Amoklauf an US-Grundschule

„Kleine Kinder, die mit ansehen mussten, wie ihre Freunde sterben“

Von Sofia Dreisbach, Washington
25.05.2022
, 07:47
Wut, Schmerz, Trauer: Einer der verheerendsten Amokläufe an einer Schule erschüttert die USA
Bei einem Amoklauf in Texas erschießt ein 18 Jahre alter Mann 19 Grundschüler und zwei Erwachsene. Doch vielen Republikanern reichen auch zwei Massaker in zehn Tagen nicht, um ein schärferes Waffenrecht zu unterstützen.

Joe Biden war sichtlich erschüttert, als er sich am Dienstagabend an die Amerikaner wandte. „Ein weiteres Massaker“, sagte der Präsident. „Eine Grundschule. Schöne, unschuldige Zweit-, Dritt- und Viertklässler. Und wie viele kleine Kinder, die mit ansehen mussten, wie ihre Freunde sterben – wie auf dem Schlachtfeld, um Gottes Willen.“ Am Mittag hatte ein 18 Jahre alter Amokläufer in der texanischen Kleinstadt Uvalde die Robb Elementary School gestürmt und 19 Kinder und zwei Erwachsene getötet. Zuvor soll er auf seine Großmutter geschossen haben, über deren Zustand es am Abend unterschiedliche Angaben gab. Er selbst ist laut Polizei tot, zu seinem Motiv gibt es noch keine Aussagen.

„Wofür, um Himmels Willen, braucht man ein Sturmgewehr, außer dafür, jemanden zu töten?“, sagte Biden in seiner Ansprache. Der Täter, der in Uvalde lebte, soll sich an seinem 18. Geburtstag zwei Sturmgewehre gekauft haben. Auf einem inzwischen gelöschten Instagram-Profil, das ihm zugeordnet wird, hat er ein Selfie gepostet: Ein blasser junger Mann, graue Kapuzenjacke, kinnlange schwarze Haare. Auf einem Foto hält er das Magazin einer Waffe in seinem Schoß, auf einem anderen sind zwei Sturmgewehre zu sehen, wohl seine Neuanschaffungen. Roland Gutierrez, demokratisches Mitglied des Senats in Texas, bezeichnete den Amokläufer am Dienstagabend als „offensichtlich sehr gestört“. Er habe jedoch trotzdem keine Probleme gehabt, an diese Waffen zu kommen.

Der Bundesstaat Texas hat seit langem eines der laxesten Waffenrechte der Vereinigten Staaten. Mehr als eine Million der rund 29 Millionen Einwohner von Texas besitzt eine Waffe. Vor knapp einem Jahr unterzeichnete der republikanische Gouverneur Greg Abbott ein Gesetz, das es Texanern erlaubt, auch ohne Genehmigung eine Waffe zu tragen – zum eigenen Schutz, wie es zur Begründung hieß. Seit September 2021 darf nun in der Öffentlichkeit eine Waffe bei sich haben, wer mindestens 21 Jahre alt ist und keinem ausdrücklichen Verbot unterliegt. Abbott schrieb auf Twitter damals von der „stärksten Gesetzgebung des zweiten Verfassungszusatzes in der Geschichte von Texas“. Das sogenannte Second Ammendment von 1791 stellt die Grundlage für das Recht auf Waffenbesitz in den Vereinigten Staaten dar und ist heftig umstritten zwischen Republikanern und Demokraten. In Texas dürfen seit 2015 auch auf dem Campus von Colleges Waffen getragen werden.

Die USA stehen nach dem Amoklauf einmal mehr unter Schock.
Die USA stehen nach dem Amoklauf einmal mehr unter Schock. Bild: dpa

Täter von Polizei am Tatort niedergestreckt

Wie genau der Angriff auf die Grundschule ablief, war zunächst nicht bekannt. Bei einer kurzen Pressekonferenz am Abend verwies Uvaldes Polizeichef Pete Arredondo auf die laufenden Ermittlungen und bat um Geduld. Der Amokläufer sei ein Einzeltäter gewesen und getötet worden. Laut Erick Estrada vom Amt für öffentliche Sicherheit in Texas erreichte der junge Mann die Schule etwa um zwölf Uhr mittags und stellte sein Auto auf dem Parkplatz ab. Ein später auf Facebook verbreitetes Video zeigt, wie eine ganz in schwarz gekleidete und bewaffnete Person das Schulgebäude betritt. Er habe in einigen Klassenräumen um sich geschossen und sei anschließend von der Polizei niedergestreckt worden, so Estrada bei CNN. Zu den Verletzten gehört auch ein Beamter des Grenzschutzes, der laut Berichten als erstes am Tatort war und einen Kopfschuss erlitt.

Noch am Abend, mehr als zwölf Stunden nach der Tat, warteten einige Familien laut Medienberichten auf Nachricht über das Schicksal ihrer Kinder. Über den Tag hatten die Ermittler DNA-Proben genommen, die bei der Identifizierung helfen sollten. Derlei Szenen erinnern an das bislang schlimmste Schulmassaker der jüngeren Geschichte. Damals erschoss ein 20 Jahre alter Mann an der Sandy Hook Elementary School in Connecticut 26 Menschen, unter ihnen zwanzig Kinder im Alter von sechs und sieben Jahren. Zuvor hatte er zu Hause seine Mutter getötet. Damals warteten die Eltern ebenfalls gesammelt auf Nachricht, bis am Ende noch diejenigen übrig waren, deren Kinder getötet worden waren. Wie häufig derartige Massaker in Amerika stattfinden, zeigt auch die hohe Zahl der Hinterbliebenen, die am Dienstag in den Medien von dem Verlust ihrer Kinder bei einem anderen Angriff berichteten.

