O. J. Simpson kommt frei

„Er konnte ungestraft lügen“

Von Christiane Heil, Los Angeles
29.09.2017
, 15:42
Prominenter Häftling: O. .J. Simpson im Juli vor der Bewährugskommission
Kommende Woche darf O. J. Simpson das Gefängnis verlassen. Er schmiedet schon Pläne für das Leben in Freiheit. Kam die Bewährung durch Gesetzeslücken und Lügen zustande?
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Die Stimmung am South Bundy Drive erinnert an die Wochen nach dem 12. Juni 1994. Immer wieder fahren Autos im Schritttempo über die palmengesäumte Straße im Westen von Los Angeles. Damals gaben gelbschwarze Absperrbänder der Polizei preis, wo Nachbarn die blutüberströmten Leichen von Nicole Brown Simpson und ihrem Bekannten Ron Goldman gefunden hatten. Heute suchen die meisten den Tatort vergebens. Das helle Reihenhaus mit den Metallgittern, das Brown Simpson nach der Scheidung von Football-Legende Orenthal James Simpson bezog, ist hinter einer undurchsichtigen Hecke aus Palmen, Jacarandas und Essigbäumen verschwunden. Eine Holztür versperrt den Blick auf die hellgrauen Fliesen, in deren Fugen sich Brown Simpsons Blut sammelte. Nachbarn erzählen, die neuen Bewohner hätten die Besucherhorden nicht mehr ertragen. Sie ließen sogar die Hausnummer ändern.

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Vor O.J. Simpsons Entlassung aus dem Gefängnis, die für die kommenden Tage erwartet wird, ist es am South Bundy Drive mit der Ruhe wieder vorbei. Täglich versuchen Dutzende Touristen, den Ort zu finden, an dem „The Juice“ seine frühere Frau ermordet haben soll.

Auch in der Kanzlei der Prominentenanwältin Gloria Allred ein paar Meilen entfernt hat Simpsons Haftende einen der aufsehenerregendsten Fälle der amerikanischen Rechtsgeschichte wieder aufleben lassen. Allred, die im Strafprozess gegen den Sportler 1995 die Angehörigen der gebürtigen Frankfurterin Nicole Brown Simpson vertrat, schreibt die vorzeitige Entlassung aus dem Lovelock Correctional Center in Nevada einer Mischung aus Lügen und Gesetzeslücken zu. Der Bewährungsausschuss des Wüstenstaates hatte Ende Juli beschlossen, Simpsons Haft wegen eines Überfalls auf zwei Trophäenhändler in einem Hotel in Las Vegas schon nach neun anstelle der verhängten 33 Jahre zu beenden.

Vom Vorwurf des Mordes an Brown Simpson und Goldman hatten die Geschworenen am Obersten Bezirksgericht in Los Angeles den Football-Star 1995 freigesprochen. Bei einem späteren Zivilverfahren wurde er wegen widerrechtlicher Tötung zu 33 Millionen Dollar Schmerzensgeld verurteilte. „Die Jury fand eindeutige Beweise, dass er Nicole und Ron vorsätzlich tötete“, sagt Allred.

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„Das Urteil widerlegt seine Darstellung“

Simpsons Beteuerungen vor der Bewährungskommission, ein „konfliktfreies“ Leben geführt zu haben, nennt die Juristin deshalb frei erfunden. „Das Urteil widerlegt seine Darstellung. Es stellte fest, dass er vorsätzlich zwei Menschen mit einem Messer tötete, Nicole fast enthauptete und den blutigen Körper vor einem Haus zurückließ, wo zwei Kinder ihre Mutter in einer Blutlache hätten finden können.“ Da Simpson nicht unter Eid aussagte, seien seiner Phantasie aber keine Grenzen gesetzt worden. „Herr Simpson konnte den Bewährungsausschuss ungestraft anlügen.“

