Vorwürfe gegen Marilyn Manson

Kein Monster, ein Mann

Von Johanna Dürrholz
07.02.2021
, 12:07
Fünf Frauen haben schwerste Vorwürfe gegen den Musiker Marilyn Manson erhoben. Hätte man mögliche Vergehen früher ahnden können?

Die Sache hatte sich angebahnt. Evan Rachel Wood hatte schon 2018 und 2019 davon berichtet, von einem früheren Partner körperlich und seelisch missbraucht und misshandelt worden zu sein. Nun gab die Schauspielerin auch seinen Namen bekannt: Brian Warner, vielen besser bekannt als Marilyn Manson. Mit dem Musiker war Wood von 2007 bis 2010 mit Unterbrechungen liiert, zeitweise sogar verlobt. Sie war 18, als sie ihn kennenlernte, er 36.

Schon nachdem Wood in einem Untersuchungsausschuss des amerikanischen Repräsentantenhauses im Jahr 2018 von ihren Erfahrungen berichtet hatte, verdächtigten Kritiker den Musiker Manson. Wood hatte damals einen Gesetzesentwurf zum Schutz von Opfern sexueller Übergriffe befürwortet und von Misshandlungen, Morddrohungen, Gewalt und psychischem Terror während einer früheren Beziehung erzählt. Es sei so weit gegangen, dass sie davon „aufgewacht“ sei, dass der Mann, der „vorgab, mich zu lieben, das vergewaltigte, was er für meinen bewusstlosen Körper hielt“. Über Jahre habe sie unter posttraumatischem Stress gelitten. Im Zuge der MeToo-Bewegung etwa hätte sie sich zwar bestärkt, aber vor allem beinahe durchgängig belastet gefühlt, „wie eingefroren“ – ein häufig auftretendes Symptom einer posttraumatischen Belastungsstörung und ein Gefühl, das sie auch während der Misshandlungen in ihrer Beziehung immer wieder gespürt habe.

Nachdem Evan Rachel Wood dann vergangene Woche Marilyn Mansons Namen genannt und ihn beschuldigt hatte, meldeten sich noch vier weitere Frauen und Ex-Partnerinnen von Manson, die angaben, von ihm misshandelt, vergewaltigt, kontrolliert und manipuliert worden zu sein: Mansons ehemalige Privatsekretärin Ashley Walters, Model Sarah McNeilly, Model Ashley Lindsey Morgan und die Künstlerin und Musikerin Gabriella. Die von den Frauen geschilderten Erlebnisse ähneln den Erzählungen Evan Rachel Woods. Die Plattenfirma Loma Vista Recordings beendete daraufhin die Zusammenarbeit mit Marilyn Manson. Sein neues Album wird nicht weiter vertrieben werden, künftige Projekte wurden ausgeschlossen.

In einem Instagrampost weist Marilyn Manson alle Vorwürfe von sich. Die Anschuldigungen seien „schreckliche Verzerrungen der Realität“. Seine Intimbeziehungen seien immer, so Manson, einvernehmlich verlaufen. Seine wohl prominenteste Ex-Frau Dita Von Teese schrieb ebenfalls auf Instagram, die Erfahrungen der anderen Frauen seien nicht die ihren gewesen. Sie habe Manson 2006 nach sieben Jahren wegen seiner Untreue und seines Drogenkonsums verlassen. Sie wolle aber alle Frauen, die in einer Beziehung Missbrauch erführen, ermutigen, die notwendigen Schritte zu unternehmen, um zu heilen.

Was die Vorwürfe gegen Manson angeht, die aktuell noch bloß Vorwürfe sind – eine Gerichtsverhandlung gab es nie, die kalifornische Senatorin Susan Rubio forderte nun in einem Brief FBI-Ermittlungen gegen Manson –, sind noch einige Fragen offen. So waren schon 2018, im Zuge der MeToo-Bewegung, Anschuldigungen gegen Manson in einem Polizeibericht vorgebracht worden. Laut „The Hollywood Reporter“ handelte es sich um nicht spezifizierte Sexualverbrechen, die 2011 stattgefunden haben sollen. Mansons Anwalt sagte dem „Hollywood Reporter“ 2018, sein Mandant weise alle Vorwürfe von sich. Die Staatsanwaltschaft stellte die Ermittlungen mit der Begründung ein, die Verjährungsfrist für die Vergehen sei abgelaufen und es gebe einen Mangel an Beweismaterial. Mansons Anwalt ließ verlauten, die Anschuldigungen der „Bekannten“ seines Mandanten seien entweder „komplett wahnhaft“ oder Teil eines „kalkulierten Versuchs, Aufmerksamkeit zu generieren“.

