Klage gegen BVG

Krankenhausbesuch nach Fahrkartenkontrolle

Von Anna Vollmer
24.05.2022
, 16:20
Fahrgäste am Berliner U-Bahnhof Friedrichstraße.
Ein Mann verklagt die Berliner Verkehrsbetriebe, weil ihn Kontrolleure derart verletzt haben sollen, dass er im Krankenhaus behandelt werden musste. Es ist nicht das erste Mal, dass Vorwürfe von Gewalt und Diskriminierung gegen die BVG erhoben werden.

Vor einigen Jahren haben die Berliner Verkehrsbetriebe in eine neue Werbeagentur investiert. Man wollte beliebter werden in der Stadt, bei den Kunden. Heraus kam die Kampagne „#weilwirdichlieben“. Sie sollte zum Image der Hauptstadt passen: Nicht perfekt, aber dafür offen, vielfältig und selbstironisch. Berlin eben.

Nicht das Berlin allerdings, das einige Fahrgäste der BVG wahrnahmen. Im vergangenen Jahr veröffentlichten Aktivisten auf der Plattform change.org eine Petition, in der sie schrieben: „Stoppt Diskriminierung und Gewalt durch Kontrolleur*innen der BVG und der S-Bahn Berlin!“ war darin zu lesen. Unter „#BVGWeilWirUnsFürchten“ berichteten verschiedene Menschen auf Twitter und Instagram von teilweise drastischen rassistischen Übergriffen bei der Fahrkartenkontrolle. Erst vor wenigen Monaten ging die Geschichte der Yogalehrerin Juju Kim viral: Diese hatte ein Video veröffentlicht, in dem sie Kontrolleuren der BVG vorwarf, ihr den Finger gebrochen zu haben, nachdem sie nicht eingesehen habe, dass ein Ticket, das sie erst im Fahrzeug gekauft hatte, nicht gültig sei.

Eine Kontrolle eskaliert

Ein anderer Vorfall schaffte es am vergangenen Sonntag in die britische Wochenzeitung „The Observer“. Dort war die Geschichte des Opernsängers Jeremy Osborne zu lesen, die ebenfalls nicht so klang wie das liberale Image, mit dem sich die Stadt Berlin und ihre Verkehrsbetriebe gern schmücken. Noch nie habe er, eine „person of colour“, sich in einer Stadt so unsicher gefühlt wie in Berlin, sagte Osborne dem Observer. Damit soll auch die BVG zu tun haben. Im Oktober 2020 wurde Osborne in der U-Bahn kontrolliert. Vom Verlauf dieser Kontrolle gibt es zwei Versionen.

Osborne habe, so sagt er es dem Observer, die in Zivil gekleideten Kontrolleure nach ihrem Ausweis gefragt. Daraufhin sei die Situation aus dem Ruder gelaufen. Sie hätten ihn gebeten, auszusteigen und dann draußen auf eine Metallbank geschubst. Eine Verletzung am Oberschenkel, die er sich dabei zugezogen habe, sei im Krankenhaus behandelt worden, sagt Osborne.

Die Kontrolleure, die nicht für die BVG selbst, sondern wie ungefähr drei Viertel ihrer Kollegen für ein Subunternehmen arbeiteten, gaben den Vorfall laut Observer später anders wider. Osborne habe sie provoziert, in dem er seinen Fahrschein „sehr langsam“ gezeigt habe. Außerdem habe er die vier Männer, von denen drei türkische Staatsbürger waren, als „Ausländer“ beschimpft. Osborne verneint das.

Gerichtsverfahren gegen die Kontrolleure

Was genau passierte, wird sich nun vor Gericht klären, denn Osborne hat die BVG verklagt. Es ist der erste Fall, bei dem das auf Basis des Berliner Antidiskriminierungsgesetz geschieht, das im Juni 2020 in Kraft getreten ist. Das erste Mal, dass Berliner Kontrolleure vor Gericht stehen, ist es allerdings nicht. Probleme gibt es seit Jahren. In der Vergangenheit wurden Mitarbeiter der Firma Wisag, die für die BVG gearbeitet hatten, wegen gefährlicher Körperverletzung zu Bewährungsstrafen verurteilt, andere, weil sie Touristen abgezockt und das Geld für sich behalten hatten.

Auf Anfrage der F.A.Z. schreibt Jeremy Osborne, er wolle die Einzelheiten seines persönlichen Falles nicht noch einmal aufrollen. Der Observer habe alles korrekt wiedergeben. Mit seiner Klage wolle er die Aufmerksamkeit auf ein strukturelles Problem lenken, das nicht nur ihn, sondern viele Menschen betreffe. Andere Geschichten seien schlimmer als seine. Er erwähnt, neben Juju Kim, auch Abbéy Odunlami, der ebenfalls 2020 nach einer Kontrolle durch die BVG im Krankenhaus behandelt wurde. „Über das Problem mit schlecht ausgebildetem, ausgelagertem und unterbezahlten Sicherheitspersonal wird seit Jahren immer wieder berichtet“, sagt Osborne. In diesen Berichten, wie etwa einem Artikel über den Fall Abbéy Odunlami in der Berliner Zeitung, wird oft die Tatsache erwähnt, dass ein Großteil der Kontrolleure bis vor Kurzem keine Uniform trugen. Wer tatsächlich als Kontrolleur arbeite, sei vollkommen intransparent gewesen, heißt es dort. Man habe das Gefühl gehabt, so Odunlami, von einer Gang angepöbelt zu werden.

Diesen Umstand hat die BVG inzwischen geändert. Zum aktuellen Fall will sie sich jedoch nicht äußern. Auf Anfrage schreibt sie, man toleriere weder Diskriminierung noch Gewalt, das werde in regelmäßigen Schulungen auch internen und externen Mitarbeitern vermittelt. Diese Schulungen seien „auch aufgrund der aktuell diskutierten Fälle“ intensiviert worden. Außerdem seien die Kontrolleure inzwischen nicht mehr in Zivil unterwegs, sondern durch blaue Westen klar zu erkennen: „Diese Maßnahme wirkt deeskalierend und ist ein Resultat unseres kontinuierlichen Austausches mit Fahrgästen und Initiativen.“ Dieser Austausch hat mit dem Gerichtsverfahren nun die nächste Ebene erreicht.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Vollmer, Anna
Anna Vollmer
Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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