Partnerschaftsgewalt

Du gehörst mir!

Von Julia Schaaf, Berlin
22.09.2019
, 15:22
Jeden dritten Tag wird in Deutschland eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet. Oft geht es dabei um Macht und Kontrolle. Auch Maria musste deshalb sterben.

Die letzte Nacht in ihrem Leben verbringt Maria bei ihrer Schwester. Die eine hat für die andere gekocht, man geht zusammen mit dem Hund. Am nächsten Morgen, es ist Samstag, der 8. Dezember 2018 gegen sechs Uhr, klingelt Marias Handy. Sie, Empfangschefin in einem Mittelklassehotel, muss zur Frühschicht. Eine Kollegin ist am Telefon, mit der sie sich in der Tiefgarage verabredet hat, um nicht allein durchs Parkhaus laufen zu müssen. „Sie hat mir erzählt, dass sie so froh ist, dass sie gute Freunde hat, die sich so um sie kümmern“, wird ihre Schwester später vor Gericht erzählen. Als sie von der Richterin gebeten wird, noch ein paar Sätze über Maria zu sagen, stockt ihr die Stimme: „Meine Schwester war“, sagt sie und macht eine Pause: „mein Seelenpartner, mein Tagebuch. Sie war einfach immer für mich da.“

Maria hat alles richtig gemacht. Nach der Trennung meldete sich ihr Exfreund zigmal am Tag, manchmal drohte er damit, sich umzubringen. Nachdem er ihr im Oktober 2018 bis in die Hoteltiefgarage nachstellt und gegen die Scheibe ihres Autos tritt, erstattet sie Anzeige. Beim Familiengericht erwirkt sie ein Kontakt- und Näherungsverbot nach dem Gewaltschutzgesetz. Die Polizei bindet die Zentralstelle Individualgefährdung beim Landeskriminalamt ein.

Maria schläft im Wechsel bei ihrer Tante, ihrer Mutter, ihrer Schwester. Wenn sie ausnahmsweise allein unterwegs ist, telefoniert sie mit Freunden oder Verwandten. „Wir haben versucht zu verhindern, was passiert ist“, so die Schwester vor Gericht. Bevor Maria an jenem Tatmorgen des 8. Dezember die Tür hinter sich zuzieht, sagt die Schwester zum Abschied: „Wenn du hier alleine bist, schließ bitte beide Schlösser ab.“

Kurz darauf hört die Schwester einen langgezogenen Schrei. Nelson B., so heißt es in der Mordanklage, soll seiner ehemaligen Lebensgefährtin in der Dunkelheit vor dem Haus aufgelauert und so heftig auf sie eingestochen haben, dass die Messerklinge abbrach. Die Staatsanwaltschaft ist überzeugt: „Sie musste mit dem Tod bestraft werden, weil sie sein Leben zerstört hatte.“ Barfuß, noch im Nachthemd, stürzt die Schwester die Treppen herab. „Ich wusste sofort, dass sie es ist“, sagt sie. „Und ich wusste sofort, dass er es ist.“

Partnerschaftsgewalt kann jede treffen

Durchschnittlich jeden dritten Tag wird in Deutschland eine Frau von ihrem Ehemann, Lebensgefährten oder Expartner getötet. An den anderen beiden Tagen, so die Statistik, versucht es einer. Seit Jahren führt jeder sogenannte Ehrenmord zu einem Aufschrei, weil die vermeintlich kulturellen Gründe für die Tötung einer Frau zu Recht angeprangert werden. In den meisten Fällen von Partnerschaftsgewalt jedoch geht es nicht um Familien mit Migrationshintergrund. Fachleute wissen: Partnerschaftsgewalt kann jede treffen, und im Moment der Trennung sind Frauen besonders in Gefahr. „Dass im Durchschnitt der deutschen Bevölkerung ein Lebensrisiko für Frauen in Partnerschaften besteht – die Erkenntnis hat sich noch nicht durchgesetzt“, sagt Katja Grieger, Sprecherin des Bundesverbands Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe – Frauen gegen Gewalt (bff). Gerade erst hat ihr Verband als Teil eines breiten Bündnisses ein Gesamtkonzept zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen gefordert, wie es die sogenannte Istanbul-Konvention vorsieht, ein Menschenrechtsabkommen des Europarats. Femizid, sagt Grieger, also die Tötung von Frauen, weil sie Frauen sind, habe System: „In ganz vielen Fällen geht es darum, Macht und Kontrolle über das Leben der Frau zu haben. Die Logik dahinter heißt: Du gehörst mir.“