Feuerwehrwagen vor dem Schulgelände, auf dem sich das Massaker ereignete
Feuerwehrwagen vor dem Schulgelände, auf dem sich das Massaker ereignete Bild: dpa

Biden mit Tränen in den Augen

Der Amoklauf in Uvalde kommt nur zehn Tage nach einem Massaker in Buffalo, bei dem ein Rassist zehn Menschen in einem Supermarkt erschoss. Biden, der zwischenzeitlich Tränen in den Augen hatte, sprach zunächst von der persönlichen Tragödie für die betroffenen Familien. „Da sehen Eltern ihre Kinder nie wieder, sie werden nie wieder zu ihnen ins Bett springen und mit ihnen kuscheln.“ Dann holte Biden sichtlich erregt zum Schlag gegen den Waffenbesitz aus. Als Nation müsse man sich fragen: „Wann, in Gottes Namen, treten wir der Waffenlobby entgegen?“ Er habe es satt. „Wir müssen handeln. Und sagt mir nicht, wir können keinen Einfluss nehmen auf dieses Blutbad.“ Die Vorstellung, dass ein Achtzehnjähriger in einen Waffenladen laufen und zwei Sturmgewehre kaufen könne, sei „einfach falsch“. Offen ist bisher auch, wie sich der Attentäter diese zwei teuren Waffen leisten konnte. Biden fuhr fort: „Warum sind wir bereit, mit diesem Gemetzel zu leben? Warum lassen wir das immer wieder zu? Wo, in Gottes Namen, ist unser Rückgrat, um den Mut zu haben, das Thema anzugehen und sich gegen die Lobbys zu behaupten?“

Nach dem zweiten Massaker in so kurzer Zeit steht die Regierung unter großem Druck. Ohne die Bereitschaft des Kongresses, einen entsprechenden Gesetzentwurf – zu etwa strengeren Hintergrundüberprüfungen – mit 60 Stimmen Mehrheit zur Abstimmung zuzulassen, kann sie jedoch wenig ausrichten. Senator Chuck Schumer will genau das jetzt mit Blick auf Uvalde abermals anstoßen und die Republikaner im Anbetracht der jüngsten Massaker dazu bringen, mit den Demokraten zu stimmen. „Wir werden sehen ob die Republikaner im Senat an unserer Seite stehen oder an der der MAGA-Republikaner“, der radikaleren Trump-Anhänger in der Partei, schrieb er auf Twitter.

Auf Halbmast: Mindestens 19 Kinder und zwei Erwachsene betrauert das Land nach dem Angriff.
Auf Halbmast: Mindestens 19 Kinder und zwei Erwachsene betrauert das Land nach dem Angriff. Bild: AFP
Schweigen vor dem Spiel: die Texas Rangers vor einer Begegnung mit den Los Angeles Angels
Schweigen vor dem Spiel: die Texas Rangers vor einer Begegnung mit den Los Angeles Angels Bild: AFP

Senator Chris Murphy aus Connecticut hatte unmittelbar nach dem Angriff eine emotionale Rede im Senat gehalten. „Unsere Kinder haben Angst davor, ihre Klassenräume zu betreten, weil sie die nächsten sein könnten“, sagte er und forderte die Senatoren auf, endlich etwas zu unternehmen. „Was machen wir hier? Warum sind Sie hier, wenn nicht, um ein so existenzielles Problem wie dieses zu lösen? […] Das passiert nur in diesem Land, nirgendwo sonst. Nirgendwo sonst gehen kleine Kinder in die Schule in dem Wissen, dass sie heute erschossen werden könnten.“ Er bitte inständig darum, jetzt zu handeln. An die Republikaner gerichtet sagte er: „Arbeitet mit uns daran, Gesetze zu schaffen, die solche Vorfälle seltener machen.“

Waffenlobby trifft sich am Freitag in Texas

Unter den Republikanern gab es zwar viel Anteilnahme. So verurteilte der Minderheitsführer im Senat, Mitch McConnell, die „widerliche Gewalt gegen unschuldige Schulkinder“, äußerte sich aber nicht weiter zu einer möglichen Abkehr von seiner bisherigen Haltung. Der texanische Senator Ted Cruz ging – von Journalisten nach einer möglichen Verschärfung des Waffenrechts gefragt – zu einem Angriff auf die Demokraten und „vielen Leuten in den Medien“ über. Diese versuchten, das „verfassungsmäßige Recht gesetzestreuer Bürger“ zu beschneiden. Das gehe nicht und sei nicht effektiv. Das Argument ist in solchen Fällen meist der Selbstschutz der Bürger.

Interessant wird, wie das Thema einer möglichen Verschärfung des Waffenrechts am Freitag in Texas diskutiert wird. Dann findet, rund 450 Kilometer östlich von Uvalde, in Houston das Treffen der Waffenlobby NRA statt. Zu den Sprechern zählten bisher Gouverneur Abbott, Senator Cruz und auch der frühere Präsident Donald Trump. Der republikanische Senator John Cornyn aus Texas dagegen zog nach dem Amoklauf seinen Auftritt in Houston zurück – schon vor der „Tragödie heute in Uvalde hatten wir die NRA bereits darüber informiert, dass er aufgrund einer unerwarteten Änderung seines Zeitplans nicht bei der Veranstaltung sprechen kann“.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Dreisbach, Sofia
Sofia Dreisbach
Politische Korrespondentin für Nordamerika mit Sitz in Washington.
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