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Volkmarsen

Die Stille nach dem Knall

Von Stefanie Sippel, Volkmarsen
Aktualisiert am 25.02.2020
 - 22:01
Gemeinsamer Gottestdienst vor der St. Marien Kirche in Volkmarsen zur Bildergalerie
Eigentlich ist die Kleinstadt Volkmarsen eine Karnevalshochburg. Doch am Tag nachdem ein Auto in den Rosenmontagszug fuhr, ist niemandem zum Feiern zumute. Der Verdächtige sitzt in Untersuchungshaft.

Am Ortseingang von Volkmarsen steht ein Schild: „Närrisches Hoheitsgebiet“. Am Tag nachdem ein Mann sein Auto wohl absichtlich in einen Umzug lenkte, ist vom Karneval nicht mehr viel übrig geblieben. An einigen Türen hängen Luftballons, in manchen Fenstern bunter Schmuck, und an Kneipen und Wirtshäusern sind Banner angebracht. „Schurri, Schurri, Schurri“, steht darauf. Schurri, das ist in Volkmarsen das, was in Köln „Alaaf“ und in Düsseldorf „Helau“ ist. Ein Wort der Freude, das seit Montagnachmittag nirgends mehr zu hören war.

Ein Auto raste in die Menschenmenge der Feiernden, fast 60 Menschen wurden dabei verletzt, 35 sind derzeit noch in Krankenhäusern untergebracht, wie ein Sprecher des Polizeipräsidiums Nordhessen am Dienstag sagte. 18 der Verletzten sind Kinder, das jüngste ist drei Jahre alt. Am Steuer des Wagens saß ein 29 Jahre alter Mann, der selbst aus Volkmarsen kommt und nach der Tat festgenommen wurde. Die Ermittler haben einen zweiten Mann im Visier, er soll die Tat gefilmt haben. Ein Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt sagte, dieser sei wegen „Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Filmaufnahmen“ festgenommen worden.

Im Fall des 29 Jahre alten Mannes, der das Auto lenkte, ermittelt die Generalstaatsanwaltschaft wegen eines versuchten Tötungsdelikts. Der mutmaßliche Täter sei nicht alkoholisiert gewesen, hieß es und ob er unter Drogeneinfluss stand, sei noch nicht geklärt. Gegen ihn ist am Dienstagabend Untersuchungshaft angeordnet worden. Zum Motiv gibt es bisher wenige Erkenntnisse, bisher deutete nichts auf ein terroristisches oder politisches Motiv hin, wie aus Ermittlerkreisen zu hören war. Hessens Innenminister Peter Beuth (CDU) sagte, es gebe keinen Zusammenhang zwischen der Tat in Hanau, bei der ein 43 Jahre alter Mann in einer Shi sha-Bar und einem Kiosk um sich schoss, und Volkmarsen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hatte schon am Dienstagmorgen erklärt, er sei tief erschüttert. „Meine Gedanken sind bei den Opfern und ihren Angehörigen. Ich wünsche den Verletzten von Herzen eine vollständige Genesung.“

„Warum haben sie keine Betonpfeiler hier hin gemacht?“

In einer Bäckerei in der Nähe des Stadtzentrums von Volkmarsen, einer Kleinstadt in Nordhessen mit etwa 7000 Einwohnern, gibt es am Dienstag nur ein Thema: was am Rosenmontag geschehen ist. Die meisten Menschen, die die Bäckerei betreten, reden leise, fast übertönt die Hintergrundmusik ihre Stimmen. Doch zwischendurch fallen Sätze wie: „Ich höre das Kinderschreien von gestern“ oder „Ich habe gestern bis acht Uhr nicht funktioniert“ und „Mein Blutdruck war so hoch“. Viele waren beim Umzug dabei, oder sie kennen jemanden, der dabei war. Volkmarsen ist kein Dorf, aber trotzdem noch so klein, das die Einwohner sich untereinander gut kennen.