Ex-Footballstar
O.J. Simpson kommt auf Bewährung frei
© Reuters, reuters

Auch frühere Übergriffe fielen am 20. Juli 2017 unter den Tisch. Wie die Staatsanwaltschaft während im Strafprozess 1995 vortrug, hatte Simpson seine Frau schon in der Ehe misshandelt. Am Neujahrstag 1989 schlug und trat der Sportler sie so heftig, dass sie in einem Krankenhaus behandelt werden musste. Als die Polizei nach einem Notruf damals vor der Villa der Familie erschien, lief ihr die spärlich bekleidete Nicole Brown Simpson aus einem Gebüsch entgegen und rief. „Er wird mich umbringen, er wird mich umbringen!“ Die Tochter einer deutschen Mutter und eines amerikanischen Vaters sagte den Polizisten, nach Misshandlungen ihres Mannes bereits acht Mal die Behörden verständigt zu haben. O. J. Simpson beschwerte sich derweil über die häufigen Besuche der Polizei. Vier Monate nach dem Zwischenfall verurteilte ein Richter die Football-Legende zu 120 Sozialstunden, zwei Jahren Bewährung und einer 500-Dollar-Spende an ein Frauenhaus.

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O.J. Simpson schmiedet Pläne für das Leben in Freiheit

Vor dem Bewährungsausschuss fast 30 Jahre später wurde nicht über frühere Gewaltexzesse gesprochen. Das hat mit den Gesetzen in Nevada zu tun. Recherchen, ob ein Antragsteller schon wegen häuslicher Gewalt verurteilt wurde, gehören nicht zum Fragekatalog der Kommission. Ihre vier Mitglieder debattierten zwar über Simpsons Überfall auf einen Trophäenhändler vor zehn Jahren. Der Fall „The People v. O. J. Simpson“, also der „Prozess des Jahrhunderts“, blieb aber unerwähnt. „Der Kommission lagen keine Informationen zu häuslicher Gewalt vor. Sie zogen Simpsons Lüge über ein angeblich konfliktfreies Leben daher nicht in Frage“, sagt Allred. Mehr als 13 Millionen Amerikaner verfolgten vor dem Fernseher, wie der Bewährungsausschuss Simpsons vorzeitiger Entlassung am 1. Oktober zustimmte.

Allred versucht nun, vorzeitige Entlassungen verurteilter Gewalttäter in Nevada zu verhindern. Gemeinsam mit der republikanischen Abgeordneten Lisa Krasner legte die streitbare Juristin am Dienstag einen Gesetzentwurf vor, der bei Bewährungsgesuchen auch Urteile zu häuslicher Gewalt und widerrechtlicher Tötung berücksichtigt. Antragsteller sollen zudem unter Eid versichern, vor der Bewährungskommission die Wahrheit zu sagen. „Für Simpson hätte das neue Gesetz keine Folgen mehr. Für andere Straftäter, die künftig die vorzeitige Entlassung anstreben, schon“, sagt Allred.

O.J. Simpson schmiedet derweil Pläne für das Leben in Freiheit. Schon wird über eine Karriere als Realitydarsteller spekuliert. Sein Freund Tom Scotto deutete einen Umzug nach Florida an, wo Simpsons Tochter Sydney und sein Sohn Justin aus der Ehe mit Brown Simpson leben. Da der Siebzigjährige weiter Bewährungsauflagen einhalten muss, erwarten ihn auch dort unangekündigte Behördenbesuche sowie Drogen- und Alkoholkontrollen. Finanzielle Sorgen sollten ihn aber nicht plagen. Die Nationale Football-Liga, für die er Ende 1979 das letzte Mal spielte, zahlt ihm eine monatliche Pension von 25.000 Dollar. Die Angehörigen von Brown Simpson und Goldman, die weiter auf die ihnen zugesprochenen 33 Millionen Dollar warten, gehen leer aus. Nach den Gesetzen in Florida darf Simpsons Pension nicht mit ihren Forderungen verrechnet werden.

Quelle: F.A.Z.
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