<iframe src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Digitale Kriminalverfahren

Wie fasst man einen Kindermörder nach 26 Jahren?

Von Jörn Wenge
 - 09:44
zur Bildergalerie

Stephanie D. war zehn Jahre alt, als sie mit einer Freundin und ihren beiden jüngeren Geschwistern in den Goethepark in Weimar ging. Das Thüringer Städtchen ist für seine reiche Kulturgeschichte und zahlreiche Denkmäler bekannt. Der Täter machte sich das zunutze. Am 24. August 1991, einem Samstag, sprach er Stephanie und ihre Freundin am frühen Nachmittag an: Sie sollten ihm das Schloss Belvedere zeigen. Danach gebe er ihnen dafür auch 50 Mark. Der Mann redete länger auf die Kinder ein. Ihm gelang es schließlich, Stephanie zum Mitkommen zu verleiten. Das Mädchen ging mit dem Mann fort, kam aber nicht wie eigentlich vereinbart um 16 Uhr wieder in den Park zurück. Die Eltern erfuhren davon und riefen die Polizei. Am Sonntag nach dem Verschwinden durchsuchten Einsatzkräfte das ganze Stadtgebiet – vergeblich. Am Montag fanden spielende Kinder unter einer Autobahnbrücke nahe dem Hermsdorfer Kreuz die Leiche von Stephanie. Die Brücke lag etwa 50 Kilometer von Weimar entfernt. Sie hieß Teufelstalbrücke und wurde 1999 abgerissen.

Nach dem Täter, der die Schülerin an jenem Spätsommertag angesprochen und entführt hatte, suchte die Polizei seither vergeblich. Am Sonntag vor einer Woche aber hat sie einen Mann festgenommen, der nun, mehr als 26 Jahre nach dem Verbrechen, der Tat beschuldigt wird. Es ist Hans-Joachim G., ein 65 Jahre alter Lastwagenfahrer aus Berlin. Die Ermittler und die zuständige Staatsanwaltschaft Gera sind sich sicher, dass er der Täter ist. Er soll Stephanie 1991 entführt und missbraucht haben. Um sein Verbrechen zu verdecken, soll er das Kind anschließend von der Autobahnbrücke geworfen haben. Als das Spezialeinsatzkommando in seine Berliner Wohnung eindrang, griff G. die Beamten mit einer Eisenstange an. Schnell aber war sein Widerstand gebrochen.

Hans-Joachim G. auf die Spur gekommen sind die Ermittler der Sonderkommission (Soko) „Altfälle“. Diese Kommission hat die Thüringer Landespolizei im Herbst 2016 wegen eines überraschenden Funds und einer Reihe obskurer Zusammenhänge rund um die Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) gegründet. Im Sommer 2016 fand ein Pilzsammler in einem Wald die Leiche von Peggy K. Im Alter von neun Jahren war das Mädchen fünfzehn Jahre zuvor in seinem Heimatort Lichtenberg im Norden Bayerns verschwunden. Nach dem Fund analysierten Rechtsmediziner einen Stofffetzen, der am Fundort neben der Leiche sichergestellt worden war. Er trug die DNA von Uwe Böhnhardt, dem NSU-Terroristen. Ein schauerlicher Gedanke: War der Neonazi, der mit Uwe Mundlos und Beate Zschäpe ein Trio bildete, nicht nur mutmaßlich für die Morde an neun Männern, die aus dem Ausland stammten, und einer Polizistin verantwortlich, sondern auch für den Mord an einem Kind? Vollkommen abwegig erschien das nicht.

Sexualstraftäter treten zunächst oft mit Delikten wie Körperverletzung oder Diebstahl in Erscheinung – ähnlich wie die NSU-Mitglieder vor ihrem Untertauchen. Auf einer Festplatte aus dem Unterschlupf des NSU in Zwickau hatte die Polizei außerdem kinderpornographische Bilder gefunden.

Hinzu kam die geographische Dimension: Lichtenberg liegt an der Grenze zu Thüringen und nur eine Autostunde von Jena entfernt. Die Region um diese Stadt, in der die NSU-Terroristen aufwuchsen, wurde in den 1990er Jahren nicht nur durch den Mord an Stephanie D. erschüttert. Zwei weitere Kinder wurden entführt und getötet – eine sehr ungewöhnliche Häufung. Der zehn Jahre alte Bernd B. wurde im Juli 1993 tot am Ufer der Saale gefunden; die Leiche der neun Jahre alten Ramona K. wurde Monate nach ihrem Verschwinden im Januar 1997 in einem Wald bei Eisenach entdeckt. Beide Kinder stammten aus Jena – und im Fall von Bernd B. zählte sogar ein Freund von Uwe Böhnhardt, Enrico T., zu den Verdächtigen. In einer Polizeivernehmung 2012 behauptete dieser, er habe vermutet, dass Uwe Böhnhardt – der zu diesem Zeitpunkt freilich schon tot war – womöglich den Jungen umgebracht habe. Ein Täter wurde damals in allen drei Fällen nicht gefunden. Doch auch die Annahme, Uwe Böhnhardt oder gar ein Netzwerk der Rechtsextremen habe etwas mit den Taten zu tun, erwies sich nicht als Schlüssel zur Aufklärung.

