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Prozess zu Mord in Rot am See

„Auf alles geschossen, was sich bewegt“

Von Rüdiger Soldt
Aktualisiert am 29.06.2020
 - 17:02
Der Angeklagte wird während des Prozessauftakts um die Gewalttat in Rot am See vor dem Landgericht Ellwangen in den Gerichtssaal geführt.
Sechs Familienmitglieder soll der Angeklagte Ende Januar in Rot am See umgebracht haben – darunter seine Eltern. Der Prozess um den Mord beginnt mit einem Geständnis. Adrian S. wollte sich an seiner Mutter rächen.

Adrian S., der mutmaßliche Sechsfachmörder aus Rot am See, sorgte am ersten Verhandlungstag in dem kleinen Verhandlungssaal des Ellwanger Landgerichts für größtmögliche Klarheit: Der 27Jahre alte Angeklagte legte ein umfassendes Geständnis ab und nannte als Motiv die physischen und psychischen Misshandlungen, die ihm seine Mutter seit seiner Kindheit zugefügt habe. „Jeder, der gewusst hat, was mir meine Mutter antut, hätte die Verpflichtung gehabt, sie zu töten“, sagte er vor dem Gericht. Erste Angaben zu seinen Motiven hatte er schon kurz nach seiner Verhaftung bei der Kriminalpolizei gemacht.

Die Staatsanwaltschaft Ellwangen wirft dem früheren Studenten Mord in sechs Fällen sowie versuchten Mord in zwei Fällen in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung vor. Das Mordmerkmal Heimtücke ist aus Sicht der Staatsanwaltschaft erfüllt. Der Angeklagte habe seine Mutter, seinen Vater sowie seine Halbschwester durch „gezielte Kopfschüsse“ getötet. Die brutale Tat hatte die kleine Gemeinde mit etwa 5000 Einwohnern im Kreis Schwäbisch Hall weit über die Grenzen Baden-Württembergs hinaus bekannt gemacht, was auch daran lag, dass „innerfamiliäre Amokläufe“ äußerst selten sind.

Am 24. Januar, einem Freitag, hatte sich die Familie von Adrian S. in der Gaststätte seines 65 Jahre alten Vaters in der Bahnhofstraße in Rot am See getroffen. Seine 56Jahre alte Mutter Sylvia, sein Halbbruder Holger und seine Zwillingsschwester Carolin waren anwesend. Außerdem waren zu dem Familientreffen Adrians Tante Dorothea und sein Onkel Gernot gekommen. Die Eltern von Adrian S. lebten getrennt, die Mutter war vor einigen Jahren aus der Region Hohenlohe ins südbadische Lahr gezogen. Ihre Familie in Rot am See besuchte sie an diesem Tag, weil sie am Wochenende zu einer Beerdigung nach Sachsen wollte. Diese Gelegenheit nutzte der geständige Täter, um seine Familie größtenteils auszulöschen. Aus einer halbautomatischen Pistole, Kaliber 9 mm, gab er 30 Schüsse ab. Vier Familienmitglieder, die sich ebenfalls in dem Haus aufhielten, konnten sich retten, die zwölf und 14 Jahre alten Kinder seiner Halbschwester ließ Adrian S. entkommen.

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Rot am See
Prozessauftakt um mutmaßlichen Sechsfachmord

In Rot am See galt der mutmaßliche Schütze als „verschlossener Typ“, als „Studienversager“, „Gamer“ und als jemand, dessen Beruf „Sohn“ und sonst nichts war. Sein Abitur hatte er in Lahr gemacht, als er noch bei seiner Mutter wohnte. 2017 war er zu seinem Vater gezogen. Nach der Tat verhielt er sich nicht wie ein Amokläufer, denn er meldete sich gleich darauf im Aalener Polizeipräsidium. Weil in Rot am See der Polizeiposten nur 500 Meter vom „Deutschen Kaiser“, der Gaststätte seines Vaters, entfernt liegt, konnte er binnen weniger Minuten festgenommen werden. In dem Strafprozess treten der Sohn der getöteten Halbschwester und dessen Großeltern als Nebenkläger auf. Die Anwältin der Nebenkläger bezeichnete die Tat schon vor dem Prozessbeginn in der „Badischen Zeitung“ als „Terroranschlag eines Einzelnen“.

Am Morgen war Adrian S., der in der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim sitzt, in einen kleinen Verhandlungssaal im Landgericht Ellwangen gebracht worden, wegen der Corona-Pandemie hatte der Richter nur wenige Medien zugelassen. In seinem Geständnis begründete der Angeklagte seine Tat: Seine Mutter habe versucht, ihn zu vergiften, indem sie ihm Hormone ins Essen gerührt habe. Er habe sich an seiner Mutter rächen wollen. Die habe ihn jahrelang beleidigt, weil sie sich ein Mädchen gewünscht habe. Über Jahre habe sie ihn „psychisch misshandelt“, er sei noch als Grundschüler Bettnässer gewesen, sein Vater habe ihm aber nicht geglaubt. „Ich habe dann auf alles geschossen, was sich bewegt“, sagte er.

Bevor der Entschluss gefallen sei, die Mutter zu ermorden, habe er sich über Jahre aus Angst in seinem Zimmer verbarrikadiert, seine Zimmertür habe er nachts mit einem Balken und einer Alarmanlage gesichert. Er habe sich von der Mutter verfolgt gefühlt, sein Misstrauen sei groß gewesen. „Der Moment, als ich meiner Mutter in den Kopf geschossen habe, war wie eine Zeitlupe.“ In seinem Geständnis zeigte er sich reuig. „Ich wünschte, ich hätte es nicht getan.“ Den Tod seines Vaters habe er schon unmittelbar nach den Kopfschüssen bereut.

Für den Prozess hat das Gericht sieben Verhandlungstage angesetzt. Entscheidend dürfte die Frage sein, ob Adrian S. überhaupt schuldfähig ist, oder ob er unter einer paranoiden Schizophrenie leidet. Viel wird von dem psychiatrischen Gutachten abhängen, das in den nächsten Verhandlungstagen erwartet wird. Bei der Tatplanung ging Adrian S. jedenfalls planvoll und rational vor: Drei Jahre vor der Bluttat war in den Schützenverein im benachbarten Beimbach eingetreten. Das war die Voraussetzung, um in den Besitz einer Waffe zu gelangen – und die nötige Übung beim Schießen zu bekommen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Soldt, Rüdiger
Rüdiger Soldt
Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.
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