Festnahme in Oppenau

Täter und Polizist bei Einsatz leicht verletzt

Von Rüdiger Soldt, Stuttgart
17.07.2020
, 22:30
Beamte der Bereitschaftspolizei in Oppenau
Mit einem Beil und mehreren Schusswaffen wartete der Gesuchte im Gebüsch. Tagelang fahndete die Polizei nach Yves R. Die Polizei im Schwarzwald nennt Details der Festnahme.
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Am Freitagnachmittag noch wechselte die Polizei die Strategie und appellierte an den 31 Jahre alten Yves R., sich zu stellen. Doch während der Pressekonferenz erhielt der Offenburger Polizeipräsident Reinhard Renter den Hinweis, dass Zeugen den Verdächtigen gesehen hätten. Die Polizei nahm den Hinweis sofort auf, setzte Personenspürhunde ein, verstärkte die Kräfte in dem entsprechenden Waldstück, ließ Hubschrauber starten. Um 17.15 Uhr folgte der Zugriff. Das Sondereinsatzkommando traf R. im Wald sitzend an, die vier am vergangenen Sonntag entwendeten Dienstwaffen hatte er wie wertvolle Sammlerstücke vor sich hingelegt, auf seinem Schoß lag sein Beil und ein Schriftstück, möglicherweise war es ein Abschiedsbrief.

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„Wir sprachen den Tatverdächtigen an. Das gestaltete sich schwierig. Es griff dann das Zugriffskonzept des Sondereinsatzkommandos“, sagte Jürgen Rieger, der Leiter des Einsatzes und der stellvertretende Polizeipräsident von Offenburg, am Freitagabend. Um 17.17 Uhr war der Verdächtige festgenommen, dabei wurde er leicht verletzt. Ein Polizist erlitt eine oberflächliche Schnittverletzung. Der genaue Ablauf der Festnahme muss durch weitere Vernehmungen der am Einsatz beteiligten Polizisten und des Verdächtigen noch ermittelt werden. „Das Spurenbild muss jetzt abgerundet werden, wir müssen uns den Ablauf anschauen und auch strafrechtlich bewerten“, sagte Oberstaatsanwalt Herwig Schäfer. Es sei eine Blutprobe angeordnet worden, weil man wissen müsse, ob R. bei seiner Festnahme unter dem Einfluss von Drogen stand. An diesem Samstag werde der Beschuldigte dem Haftrichter vorgestellt, im Zuge der weiteren Ermittlungen werde es sicher auch ein psychiatrisches Gutachten geben.

Polizeipräsident Renter erläuterte am Freitagabend noch einmal das Einsatzkonzept: Nachdem R. am Sonntagmorgen die vier Polizisten in einer Waldhütte entwaffnet hatte und dann in die schwer zu durchdringenden Wälder geflohen sei, habe die Polizei zunächst die Kräfte verstärkt. Bis zu 400 Beamte seien in der kleinen Schwarzwaldstadt im Ortenaukreis in einer Schicht im Einsatz gewesen. Das Landeskriminalamt, die Bundespolizei, ein Sondereinsatzkommando, mobile Einsatzkommandos, zeitweise vier Hubschrauber, Zielfahnder, Psychologen, eine Verhandlungsgruppe und „Mantrailer“ seien nach Oppenau geholt worden. Dann habe man begonnen, verstärkt das Waldgelände zu durchsuchen; Mitte der Woche seien dann die Fahndungsaktivitäten verstärkt worden und das familiäre Umfeld stärker in den Blick genommen worden; die Ermittler hätten Zeugen befragt.

Suche nach Yves R.: Am Freitag fand die Polizei den 31 Jahre alten Mann.
Suche nach Yves R.: Am Freitag fand die Polizei den 31 Jahre alten Mann. Bild: dpa

Am Freitag habe man dann die Gefährlichkeit von Yves R. geringer eingeschätzt als zuvor und an ihn appelliert, sich friedlich zu stellen. „Unsere Strategie war in allen Bereichen richtig“, sagte Renter. Die Mutter des Verdächtigen und einige seiner Bekannten hatten sich in den vergangenen Tagen in Interviews sowie im Internet geäußert und eindringlich davor gewarnt, den Gesuchten als gefährlichen Schwerverbrecher abzustempeln. R. ist in Oppenau am Schwarzwald aufgewachsen und war dort als arbeitsloser Sonderling ohne festen Wohnsitz bekannt.

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Wer ist Yves R.? Hintergründe zu dem „Waffennarr“ mit vielen Vorstrafen lesen Sie hier.

Doch auch der Polizei ist er kein Unbekannter: Als Sechzehnjähriger manipulierte er ein öffentlich angebrachtes Schild. Aus der Aufschrift „Jugendwerk“ macht er „Juden weg“. Er soll damals auch Hakenkreuze und SS-Symbole verwendet haben. Die Tat zog ein Strafverfahren wegen Volksverhetzung nach sich; er wurde zu einer Jugendstrafe auf Bewährung verurteilt. Schon 2008 aber fiel der junge Mann den Behörden wieder auf, er besuchte eine Veranstaltung mit einem Säbel. 2009 wurde er wegen des Verstoßes gegen das Waffengesetz zu einer Geldstrafe verurteilt. Schon 2010 verübte er die nächste Straftat, die mit einer Haftstrafe geahndet wurde: Mit einer Sportarmbrust verletzte er eine Bekannte nach einem Streit lebensgefährlich. R. rief einen Notarzt und behauptete, es habe sich um einen Unfall gehandelt. Von einer Jugendkammer in Pforzheim wurde er zu einer Jugendstrafe von drei Jahren und sechs Monaten verurteilt, die er auch verbüßte. Bei einem der zahlreichen Ermittlungsverfahren fand die Polizei auf seinem Smartphone auch drei kinderpornographische Bilder.

Im Laufe der Woche meldeten sich einige Bekannte des Gesuchten mit Youtube-Videos zu Wort, die ihn sogar gegen „Vorverurteilungen“ verteidigten. Am Ende der Pressekonferenz am Freitagabend wird Oberstaatsanwalt Herwig Schäfer gefragt, ob der „freiheitsliebende“ R. mit einer Bewährungsstrafe rechnen könne: „Das Strafmaß für besonders schwere räuberische Erpressung, die hier vorliegt, liegt bei mindestens fünf Jahren. Ein Strafmaß zu prognostizieren, ist nicht möglich.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Soldt, Rüdiger
Rüdiger Soldt
Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.
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