Am 13. September 2020 postete ein früherer Mitarbeiter und ehemaliger persönlicher Assistent des Musikers einen Twitter-Thread, in dem er berichtete, er habe mit eigenen Augen gesehen, wie Manson die Schauspielerin Wood in den Jahren 2007 und 2008 auf seiner Tour binnen eines Jahres „gebrochen“ hätte. Sie sei danach ein anderer Mensch gewesen. In den Jahren 2014 und 2015 habe er immer wieder unmittelbar erlebt, wie Manson seine damalige Freundin misshandelt, bedroht, angeschrien, erniedrigt hätte. Manson hätte gedroht, „sie zu töten, aufzuschneiden, zu begraben“; „sie zum Weinen zu bringen hat ihm ein gutes Gefühl gegeben“, so der ehemalige Mitarbeiter. Jeder im näheren Umfeld des Musikers habe von dessen Verhalten gewusst. Doch alle hätten Angst gehabt, etwas zu sagen, weil es in der Branche verpönt sei, über das Privatleben der Stars zu sprechen.

Das ist der Stand im Februar 2021. Es könnte sich also, wie einige vermuten, bei Marilyn Manson um einen solchen Fall handeln, wie es ihn während der MeToo-Enthüllungen häufig gab: Alle haben’s gewusst, keiner hat was gesagt. Die Frage nach dem „Warum nicht?“ ist müßig; dass Künstler und mächtige Männer mit derartigem Verhalten lange Jahre durchgekommen sind, lässt darauf schließen, dass das Leben kleiner, unbedeutender Frauen vielen einfach weniger wert erschien. Egal, wie viel Angst und Schrecken ein mächtiger Mann verbreitet – wenn niemand etwas sagt, schwingt immer auch die misogyne Annahme mit: Ein Model mehr oder weniger, who cares?

Und auch die Verarbeitung der Vorwürfe in den Medien reproduziert größtenteils Klischees. Marilyn Manson, heißt es, habe „seine Dämonen“ nie verheimlicht, zahlreiche Kommentare unter Artikeln lauten in etwa „Wen wundert’s?“. Dazu muss man nun einige Worte zu Mansons Musik verlieren: Der „Schockrocker“, wie ihn die Deutsche Presse-Agentur nennt, hat seine Kunst über Jahrzehnte rund um Provokationen aufgebaut. Im Sonnenschein-State Kalifornien schockieren Musiker schon, indem sie ausschließlich Schwarz tragen, sich die Haare schwarz färben, sich schwarz schminken und, wie in Mansons Fall, ihr Gesicht durch eine eisblaue Kontaktlinse in nur einem Auge verzerren. In Mansons Videos spielt er mit der Goth-Ästhetik, Frauenköpfe sind in Vogelkäfigen zu sehen, sein eigener Kopf ist montiert auf nackte Frauenpuppenkörper. Der sozialkritische Song „The Beautiful People“ von 1996 spielt die Klischees „arm und hässlich“ und „schön und reich“ gegeneinander aus, im Video sieht man mal eklige Würmer, dann Menschen mit grässlichen Zahnspangen und Drahtgestellen um den Kopf und maskierte Menschen auf riesigen Stelzen.

Zum düsteren Image Mansons gesellten sich über Jahre hinweg jede Menge Geschichten und Gerüchte, womöglich von Manson selbst befeuert, um seinen Personenkult aufrechtzuerhalten. So hat sich bis heute das hartnäckige Gerücht gehalten, Manson habe sich operativ Rippen entfernen lassen, damit er sich selbst oral befriedigen könne. Bei vielen der besonders erfolgreichen Manson-Songs handelt es sich darüber hinaus um Cover-Versionen, etwa bei „Tainted Love“, „Sweet Dreams“ oder „Personal Jesus“.

Mal abgesehen davon, dass Brian Warner aka Marilyn Manson im normativ-herkömmlichen Sinne nicht unbedingt als gutaussehend gelten mag, gibt es nun aber keinerlei Grund zu der Annahme, man habe ja schon wegen seiner Kunst von möglichem Fehlverhalten in zwischenmenschlichen Beziehungen wissen können. Man kann vermuten, dass Brian Warner selbst vielleicht irgendwann nicht mehr wusste, wo Warner aufhörte und Manson anfing. Doch das ist Spekulation. Seine Kunst nun als „dämonisch“, ihn wie der britische „Guardian“ als „Monster“ zu bezeichnen, verherrlicht ihn und sein Schaffen ebenso, wie es die mutmaßlichen Opfer abwertet. Selbst schuld, wer sich auf den einlässt, implizieren nämlich solche Kommentare. Seine Ex-Freundinnen werden ihn vermutlich Brian, nicht Marilyn Manson genannt haben, und Brian Warner ist ein Mann, kein Monster.

Es ist ein klassischer Fall von Victim-Blaming, nun dessen Werke als Beweis für irgendwas heranzuziehen. Niemand weiß, wie Warner im privaten Umgang zu Beginn der Beziehungen mit Frauen war. Und dass die Frauen seine Kunst als das annahmen, was sie zu sein vorgab, nämlich Kunst, kann ihnen niemand vorhalten. Das hat alle Welt so gemacht.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Duerrholz, Johanna
Johanna Dürrholz
Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET
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