FAZ plus ArtikelSerienmörder Carl Großmann

Der Schlächter von Berlin

Von Peter-Philipp Schmitt
05.07.2022
, 09:30
Spurensuche vor 100 Jahren an einem Berliner Tatort: Ernst Gennat verfolgt neben der Stenotypistin die Arbeit seiner Ermittler.
Mehr als drei Morde gab er nie zu, es könnten jedoch an die 100 gewesen sein. Vor 100 Jahren erhängte sich einer der schlimmsten Serienmörder in der deutschen Kriminalgeschichte. Carl Großmann ist trotzdem fast vergessen.

Schon als Kind galt er als unansehnlich. Zudem stank der kleine Carl, was daran gelegen haben mag, dass nur die Ziegen mit ihm spielen wollten. So wurde er, wie er selbst erzählte, „Ziegenkarl“ gerufen. Als er dann als Serienmörder vor Gericht stand, wunderten sich nicht nur die Gerichts­reporter. Die „Frankfurter Zeitung“ etwa beschrieb Carl Großmann am 25. August 1921 als „mehr als unansehnlichen Manne“. Er sei „überaus häßlich von Ansehen und schmutzig und zerlumpt in der Kleidung“. Die Journalisten fragten sich, wie so einer so viele „Mädchen an sich locken konnte“, sodass sie sogar länger bei und mit ihm lebten, bevor er sie tötete, zerstückelte und wohl auch zum Teil verspeiste.

Sein nachweislich letztes Opfer war die 35 Jahre alte Köchin Marie Nitsche aus Dresden. Sie war an jenem 21. August 1921 erst aus dem Untersuchungsgefängnis Moabit entlassen worden. Kurz danach war sie auf ihren Mörder getroffen. Marie ­Nitsche aber wehrte sich dann im Todeskampf so heftig, dass Großmanns Nachbarn, ein Ehepaar Itzig, die Polizei riefen. Großmann, der am 13. Dezember 1863 in Neuruppin geboren worden war, wohnte damals schon seit gut zwei Jahren im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg an der Langen Straße 88/89. Als die Polizisten die Wohnung aufbrachen, fanden sie die fast tote Marie Nitsche in ihrem eigenen Blut auf dem Bett vor, ihre Arme waren auf dem Rücken zusammen-, das linke Bein mit einer Schnur am Bettrahmen angebunden. Oberwachtmeister Klähn soll Großmann noch eine Steingut-Tasse aus der Hand geschlagen haben, die dieser gerade zum Mund führen wollte. Sie war, wie berichtet wird, mit Blut gefüllt. Unter dem Bett fand die Polizei zwei abgeschnittene Frauenhände, im Herd die Überreste weiterer Hände, Teile eines Brustkorbs und auch eines menschlichen Kopfs. Dieser konnte durch die sogenannte Leichentoilette später wieder zusammengesetzt werden: Die einzelnen Stücke wurden gesäubert, zusammengenäht und mit Glasaugen und einer Perücke so wiederhergerichtet, dass ein Foto des Kopfs für ein Fahndungsblatt erstellt werden konnte, um die Frau zu identifizieren. Es war, wie sich herausstellte, „eine Dirne aus der Gegend des Berliner Andreas­platz“, eine gewisse Elisabeth Barthel, wohl zwischen 25 und 30 Jahre alt, die seit Anfang August 1921 als verschwunden galt. Und noch einen Mord musste Großmann schließlich zugeben, weil man blutige Kleider der Toten bei ihm fand: den an der 24 Jahre alten Johanna Sosnowski, begangen am 13. August 1921.

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Autorenporträt / Schmitt, Peter-Philip
Peter-Philipp Schmitt
Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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