Prozess um Auftragsmorde

Über Morde sprachen sie wie über Wurstbrötchen

Von Thomas Gutschker, Brüssel
30.08.2021
, 23:27
Polizisten vor dem Gerichtsgebäude in Amsterdam, in dem Ridouan Taghi und 16 weiteren Angeklagten der Prozess gemacht wird. Anders als im sogenannten Marengo-Prozess ist Taghi im nun begonnenen Eris-Verfahren nicht angeklagt. (Archivfoto Juni)
In Amsterdam hat ein weiterer Riesenprozess wegen Auftragsmorden begonnen: 64 Verhandlungstage, 18 Ermittlungsverfahren – doch nur ein Angeklagter will aussagen. Hinter den Taten soll der „gefährlichste Straftäter“ der Niederlande stecken.
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Wieder findet ein Megaprozess in Amsterdam statt, wieder geht es um Auftragsmorde. Und wieder um den Drogenboss Ridouan Taghi, der Ende 2019 als „gefährlichster Straftäter“ der Niederlande verhaftet wurde und sich seit März vor Gericht verantworten muss. Diesmal ist er zwar nicht selbst angeklagt, darauf hat die Staatsanwaltschaft aus prozesstaktischen Gründen verzichtet. Den 43 Jahre alten Anführer der Mocro-Mafia, wie die Banden wegen ihrer vielen marokkanisch-stämmigen Mitglieder genannt werden, erwartet ohnehin eine lebenslange Freiheitsstrafe in „seinem“ Marengo-Prozess.

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Gleichwohl soll er auch hinter den Taten stecken, für die nun 21 Männer im sogenannten Eris-Verfahren vor Gericht stehen. Die Namen der Strafprozesse sind willkürlich gewählt, sie werden in den Niederlanden zufällig per Computer generiert, um tendenziöse Vorfestlegungen zu vermeiden. Aber in der Sache sind sie verwandt.

„Gefährlichster Straftäter“ der Niederlande

Im Marengo-Prozess geht es um geplante und ausgeführte Auftragsmorde zwischen September 2015 und dem 14. Januar 2017. An jenem Tag wechselte einer von Taghis Häschern die Seiten. Nabil B. stellte sich der Polizei, nachdem es zu einer Panne gekommen war. Ein Mordkommando, für das B. alles vorbereitet hatte, erwischte den Falschen – das war ausgerechnet ein enger Bekannter von ihm. B. packte aus und ist nun Kronzeuge gegen Taghi. In Verbindung damit haben sich drei weitere Morde ereignet, die zuletzt auch die niederländische Öffentlichkeit aufrüttelten. Mitte Juli wurde der bekannte Journalist Peter R. de Vries mitten in Amsterdam erschossen, er war Vertrauensperson des Kronzeugen. Zuvor waren schon dessen Anwalt und Bruder ermordet worden.

Waffen, die bei einer Razzia 2015 beschlagnahmt worden sind
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Drogenboss Ridouan Taghi
„Bin schon betrunken, Bruder, und brauche Blut“

Im Eris-Verfahren geht es um das, was nach Nabil B.s Seitenwechsel geschah. Taghi wusste zunächst nur, dass B. verhaftet worden war und ahnte nichts von dessen Aussage. Sein Geschäft musste weiterlaufen, was nicht nur den Rauschgifthandel betraf, sondern auch die Art, wie in diesem Milieu Konflikte ausgetragen werden: mit der Schusswaffe, manchmal auch mit der Panzerfaust. Und so gab Taghi – nach Darstellung der Staatsanwaltschaft – gleich den nächsten Mord in Auftrag, diesmal sollte es den Richtigen treffen. Allerdings wollte auch der Fahrer des „Fehlmords“ nicht mehr mitmachen. Dafür bezahlte Justin Jap Tjong, 25 Jahre alt, zwei Wochen später mit seinem Leben. Er wurde nicht weit von dem Hochsicherheitsgebäude in Amsterdam-Osdorp entfernt erschossen, wo der Prozess am Montag begann.

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Diese Tat soll auf das Konto von Delano R. gehen, dem Hauptangeklagten. 2016 hatte er den Motorradclub Caloh Wagoh gegründet, dem es nicht um Motorräder ging, sondern um Aufträge im kriminellen Milieu. Taghi soll ihn angeheuert haben, R. kümmerte sich um den Rest. Seine Männer beschafften Waffen und Fluchtautos, sie spähten Opfer aus – und schlugen zu: fünf Morde in acht Monaten, elf weitere wurden versucht, vorbereitet oder bestellt. Die meisten der Angeklagten gehören zu der Motorradgang.