Der Prozess um den Tod der 32 Jahre alten Maria vor dem Landgericht Berlin gewährt nun beispielhaft Einblicke in eine dieser zunächst gewöhnlichen Beziehungen, die in einem Verbrechen endet. Maria und der gleichaltrige Nelson B. waren sich über gemeinsame Spaziergänge mit ihren Hunden – beides Miniatur-Bullterrier – nähergekommen. Marias Schwester sagt, Nelson B. habe einen sehr liebevollen Eindruck auf sie gemacht, gepflegt, nachdenklich, sehr bemüht; er habe Maria die Füße massiert. Auch drei Exfreundinnen, die vor Gericht gehört werden, beschreiben den Angeklagten in der Anfangsphase als charmant: ein Mann, der von sich aus Nachschub besorgte, wenn das Make-up alle war, oder der schon Kaffee und Eier gekocht hatte, wenn er die Freundin weckte. Nur weil er so gut mit Kindern umgehen konnte, erzählt eine junge Frau, habe sie sich plötzlich selbst ein Baby mit ihm gewünscht.

Es war allerdings kein Geheimnis, dass Nelson B. auch eine Schattenseite hatte: Stimmungsschwankungen, Schulden, eine alte Haftstrafe. Maria reagierte mit Geduld. Der neue Freund war mittlerweile fest in die Familie integriert. Die Tante bemühte sich, seine Finanzen in Ordnung zu bringen. Bei Streit versuchte die Schwester zu vermitteln. „Ich hab gesehen, dass Maria echt verliebt war und dass er ihr gutgetan hat“, sagt die Schwester vor Gericht.

Man kann nur spekulieren, dass Marias Jobwechsel im Frühjahr 2018 der Auslöser dafür war, dass Nelson B. sich veränderte: ihr Aufstieg, ihr berufliches Engagement und ihre Freude daran, wer weiß. Plötzlich jedenfalls, so berichtet es die Schwester, war Eifersucht im Spiel. Irgendwann hatte Nelson B. fast täglich etwas an Maria auszusetzen. Er unterstellte ihr, sie gehe fremd. Er forderte von ihr, seinetwegen im Job kürzerzutreten. Und noch nie, beschwerte er sich gern, habe sie ihm gesagt, dass sie ihn liebe.

Eine Polizistin, die den Chatverlauf der beiden ausgewertet hat, spricht von einer „Eskalation über Wochen“. Maria sei knapper und bestimmter geworden, Nelson B. hingegen vorwurfsvoller, wütender, auch verzweifelter. Schließlich muss Maria herausgefunden haben, dass er sich Zugang zu ihren Passwörtern verschafft hatte. Wegen Kleinigkeiten ging er in die Luft. Einmal soll er sie als „Fotze“ beschimpft haben. Am 1. September, so die Schwester, habe Maria schließlich Schluss gemacht. In der Hoffnung, sie zurückzugewinnen, ließ Nelson B. sich in eine psychiatrische Klinik einweisen.

„Ich wollte mich entschuldigen“

Nelson B. ist ein kräftiger blasser Mann mit dunklen Augen zu kurzrasiertem dunklen Schopf und Bart. Es tue ihm leid, sagt er zu Prozessbeginn und drückt sich schluchzend die Handballen auf die Lider. Dann redet er vom Tod seiner Mutter und dem Gefühl, „durch Nichtbeachtung bestraft“ zu werden, als würde gerade die ganz normale Dynamik einer schwierigen Partnerschaft verhandelt: Es geht um Eifersucht, Enttäuschung, Trauer, Wut. Einen Teil der Stalking-Vorfälle streitet Nelson B. ab. Über den Morgen des 8. Dezember sagt er, dass er getrunken habe. Er sei nur zum Haus der Schwester gefahren, um mit Maria zu sprechen. „Ich wollte mich nur noch mal bei ihr persönlich entschuldigen“, sagt er – und sich anschließend selbst das Leben nehmen. Warum er vor der Haustür das Messer aus seinem Rucksack zog, bleibt in seinen Schilderungen unklar.

Ohnehin legt die Beweisaufnahme nah, dass Nelson B. Marias Tod sorgfältig geplant haben könnte. Schon die HandyAuswertung macht deutlich, über welche Möglichkeiten und Kenntnisse so ein Stalker mitunter verfügt. Anhand der wechselnden Lieferadressen ihres AmazonAccounts konnte Nelson B. nachvollziehen, bei wem seine Exfreundin sich gerade versteckte. Außerdem hatte er einen GPS-Tracker unter ihrem Auto angebracht. Im Verlauf seines Browsers fanden sich Suchbegriffe wie „Messerstich ins Herz“, „Leitfaden Untersuchungshaft“, „Rechtsanwalt Mord“.