Eine Gruppe sitzt an einem Tisch zusammen. Ein Mann fragt in die Runde: „Warum haben sie keine Betonpfeiler hier hin gemacht?“ Eine junge Frau, die beim Karnevalszug mitgegangen ist, hat gesehen, wie der silberne Mercedes unmittelbar an ihr vorbeigefahren ist, berichtet sie. Der Wagen sei über den Bahnübergang gefahren, den Steinweg runtergekommen und dann in die Menschen gefahren, zwischen Kinder, Eltern, Feiernde. Menschen seien über die Motorhaube geflogen, er sei einfach weitergefahren; die Menschen fielen zu Boden, auf andere Menschen. „Alle haben sich versucht untereinander zu helfen“, sagt sie. Der Wagen sei schließlich auf Höhe eines Supermarkts zum Stehen gekommen, zuvor habe der Fahrer noch von der rechten Seite der Straße auf die linke gewechselt. „Als ob er noch mehr Menschen verletzten wollte“, sagt die Augenzeugin. Als das Auto endlich stand, hätten Menschen die Türen des Wagens aufgerissen, erst die Fahrertür, dann die Beifahrertür. Einige hätten auf den Mann eingeprügelt. Alle hätten unter Schock gestanden.

Am Montag wurde der Karnevalszug nach etwa dreißig Minuten abgebrochen. Auch alle anderen Umzüge in Hessen wurden abgesagt. „Wir haben uns gefragt, warum es nicht weiterging“, sagt ein Mann, der in der Seitenstraße mit seinen Kindern auf den Umzug gewartet hatte. Auch eine Frau sagt: „Ich kann es immer noch nicht realisieren. Ich bin aufgestanden und dachte, alles ist normal. Dann habe ich die Reporter auf der Straße gesehen.“ Volkmarsen sei ein Ort gelebter Gemeinschaft, jeder kenne jeden, sagt ein Mann, der neben ihr steht. Vor allem an Karneval gehe es hoch her, sogar aus benachbarten Orten kämen dann Menschen hinüber. „Das ist eine Hochburg hier“, sagt er. Doch heute sei kein Karneval, sondern ein Tag, an dem ihm die gesellschaftlichen Verwerfungen, die da seien, sichtbar würden. „Es ist für alle eine Art Trauma-Bewältigung.“ Der Mann ist sich trotzdem sicher: „Nächstes Jahr werden wir wieder feiern.“ Auch die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) hatte die Mainzer Fastnacht am Dienstag als „wichtigen Bestandteil unserer Zivilgesellschaft“ gewürdigt.

In Volkmarsen laufen am Dienstag nur einzelne Menschen durch die Straßen. Eine Anwohnerin berichtet von Kostümierten, die am Abend zuvor plötzlich vor ihrem Haus hektisch hin und her gelaufen seien. Da habe sie gewusst, dass etwas nicht stimmt. Auch der Supermarkt in der Nähe des Tatorts hat am Dienstag so gut wie keine Kundschaft. An einem Ständer hängen bunte Luftballons, die in kleinen Plastiktüten verpackt sind. „Der Markt ist wie ausgestorben“, sagt eine junge Frau, die zum Einkaufen hergekommen ist. „Man merkt es irgendwie, es ist eine gedrückte Stimmung.“ In der Bäckerei im Eingangsbereich des Supermarkts säßen sonst immer Stammgäste, heute sei niemand von ihnen dort. Auch eine Erzieherin, die gerade einkauft, sagt: „Viele Leute stehen unter Schock.“ Eigentlich wollte sie tags zuvor mit einer Gruppe Jugendlicher auf den Umzug gehen. Dann hätten sich alle erkältet und schlapp gefühlt. „Da wollten wir nicht im Regen stehen.“ Am Abend habe sie dann Anrufe bekommen, ob alles in Ordnung sei.