Auch in diesem Verfahren stützt sich die Staatsanwaltschaft auf einen Kronzeugen. Tony de G. wurde im Herbst 2017 festgenommen und schloss einen Deal mit der Justiz: Er packt aus, seine Strafe wird halbiert – in dem Fall immer noch zehn Jahre. Allein die Akte zu seiner Aussage umfasst 2500 Seiten, dazu gehören entschlüsselte Nachrichten, Fotos und Videos. Die Festplatten des Mannes entpuppten sich als Glücksgriff: Er hatte Nachrichten zu Mordaufträgen, die über verschlüsselte Dienste ausgetauscht wurden, per Foto und Video dokumentiert. De G. bestreitet zwar, dass er der Urheber dieses Materials sei, doch ist auf einigen Aufnahmen sein eigener Daumen zu erkennen. Insgesamt umfassen die Ermittlungsakten 50.000 Seiten.

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So bietet der Prozess nun abermals einen tiefen Einblick in ein Milieu, in dem Kriminelle über Auftragsmorde reden wie über „Brabanter Wurstbrötchen“, wie es die Staatsanwaltschaft formulierte. Zum Auftakt zeigte sie am Montag einen 15 Minuten langen Film, der die Ermittlungen zusammenfasste. Es sei das Bild einer Organisation entstanden, „die auf Bestellung ermordet“, hieß es darin. „Die offensichtliche Leichtigkeit und Kaltblütigkeit, mit der über Leben und Tod entschieden wird, sind schockierend.“

Am Tatort in Amsterdam trauern Menschen um Peter de Vries. (Archivfoto von Juli)
Am Tatort in Amsterdam trauern Menschen um Peter de Vries. (Archivfoto von Juli) Bild: EPA

Da ist zum Beispiel der Mord, der noch schnell erledigt werden musste, nachdem schon ein paar Versuche ins Leere gelaufen waren. Das Opfer sei mit einem gepanzerten Fahrzeug unterwegs gewesen und schon ganz „paranoid“, klagte ein Häscher. Daraufhin der Auftraggeber: „Wenn du ihn dieses Wochenende oder Montag kriegst, gebe ich dir ohne Scheiß sofort 80!!!“ Also 80.000 Euro. Das schrieb „The Wizzard“, der Zauberer, ein Mittelsmann, mutmaßlich von Taghi.

Überliefert ist auch ein Austausch zwischen ihm und dem Boss der Motorradgang Delano R. Wieder ging es um den Preis für Auftragsmorde. 70.000 Euro für jede liquidierte Person bot der Mittelsmann. „Sind sie nicht mehr wert?“, fragte der Boss. Er könne sein Angebot auf 90.000 „pro Kopf“ erhöhen, antwortete der Mittler. Dann müssten sich die Killer ihre „Bügeleisen und Fahrräder“ aber selbst besorgen. Das ist Milieu-Code für Waffen und Autos. „Wunderbar“, antwortete der Mittler, der wie ein Todesmakler auftrat.

Die Morde wurden mit automatischen Waffen ausgeführt, oft am helllichten Tag und an öffentlichen Orten. Es gab dabei immer wieder Pannen. Auf einem Bahnhofsparkplatz in Breukelen klemmte die Waffe; der Schütze erledigte seinen Auftrag mit einer Pistole. Ende Juni 2017 versuchte ein Täter eine Panzerfaust auf ein Wohnhaus in Doorn abzufeuern. Gerade waren drei Kinder herausgekommen – sie hatten so wenig mit dem Ziel zu tun wie die Familie, die dort lebte. Wieder ein Irrtum, diesmal ohne Folgen: Die Waffe versagte. Am nächsten Tag wurde auf das Haus eines Nachbarn geschossen, der wohl eigentlich im Visier war – eine Kugel schlug auf der Veranda nebenan ein. Auch da gab es keine Verletzten. Fünf Ermordete hatten weniger Glück.

Das Gericht hat 64 Verhandlungstage für den Prozess angesetzt, der 18 einzelne Ermittlungsverfahren zusammenfasst. Nur ein Angeklagter will aussagen, die anderen schweigen bisher. Im Januar nächsten Jahres will die Staatsanwaltschaft ihr Plädoyer halten, das Urteil wird dann für Juli erwartet.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Gutschker, Thomas
Thomas Gutschker
Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Benelux-Länder mit Sitz in Brüssel.
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