Die Polizeibeamten, denen Nelson B. sich einige Stunden nach der Tat stellt, erleben – anders als die Prozessbeteiligten – einen besonnenen, auskunftsfreudigen Mann. „Das habe ich in 22 Jahren bei der Mordkommission noch nicht erlebt, dass ein Beschuldigter so ein Geständnis ablegt“, sagt ein Beamter, dem Nelson B. offenbar sogar erklärt hat, wie er den Griff eines Edeka-Küchenmessers für 9,99 Euro mit Antirutschmatte, Waschlappen und Klebeband so präpariert habe, dass er beim Zustechen nicht abrutschen konnte. Einem jungen Bundespolizisten fiel auf, wie Nelson B. habe wissen wollen, ob Maria tatsächlich gestorben sei: „Das war der einzige Zeitpunkt, wo er Emotion gezeigt hat. Da hat er erleichtert aufgeatmet.“

Nicht gestellt in der Verhandlung vor dem Landgericht wird die beunruhigende Frage, ob niemand die Katastrophe hat kommen sehen und wie man sie hätte verhindern können. Denn spätestens die Aussagen der drei Exfreundinnen machen deutlich, dass ein Mix aus Eifersucht, Kontrolle und Gewalt die Liebesbeziehungen des Angeklagten schon immer durchzog: Die erste der Frauen, die als Teenager mit Nelson B. zusammen war, braucht noch mit Anfang Dreißig einen Beistand, so groß ist ihre Angst. Sie sagt, Nelson B. habe sie geschlagen, über Tage in ihrer eigenen Wohnung eingesperrt und ihr den Kontakt mit Vertrauenspersonen verboten.

Die zweite Freundin berichtet, dass er ihr aus Wut eine Pizza und Kaffee entgegengeschleudert und ihr das Nasenbein gebrochen habe. Die dritte Freundin, die nach eigenen Worten schon während der Beziehung „hier mal einen Kratzer, da mal ’ne Prellung“ abbekam, soll er nach der Trennung bei ihrem Arbeitgeber verleumdet und auf offener Straße bespuckt haben. Nelson B. habe ihr wiederholt gedroht, sie psychisch fertigzumachen. Die Zeugin sagt: „Ich hatte immer Angst, dass er mich umbringt.“ Seit sie von Marias Tod erfuhr, ist sie wegen einer posttraumatischen Belastungsstörung in Behandlung.

Im Zeugenstand werden engagierte junge Polizisten gehört, die Nelson B. schon im Oktober für gefährlich hielten. Immer wieder haben Beamte dem Stalker persönlich das Kontaktverbot erläutert, einmal kam Nelson B. in Arrest. Noch am Tag vor der Tat führte die Polizei nach einem Einsatz bei Maria zu Hause eine sogenannte Gefährderansprache durch. „In diesem konkreten Fall sehe ich nichts, wo die Polizei mehr hätte machen können“, sagt Rechtsanwalt Roland Weber, der die Schwester als Nebenklägerin vertritt.

Merkwürdig trotzdem: Nach Informationen dieser Zeitung hat die Polizei Ende November einen Haftbefehl gegen Nelson B. angeregt. Was daraus geworden ist, kommt vor Gericht nicht zur Sprache. Außerdem ist da dieser unheilvolle Bewährungshelfer, der Nelson B. schon seit Jahren kennt und ihn in den Wochen vor der Tat besonders intensiv begleitet haben will. Der Mann wirft mit psychiatrischen Diagnosen um sich und äußert so viel Verständnis für die Beziehungs-, Trennungs- und Alltagsschwierigkeiten des Nelson B., dass die Vorsitzende Richterin ihn harsch zurechtweist: „Wir als Gericht wünschen uns schon von einem Bewährungshelfer, dass darauf geschaut wird, dass keine neuen Straftaten begangen werden.“

Warum aber töten Männer Frauen? Was ist diese Eifersucht für ein fatales Gefühl? Und sind solche Täter am Ende alle gestört? Im Fall Nelson B. wird beim nächsten Prozesstermin die psychiatrische Gutachterin gehört. Schon jetzt ist abzusehen, dass der Angeklagte nicht unter Alkoholeinfluss stand und als voll schuldfähig gelten muss. Die Anordnung der vorbehaltenen Sicherungsverwahrung steht im Raum. Und sonst: Prügel im Elternhaus, eine verkrachte Schulkarriere, keinerlei Ausbildung, Drogen, Straftaten. Wird deshalb ein Mann zum Frauenmörder? Für Katja Grieger vom bff greifen individuelle Erklärungsversuche zu kurz: „Solange es Männer gibt, die denken, dass Frauen ihnen gehören und dass sie das Recht haben, über Frauen zu bestimmen, so lange wird es solche Fälle geben.“

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Schaaf, Julia
Julia Schaaf
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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