Schlimmster Serienmörder

Amerikaner gesteht 90 Morde

Von Christiane Heil, Los Angeles
11.12.2018
, 22:01
Er war wegen Dreifachmords angeklagt – inzwischen hat Samuel Little 90 Morde gestanden. Little könnte einer der schlimmsten Serienmörder der amerikanischen Geschichte sein. Sein Motiv wollen die Ermittler nun herausfinden.

Die blauen Fähnchen, Zeichen für die Frauenmorde des Serientäters Samuel Little, ziehen sich auf der Landkarte der amerikanischen Bundespolizei (FBI) inzwischen von Miami bis nach Los Angeles. Florida, Georgia, Mississippi, Illinois, Missouri, Ohio, New Mexico, Nevada, Kalifornien: Wie der Achtundsiebzigjährige zugab, trieb ihn die Suche nach Opfern fast 35 Jahre lang von Bundesstaat zu Bundesstaat. Auf dem Weg durch Amerika ermordete er angeblich 90 Frauen, viele von ihnen afroamerikanische Prostituierte. „Er könnte einer der aktivsten Serientäter in der Geschichte der Vereinigten Staaten sein“, teilte das FBI jetzt bei der Vorstellung erster Ermittlungsergebnisse mit.

Als der wegen dreifachen Mordes verurteilte Little die unentdeckte Verbrechensserie im Mai zugab, um im Gegenzug aus Kalifornien in ein texanisches Gefängnis verlegt zu werden, begann die Ermittlerin Christina Palazzolo, die Geständnisse mit ungeklärten Mordfällen und Daten von Bestattungsunternehmen abzugleichen. Gemeinsam mit Angela Williamson, einer Kriminalistin des Justizministeriums in Washington, und Beamten der Texas Rangers trug sie für das Violent Criminal Apprehension Program (Vicap) monatelang Informationen über Littles Aufenthaltsorte sowie sexuelle Übergriffe und Morde zusammen.

Schon bei dem ersten Treffen im Frühjahr hatte Little die Ermittlerin überrascht. „Er nannte einzelne Bundesstaaten und Städte und zählte auf, wie viele Menschen er an den jeweiligen Orten umgebracht hatte. In Jackson, Mississippi, einen. In Cincinnati, Ohio, einen. In Phoenix, Arizona, drei. Am Ende waren es 90“, schreibt Palazzolo auf der Website des FBI. Immer wieder wartete der Achtundsiebzigjährige mit Details auf. Als er den Ermittlern von dem Mord an einer Achtundzwanzigjährigen in Miami im Jahr 1971 erzählte, erinnerte er sich an ihren Arbeitsplatz auf dem Luftwaffenstützpunkt im benachbarten Homestead. Über Sarah, die Little im Jahr 1973 angeblich in Kendall südlich von Miami tötete, berichtete er, dass sie aus Massachusetts stammte. Den 90 Geständnissen des Serienmörders konnten Palazzolo und ihre Kollegen inzwischen 34 bislang ungeklärte Fälle zuordnen.

Die Crack-Epidemie in LA machte tausende Frauen zu Prostituierten

Wie andere Serientäter, der „Golden State Killer“ Joseph DeAngelo, der „Night Stalker“ Richard Ramirez und der als „Grausamer Schläfer“ bekannte Lonnie Franklin, kam Little auch immer wieder nach Los Angeles. Allein für 1987 zeigen die blauen Fähnchen auf Palazzolos Karte in der Pazifikstadt sechs „Unmatched Confessions“, die noch keinem offenen Mordfall zugeordnet werden konnten. Während der Crack-Epidemie der Achtziger und frühen Neunziger bot die Innenstadt von Los Angeles den perfekten Jagdgrund. An jeder Straßenecke wurde Crack angeboten. Tausende Frauen prostituierten sich, um den Stoff zu kaufen. Little gab an, bis zum Jahr 1996 in Los Angeles 15 Frauen, meist schwarze Sexarbeiterinnen, ermordet zu haben – die Jüngste war 19 Jahre alt, die Älteste, genannt „Granny“, 50. Viele wurden nie vermisst gemeldet. Da der frühere Boxer die meisten Opfer erschlug oder erwürgte und ihre Leichen keine Schussverletzungen oder Stichwunden aufwiesen, erkannte die Polizei viele nicht als Mordopfer. Um einige unbekannte Tote doch noch zu identifizieren, soll Little jetzt die Gesichter seiner Opfer zeichnen.