Über Whatsapp und andere soziale Netzwerke kursieren unterdessen Bilder des mutmaßlichen Täters. „Es wird viel geredet, vieles davon stimmt nicht, da muss man vorsichtig sein“, sagt einer, der bei dem Umzug am Montag dabei war. Auch ein Sprecher der Polizei Nordhessen warnte am Dienstag davor, sich auf solche Informationen zu verlassen. Einer behauptet, er habe den mutmaßlichen Täter gekannt: „Er war immer ein Eigenbrötler gewesen und sagte kaum guten Tag.“

„Sie wollen unser friedliches und häufig fröhliches Gemeinwesen stören“

Nur zweihundert Meter von dem Tatort im Steinweg entfernt liegt das Wirtshaus Phönix. Eigentlich trifft sich hier nach dem Umzug der Elferrat, um am Abend die besten Gruppen des Umzugs zu prämieren. Auch das Karnevals-Prinzenpaar von Volkmarsen ist traditionell am Abend des Rosenmontags hier, es wird gefeiert, getanzt und gelacht. „Um vier Uhr haben wir am Montag zugemacht“, sagt Wirt Udo Sternberg. Am Dienstagmorgen habe er Absagen für alle Reservierungen erhalten. Eigentlich seien alle Tische am Dienstag belegt gewesen. Nun ist der Gastraum leer, nicht einmal an der Theke sitzt jemand. Ein paar Überbleibsel erinnern an die Reste des Karnevals, eine bunte Clownspuppe liegt auf einem der Tische, daneben Girlanden, die schon in Müllsäcken gelandet sind. An den beigefarbenen Wänden hängt keine Dekoration mehr.

„Eigentlich wäre die Bude voll“, sagt Sternberg. Wirtschaftlich sei das natürlich nicht gut, aber das Wichtigste sei, dass es den Verletzten gutgehe. Für den Dienstag war im Ort der Humpelmarsch geplant, eine alte Tradition, die Leute humpeln von Kneipe zu Kneipe. Auch der Marsch findet nicht statt. Er habe allen Mitarbeitern für heute abgesagt, es gebe ohnehin nichts zu tun, sagt Sternberg. Das Kind eines Diskjockeys, der sonst die Musik mache, sei betroffen. Auch seine Frau habe alles mit ansehen müssen, sagt der Wirt. In vielen Kneipen in Volkmarsen wurde am Dienstag die Musik abgestellt. Die Menschen wollten nicht mehr feiern, sondern nur noch reden, um das Erlebte zu verarbeiten. „Wir sollten erst mal abwarten und Ruhe bewahren“, sagt Sternberg.

Am Dienstagabend versammelten sich auf dem Platz vor der Kirche St. Marien Hunderte Menschen zu einem ökumenischen Gottesdienst. Sie hören durch Lautsprecher zu, weil sie in der Kirche keinen Platz mehr bekommen haben. Manche nehmen sich in die Arme, einige zünden Kerzen an. Nach dem Gottesdienst stellen sie diese rund um die Kirche auf.

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Schockstarre nach Auto-Angriff
„Es ist totenstill in Volkmarsen“

Der Pfarrer der katholischen Kirche, Martin Fischer, erzählt vom ersten Eintrag, den er nach der Tat in einem Buch am Kirchenausgang gefunden habe. „Es sollte so ein schöner Tag werden. Warum?“, habe dort gestanden. Die Menschen in Volkmarsen hätten einfach nur ihren geliebten Karneval feiern wollen. Die Freude sei von einem auf den andern Moment zerstört worden. Der Bürgermeister von Volkmarsen, Hartmut Linnekugel sagte, dieser Tage habe sich zu einem Tag des Grauens entwickelt. Er wünschte den Verletzten eine schnelle und vollständige Genesung und bedankten sich bei allen Helfern und Einsatzkräften. Christian Diste, der Vorsitzende der Karnevalsgesellschaft, sagt, er habe gedacht: Wir leben hier doch auf dem Dorf, hier passiere nichts. Seit Montag sei alles anders.

Auch der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) und Innenminister Peter Beuth (CDU) waren vor Ort. Wenige Tage zuvor waren beide nach der Mordserie in Hanau bei der Gedenkveranstaltung. Bouffier sprach in Volkmarsen über den Zusammenhalt, den es jetzt brauche. Die Täter – egal, welches Motiv sie hätten – hätten immer ein Ziel: „Sie wollen unser friedliches und häufig fröhliches Gemeinwesen stören. Sie wollen Angst schüren. Unsere Antwort muss klar sein, wir werden diesem nicht weichen.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Sippel, Stefanie
Stefanie Sippel
Volontärin.
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