Prozess gegen Vergewaltiger

„Monströse Taten, wie sie selten sind“

Von Julia Schaaf, Berlin
17.02.2021
, 16:58
Der 30 Jahre alte Sinisa K. ist angeklagt, in Berlin und Umgebung in nur knapp fünf Wochen sechs Frauen vergewaltigt zu haben. Einer Frau schlug er dreimal den Kopf gegen einen Baumstamm.

Sommer 2020: Eine Frau fährt mit dem Fahrrad durch den Wald. Eine andere ist zu Fuß unterwegs. Wieder eine andere joggt. Mal ist es Vormittag, mal Nachmittag oder früher Abend. Finstere Nacht ist nie. Auf einmal nähert sich ein Mann. Er überholt die Frauen mit dem Fahrrad oder hält sie an: Ob sie Englisch sprechen? Wo es bitte zum S-Bahnhof Wannsee gehe? Dann würgt er sie.

Wie die Kriminologie weiß, ist der Fremde, der aus dem Nichts auftaucht und Frauen überfällt, mehr Klischee als Realität. Bei den meisten Sexual- und Gewaltdelikten gegen Frauen sind sich Täter und Opfer wenigstens flüchtig bekannt. Doch was die Staatsanwältin am Mittwochnachmittag im Landgericht Berlin verliest, ist das klassische Angstszenario jeder Frau: Der 30 Jahre alte Sinisa K. ist angeklagt, in Berlin und Umgebung in nur knapp fünf Wochen sechs Frauen vergewaltigt zu haben. Bei einem weiteren Opfer kam es wohl nur deshalb nicht so weit, weil Menschen in der Nähe waren und der Täter floh.

Staatsanwältin Katrin Frauenkron liest vor: Der Angeklagte „packte sie“, „schob sie ins Gestrüpp“, „drückte sie an einen Baum“. Er „würgte sie, bis ihr schwarz vor Augen wurde“. Mal hatte er einen Schraubendreher dabei, mal ein Messer. Einer Frau schlug er dreimal den Kopf gegen einen Baumstamm. Andere bedrohte er auf Englisch: „Wenn du redest, bringe ich dich um.“ Dann folgen die Schilderungen der Vergewaltigungen. Die älteste der Frauen war 27 Jahre alt, die jüngste erst 14.

Könnte einschlägig vorbestraft sein

Die Taten riefen im vergangenen Juni und Juli in der Hauptstadt große Besorgnis hervor. Nach dem letzten Angriff am 14. Juli startete die Polizei eine aufwendige Suchaktion und nahm Sinisa K. auf einem privaten Gartengrundstück fest. Seine Fingerabdrücke, die bereits in einer Datenbank gespeichert waren, hatten die Ermittler auf seine Spur gebracht: K. war Anfang Juli in eine Gartenlaube eingebrochen.

Wie zum Prozessauftakt deutlich wird, hatte der Mann seinerzeit keine Wohnanschrift in Berlin. Er stammt aus Serbien, wo er schon mehr als fünf Jahre im Gefängnis verbracht hat – laut Medienberichten könnte er einschlägig vorbestraft sein. Vor Gericht gibt K. an, er sei Elektromechaniker. Hinter seinem Mund-Nasen-Schutz ist nicht viel von ihm zu erkennen, nur der rasierte Kopf fällt auf. Wie sein Verteidiger äußert, gibt er alle Taten zu. Der Anwalt sagt: „Mein Mandant bereut seine Taten tatsächlich.“

Zum Prozessauftakt vor dem Landgericht ist keine der betroffenen Frauen erschienen. „Einige leiden bis heute unter den Folgen“, so Roland Weber, einer der Nebenklagevertreter. Der Rechtsanwalt sagt weiter: „Ich gehe davon aus, dass es sich hier um einen hochgefährlichen Serientäter handelt. Es sind monströse Taten von ungeheuerlicher Brutalität, wie sie sehr, sehr selten sind.“ Deshalb sei im Fall einer Verurteilung auch eine Sicherungsverwahrung denkbar. „Hier gilt es, die Gesellschaft vor diesem Mann zu schützen.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schaaf, Julia
Julia Schaaf
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot