Vermisstes Ehepaar

So eine Suchaktion hat Südtirol noch nicht erlebt

Von Matthias Rüb, Rom
02.02.2021
, 13:22
Seit vier Wochen wird ein Ehepaar aus Bozen vermisst. Die Behörden gehen nicht mehr von einem Unglück aus. Sie glauben an ein Gewaltverbrechen. Der Sohn der Vermissten sitzt in Untersuchungshaft – wer ist Benno N.?

Eine solche Suchaktion hat Südtirol noch nicht erlebt. Am Abend des 4. Januar verschwanden die Bozener Eheleute Laura P. und Peter N. Von dem pensionierten Lehrerpaar, 68 und 63 Jahre alt, fehlt jede Spur. Die Behörden gehen nicht mehr von einem Unglück aus, sondern glauben an ein Gewaltverbrechen.

Flüsse und Seen nahe Bozen werden abgesucht. Die Suchmannschaften von Feuerwehr und Polizei konzentrieren sich auf eine Brücke über die Etsch nahe der Mülldeponie Frizzi Au, einige Kilometer südlich von Bozen. Das Gebiet ist weiträumig abgesperrt. Taucher lassen sich im dort recht tiefen Wasser der Etsch flussabwärts treiben. Sonargeräte und Drohnen kommen zum Einsatz.

Am Wochenende wurden zwei Dummys mit dem jeweiligen Gewicht der Vermissten von der Brücke in den Fluss geworfen, um nachzuverfolgen, wohin sie vom Wasser getrieben werden. Aus Deutschland hat sich jetzt ein angeblich berühmter Hellseher mit der Weissagung gemeldet, man werde die Leichen rund elf Kilometer flussabwärts von Bozen nahe Auer finden. Dort hat man bisher noch nicht nach den Vermissten gesucht.

Die Festnahme von Benno N.

Der Fall sorgt in ganz Italien für Aufsehen. Beim öffentlich-rechtlichen Sender Rai hat „Chi l’ha visto?“, vergleichbar dem deutschen „Aktenzeichen XY ungelöst“, gleich mehrfach über den „Caso N.“ berichtet. Angehörige, Freunde und Nachbarn der Vermissten kamen zu Wort, allerlei Vermutungen wurden geäußert. Auch die maßgeblichen überregionalen Blätter haben ausführlich über den Fall geschrieben.

Obwohl die Suche nach den mutmaßlich toten Vermissten bisher erfolglos geblieben ist, haben Carabinieri und Kriminalpolizei inzwischen so viele Indizien gesammelt, dass sie die Festnahme von Benno N. erreichten: Seit Donnerstagabend sitzt der 30 Jahre alte Sohn der Vermissten in Bozen in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm zweifachen Mord und das Verbergen von Leichen vor. Der Untersuchungsgefangene bestreitet, mit dem Verschwinden seiner Eltern etwas zu tun zu haben. Seine Anwälte – die besten Strafverteidiger Bozens – geben sich zuversichtlich, die Unschuld ihres Mandanten bald beweisen zu können. Gegen den Entscheid von Untersuchungsrichterin Carla Scheidle, wegen Flucht- und Verdunklungsgefahr die Haft zu verlängern, haben die Rechtsanwälte Widerspruch eingelegt.

Beim Haftprüfungstermin vom Samstag haben die Staatsanwälte zwei Sprachnachrichten abgespielt, die Laura P. vor Monaten über Whatsapp einer Freundin geschickt hatte. Darin soll die Mutter über „Probleme mit Benno“, auch von einem traumatisierenden, offenbar gewaltsamen Zwischenfall gesprochen haben. Medien wollen erfahren haben, es habe viel Streit gegeben zwischen den Eltern und ihrem Sohn, der längst aus der gemeinsamen Wohnung hätte ausziehen und zudem die gewährte finanzielle Unterstützung während der Ausbildung hätte zurückerstatten sollen.

Fleißiger Influencer

Benno N. war als Fitnesstrainer und Mathematiklehrer an einer Mittelschule in Bozen tätig, schien seine Erfüllung aber als Influencer zu suchen, der fleißig Fotos und Videos seines durchtrainierten Körpers postete. Am Abend des 4. Januar, als die Eltern von Benno N. verschwanden, wurden deren Mobiltelefone fast gleichzeitig kurz vor 19 Uhr ausgeschaltet und verstummten für immer. Sein eigenes Handy war am betreffenden Abend zwischen 21.30 und 22 Uhr abgestellt. Er habe sich in dieser Zeit an einem nahegelegenen See entspannt, soll Benno N. bei Verhören gesagt haben. Anschließend sei er mit dem Volvo V70 seiner Eltern zu einer Freundin gefahren, bei welcher er übernachtet habe. Am nächsten Tag habe er sie darum gebeten, seine Kleidung zu waschen, eher er gegen fünf Uhr früh kurz heimgekehrt und dann zur Arbeit gegangen sei. Dass seine Eltern nicht in der Wohnung waren, habe er nicht bemerkt.

Die Vermisstenanzeige gab Benno N. mittags an diesem 5. Januar auf. Kurz zuvor hatte ihn seine jüngere Schwester aus München besorgt angerufen, weil sie die Eltern seit dem Vorabend nicht hatte erreichen können. Am 7. Januar wurde Benno N. von den Carabinieri, die ihn überwacht hatten, daran gehindert, das Auto seiner Eltern in einer Waschanlage zu waschen. Seither ist das Fahrzeug beschlagnahmt. Die Ergebnisse der Spurensicherung im Auto sowie in der Wohnung stehen noch aus.

Zu einem Treffen der Geschwister kam es seit der Rückkehr der Schwester nach Bozen unmittelbar nach dem Verschwinden der Eltern nicht, obwohl Benno N. erst am 31. Januar verhaftet wurde. In Medienberichten heißt es, die Eltern hätten die 1994 geborene Tochter, die sich im Medizinstudium auf Traumatologie und Orthopädie spezialisiert hat und zudem 2015 mit ihrem auf Italienisch verfassten Erstlingsroman auch als Autorin reüssierte, dem vier Jahre älteren Sohn stets vorgezogen. Nach Angaben des Verlags geht es in dem Roman um vier junge Erwachsene, die füreinander „Freundschaft und Rivalität, Liebe und Groll, Bewunderung und Neid“ empfinden.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Rüb, Matthias (rüb)
Matthias Rüb
Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.
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