Versuchter Vatermord

Quecksilber aufs Kopfkissen

Von Rüdiger Soldt, Heilbronn
30.07.2013
, 20:37
Im Landgericht in Heilbronn: „Ihnen war klar, dass Quecksilber alles andere als ein Beruhigungsmittel ist“
Quecksilber auf dem Kissen, Methoxetamin auf dem Bienenstich: Weil Volker G. seinen Vater hasste, versuchte er ihn heimtückisch zu vergiften. Jetzt wurde er zu sechs Jahren Haft verurteilt.
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Das Elend der Bauernfamilie G. aus Wohlmuthausen begann mit einem Traktorunfall. Als Volker G. neun Jahre alt war, verunglückte seine Mutter auf einem Schlepper. Der Junge wuchs bei seiner Großmutter auf, die Schuld für den Unfall gab er immer seinem Vater, der den Überrollbügel des Traktors nicht richtig befestigt habe.

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Eine Vater-Sohn-Beziehung im eigentlichen Sinn gab es nicht mehr. Bauer und Bauernsohn auf dem offenbar heruntergekommenen Hof in der Nähe von Heilbronn in der Region Hohenlohe (Baden-Württemberg) bekriegten sich Tag für Tag. Wenn der Sohn, der heute 36 Jahre alt ist, mit viel Mühe auf dem Bauernhof eine neue Toilette baute, verrichtete der Vater seine Notdurft weiterhin demonstrativ im Stall oder gar im Garten.

Wenn der Sohn mit seinem Auto zum Betrieb des Vaters kam, zerstach der Vater die Reifen des teuren Gefährts und schimpfte über die Spritverschwendung. Hackte der Sohn vorsorglich Brennholz für einen strengen Winter, verfeuerte der heute 73 Jahre alte Vater die Holzscheite binnen kurzem bei sommerlichen Temperaturen.

„Hier trafen sich zwei gestörte Persönlichkeiten“

Als Volker G. für seinen Sohn 2007 eine Wiese für eine Geburtstagsfeier richtete, brachte der Großvater auf der Grünfläche Gülle aus und vermieste so dem Enkelsohn den Geburtstag. Die Anwältin des wegen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung verurteilten Mannes formulierte es an einem der 14 Verhandlungstage so: „Hier trafen sich zwei gestörte Persönlichkeiten. Der Angeklagte war eine arme Sau. Sein Vater aber auch.“

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Volker G., der mittlerweile geschieden ist, begann 2009 damit, seinen tief gehassten Vater zu vergiften. Zunächst mit Quecksilber. Er schmierte das flüssige Metall auf eine Sessellehne und ein Kopfkissen. So sollte der Vater es über einen langen Zeitraum einatmen. Zusätzlich stellte er noch eine Schüssel mit Quecksilber auf. Nachdem das Quecksilber keine Wirkung gezeigt hatte, schmierte er in einem zweiten Versuch seinem Vater Methoxetamin, ein ketaminähnliches Narkosemittel, auf ein Stück Bienenstich vom Billig-Bäcker.

Methoxetamin ist im Internethandel zu erwerben und wird eigentlich für Großtiere eingesetzt. Den Bienenstich verabreichte Volker G. dem Vater im Mai 2012. Der alte Mann fiel in eine Art Delirium und musste vom Notarzt ins Krankenhaus gebracht werden. Diagnostiziert wurde zunächst nur ein Schlaganfall. Volker G. holte sich Rat bei einem befreundeten Krankenpfleger, der in dem Prozess auch der wichtigste Zeuge war.

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Überzeugt von der Tötungsabsicht

Am Dienstag betritt der Angeklagte zur Urteilsverkündung den Schwurgerichtssaal des Heilbronner Landgerichts in blaukariertem, kurzärmeligem Hemd, ein stämmiger Mann mit wenigen Haaren für sein Alter. „Ihnen war klar, dass Quecksilber alles andere als ein Beruhigungsmittel ist“, sagt der Vorsitzende Richter. „Daher sind wir davon überzeugt, dass Sie Ihren Vater umbringen wollten.“

Beim zweiten Versuch mit dem Narkosemittel und dem Kuchen sei kein konkreter Tötungsvorsatz nachweisbar. Deshalb reiche es bei dieser Straftat nur für eine Verurteilung wegen gefährlicher Körperverletzung. Zudem habe der Angeklagte gegen das Waffengesetz verstoßen, weil er illegal Sprengstoff und Waffen besessen habe.

Für das Quecksilber-Attentat veranschlagt das Gericht eine Strafe von vier Jahren und sechs Monaten, für das Verabreichen des Bienenstichs zwei Jahre und für den illegalen Waffenbesitz ein Jahr und drei Monate.

Er hätte ja auch zu Hause bleiben können

Daraus wird eine Gesamtstrafe von sechs Jahren. Im Gespräch mit Freunden habe der Angeklagte mehrfach davon gesprochen, dass „der Alte“ wegmüsse, im Internet habe er sich über die gesundheitsschädliche Wirkung von Quecksilber informiert. „Was Sie getan haben“, sagt der Vorsitzende Richter der Schwurgerichtskammer des Heilbronner Landgerichts, „war nicht die berühmte Abreibung mit Kamillentee. Das Mittel war grundsätzlich geeignet, nur die Dosis war zu gering.“

Der Angeklagte habe auch heimtückisch gehandelt, denn er habe die Wehrlosigkeit seines Vaters ausgenutzt. Die Verabreichung des Kuchenstücks wertete das Gericht nur als gefährliche Körperverletzung, weil nicht die ganze Menge des Narkosemittels aufgebracht wurde. Unverständlich blieb dem Richter, warum Volker G. den Bauernhof der Eltern in Wohlmuthausen immer wieder aufsuchte: „Die Vater-Sohn-Beziehung wurde von Ihrem Vater immer wieder belastet.“ Der Sohn hätte ja auch bei sich zu Hause in Bad Rappenau bleiben können.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Soldt, Rüdiger
Rüdiger Soldt
Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.
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