Vater tötete eigene Kinder

„Er wollte der Mutter größtes Leid zufügen“

Von Hans-Christian Rößler
13.06.2021
, 19:24
Viele Opfer: Demonstranten auf Teneriffa protestieren am Freitag gegen Gewalt, die über die Kinder auch die Mütter treffen soll.
44 Tage lang wurde in Spanien um zwei Mädchen gebangt. Dann barg ein Forschungsschiff den Leichnam der sechs Jahre alten Olivia vom Meeresgrund. Die Ermittler konnten inzwischen rekonstruieren, was am Tatabend geschah.

Tomás G. wollte der Mutter seiner Kinder den schlimmsten Schmerz zufügen, der denkbar ist. An der Stelle, an der der 37 Jahre alte Spanier mutmaßlich die Leichname seiner beiden Töchter vor Teneriffa in den Atlantik warf, ist das Meer einen Kilometer tief. Olivia und Anna sollten nie wieder auftauchen. Der Vater habe den Tod der Kinder geplant, um seine frühere Partnerin auf „unmenschliche“ Weise leiden zu lassen, heißt es in der Anklageschrift der Ermittlungsrichterin, aus der am Wochenende die spanische Presse zitiert hat: Tomás G. wollte sie für immer in der Ungewissheit darüber lassen, ob ihre Kinder noch lebten.

Doch er hatte nicht mit der Hartnäckigkeit der Ermittler gerechnet, die eines der modernsten Forschungsschiffe einsetzten. Bisher barg der Tauchroboter nur den Leichnam der sechs Jahre alten Olivia. Auch am Sonntag ging die Suche nach der ein Jahr alten Anna und ihrem Vater weiter. Auf den Kanaren geht man davon aus, dass Tomás G. auch Anna getötet und danach Selbstmord begangen hat.

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Tathergang rekonstruiert

Die Ermittler konnten inzwischen rekonstruieren, was am Abend des 27. April geschah. Tomás G. hat demnach die Mädchen in seinem Haus getötet. Die Polizei vermutet, dass er sie erst betäubt und dann erwürgt haben könnte. Dann wickelte er die Kinder in Handtücher, steckte sie in Müllsäcke und packte sie in Sporttaschen. In einer Tasche entdeckte der Tauchroboter den Leichnam Olivias. Die zweite Tasche war leer. Nach einem Zwischenstopp am Haus seiner Eltern, wo er seinen Hund zurückließ, fuhr der Vater in den Sporthafen von Santa Cruz de Teneriffa.

Als erfahrener Taucher brach er gegen 22 Uhr in das besonders tiefe Seegebiet auf. Dort versenkte er die Taschen. Danach rief er seine frühere Partnerin an und sagte ihr, dass er es nicht zulassen könne, dass seine Töchter ohne ihn aufwachsen. In weiteren Telefongesprächen erweckte er aber den Eindruck, als würde er mit den Kindern in der Ferne ein neues Leben anfangen. Beide hatten sich als Teenager kennengelernt und sich im vergangenen Sommer getrennt. Tomás G., der ihren deutlich älteren neuen Lebenspartner abgelehnt haben soll, ließ sie nach der Trennung nicht in Ruhe.

Von Polizei verwarnt

Nachdem er die Mädchen über Bord geworfen hatte, kehrte er laut Ermittlungsbericht noch einmal an Land zurück, um sich ein Ladegerät für sein Handy zu kaufen. Dabei wurde er von einer Polizeistreife verwarnt, weil der die Ausgangssperre verletzt hatte. Nach Mitternacht brach er mit seinem Boot zum letzten Mal auf. Bis gegen halb drei Uhr morgens telefonierte er mit Freunden, Familienangehörigen und seiner neuen Partnerin, der er einen Abschiedsbrief und mehr als 6000 Euro hinterließ. Danach verstummte sein Telefon, seine Spur verlor sich.

Der Fall erschüttert ganz Spanien, das 44 Tage lang um die Mädchen gebangt hatte. In vielen Städten demonstrierten am Wochenende Tausende Menschen. Mit Olivia und Anna wurden in den vergangenen acht Jahren in Spanien 41 Kinder von ihren Vätern oder den Partnern ihrer Mütter ermordet.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Rößler, Hans-Christian
Hans-Christian Rößler
Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.
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