen die Festnahme wehrte.

Vor Gericht teilt B. am Dienstag in seiner Erklärung auch mit, dass er keine Punkte in Flensburg habe. Er sei ein guter Autofahrer, auch nach Kokainkonsum, und habe sich bislang im Straßenverkehr „regelkonform“ verhalten. Natürlich wisse er, dass man nach Kokainkonsum nicht Auto fahren dürfe. Auch auf der Fahrt am 15. November habe es zunächst keine „brenzligen Situationen“ gegeben. Die Autos seien stehen geblieben oder zur Seite gefahren. „Ich dachte, ich habe es gut gemeistert.“ Die Jugendlichen habe er erst nicht gesehen, dann habe er gebremst. „Ich habe die Gefahr unterschätzt und mich überschätzt.“

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Als Mordmerkmale sieht die Anklage unter anderem den Einsatz eines „gemeingefährlichen Mittels“, Heimtücke und niedrige Beweggründe – die Flucht des Angeklagten vor der Polizei um jeden Preis, um seine Bewährung nicht zu gefährden. Die Vorsitzende Richterin hatte zu Beginn zudem darauf hingewiesen, dass auch die besondere Schwere der Schuld in Frage komme.

Bs. Verteidigerin, er hat noch zwei weitere Verteidiger, hat die Mordanklage in einem Opening Statement zurückgewiesen. Der Vorwurf des bedingten Tötungsvorsatzes sei schlecht begründet und überdies nicht haltbar: „Nicht jedes Fehlverhalten im Straßenverkehr, bei dem ein Mensch zu Tode kommt, ist ein Mord.“ Auch das Verhalten der verfolgenden Polizei sowie des „Geschädigten“ sei nicht ohne jeden Zweifel: Dieser sei bei Rot über die Straße gelaufen. Ob die Verteidigung es nun als fahrlässige Tötung oder Unfall gewertet sehen will: Es hätte ihr gut zu Gesicht gestanden und der Strategie keinen Schaden zugefügt, wenn sie zumindest mit einem Nebensatz aus dem „Geschädigten“ einen Menschen, einen sehr jungen zumal, gemacht hätte, der an diesem Abend zerschmettert auf der Straße liegen blieb.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Truscheit, Karin
Karin Truscheit
Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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