Der Sohn einer Prostituierten, die ihn angeblich bei einem Gefängnisaufenthalt in Reynolds (Georgia) zur Welt brachte, fiel schon als Schüler durch Einbrüche auf. Als Sechzehnjähriger absolvierte Little den ersten Aufenthalt in einer Jugendstrafanstalt. 20 Jahre später war er in mehr als zehn Bundesstaaten insgesamt 26 Mal verhaftet worden. Die Liste seiner Vergehen reichte von Diebstahl und Betrug bis zu versuchter Vergewaltigung. 1982 folgte in Mississippi die erste Mordanklage. Da die Beweise für Littles Schuld an der Ermordung der 22 Jahre alten Prostituierten Melinda LaPree nicht ausreichten, ließ eine Grand Jury ihn laufen. Auch im benachbarten Florida hatte er Glück. Nach widersprüchlichen Zeugenaussagen zu dem Mord an der 26 Jahre alten Patricia Mount wurde er Anfang 1984 freigesprochen. Ein paar Monate nach dem Umzug nach Kalifornien verurteilte ihn ein Gericht zu zweieinhalb Jahren Haft, weil er in San Diego zwei Prostituierte angegriffen hatte. Nach der Entlassung aus dem Gefängnis im Februar 1987 zog er in die Crack-Hochburg Los Angeles.

Im Jahr 2012 wurde Littles Zug durch die Vereinigten Staaten gestoppt. Damals nahm ihn die Polizei in einem Obdachlosenheim in Kentucky fest, um ihn wegen Drogenvergehen nach Kalifornien auszuliefern. Während er in Los Angeles auf den Prozess wartete, brachte ihn ein DNA-Abgleich mit drei Frauenmorden in Verbindung. Die Frauen waren geschlagen und erwürgt worden, bevor ihre Leichen in Müllcontainern oder Garagen abgelegt wurden. Vor vier Jahren wurde er schließlich zu lebenslanger Haft verurteilt.

Das Muster der Verbrechen ließ das Los Angeles Police Department aufhorchen. Die Beamten nahmen Kontakt zur Bundespolizei auf. Das Justizministerium hatte die Datenbank Vicap zur Erfassung von Gewaltverbrechern im Jahr 1985 ins Leben gerufen, um bundesstaatübergreifend Informationen zu möglichen Serientätern zu sammeln. Als Palazzolo mit den Recherchen zu Little begann, stieß sie schnell auf Auffälligkeiten. „Wir fanden einen Fall im texanischen Odessa, der sehr nach Little aussah. Wir konnten rekonstruieren, dass er sich damals in der Gegend aufhielt“, sagte Palazzolo. Als James Holland, ein Ermittler der Texas Rangers, nach Kalifornien kam, um Little im Gefängnis zu dem Fall zu verhören, überraschte der Achtundsiebzigjährige die Beamten mit dem Geständnis einer der längsten Mordserien der amerikanischen Geschichte.

Das Schuldbekenntnis stützt auch die Untersuchungen des Informationszentrums für Serienmörder an der Radford University in Virginia. Nach der Auswertung der Daten von mehr als 4500 „serial killers“ hatte die Forschungseinrichtung den Mythos des jungen, weißen, manipulativen Täters widerlegt. Little, ein Afroamerikaner, mordete laut Geständnis bis nach seinem 65. Geburtstag. Das Motiv des Achtundsiebzigjährigen bleibt offen. War es der Nervenkitzel? Sexuelle Lust? Oder ein Gefühl der Macht? Das versuchen Palazzolo und ihre Kollegen herauszufinden, sobald sie alle blauen Fähnchen der Vicap-Karte mit alten Mordfällen verglichen haben.

Quelle: F.A.Z.
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