Anfang 2017 stellte sich heraus, dass die DNA-Spur neben Peggys Leichnam durch einen Fehler der Kriminaltechnik eingebracht worden war. Die Soko aber wurde nicht wieder aufgelöst. Sie blieb bestehen. Rund 20 Mitarbeiter sollten die drei Thüringer Fälle neu aufrollen.

Sie standen vor einem kaum zu überblickenden Aktenberg aus Vernehmungsprotokollen, Obduktionsberichten und Tatortbeschreibungen. Etwa 120 Leitz-Ordner umfasst allein das Aktenmaterial im Fall von Bernd B., rund 180 sind es bei Ramona K., 20 bei Stephanie D. „Das alles im Kopf zu behalten, ist nicht möglich“, sagt Lutz Schnelle. Der 51 Jahre alte Polizeidirektor leitete die Soko bis Dezember vergangenen Jahres. Um des Materials Herr zu werden, setzte die Soko ein neu entwickeltes Fallbearbeitungssystem („FBS-Thüringen“) ein. Im Fall Stephanie D. tippten die Mitarbeiter die Unterlagen – sie waren Anfang der 1990er Jahre noch auf der Schreibmaschine geschrieben worden – Blatt für Blatt ab und speisten die Informationen in das System ein. Die jüngeren Akten aus den Fällen Bernd B. und Ramona K. ließen sich größtenteils einscannen. Diese Arbeit nahm ein Dreivierteljahr in Anspruch. Danach aber konnten die Ermittler den gesamten Aktenbestand aus allen drei Fällen nach Stichwörtern oder Personen durchsuchen. Auch ließen sich Zusammenhänge in Netzen darstellen und Verknüpfungen aufzeigen, etwa welche Personen welches Auto gefahren hatten. Das Programm, eigentlich noch in der Pilotphase, „hat uns wahnsinnig geholfen“, sagt Schnelle. Die Arbeit sei effizienter, der Überblick der Ermittler wesentlich größer gewesen.

Den Verdacht, dass Hans-Joachim G. der Mörder von Stephanie D. sein könnte, hatte als Erstes die Ermittlungsleiterin der Soko, Claudia Becker. Die Kriminalhauptkommissarin ist 42 Jahre alt. Als Stephanie D. starb, war sie selbst noch ein Teenager. Anfang 2017 arbeitete sie sich tagelang durch die Akten zum Tötungsfall von Bernd B., auf dem zunächst wegen der Verbindung zum Jugendfreund von Uwe Böhnhardt ein besonderes Augenmerk lag. Ende Februar stieß Becker darin schließlich auf ausführliche Eintragungen zu Hans-Joachim G. Dieser war in dem Fall Bernd B. ins Blickfeld der Ermittler geraten, bei Stephanie D. aber offenbar übersehen worden. Hans-Joachim G. hatte schon in der DDR wegen sexuellen Missbrauchs vor Gericht gestanden und war vom Landgericht Gera Mitte der 1990er Jahre zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt worden. Im Fall Bernd B. war er jedoch als Tatverdächtiger ausgeschieden, weil er für den Tatzeitpunkt ein Alibi hatte. Als Becker in der Akte las, entdeckte sie frappierende Parallelen zwischen dem Fall Stephanie D. und den Verbrechen, derer Hans-Joachim G. zum Zeitpunkt der Ermittlungen nach dem Tod von Bernd B. 1993 schon überführt worden war. Becker las den Eintrag dreimal hintereinander, dann informierte sie ihre Kollegen. Die Ähnlichkeiten seien beklemmend gewesen, sagt die Ermittlerin. Fortan nahm die Thüringer Soko Hans-Joachim G. ins Visier.

Es gab jedoch noch fünf weitere Personen, die mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit als Täter in Frage kamen. Im April 2017 begannen auch die Mitarbeiter der Operativen Fallanalyse (OFA) des Landeskriminalamts Nordrhein-Westfalen mit ihrer Arbeit. Diese LKA-Beamten haben viel Erfahrung mit der Ermittlungsarbeit in Sexual- und Tötungsdelikten und eine mehrjährige Fortbildung absolviert, ehe sie zur OFA gekommen sind. Im Fall Stephanie D. sollten sie ein Profil des Täters erstellen und vor allem überprüfen, inwieweit Hans-Joachim G. für die Tat in Frage kommt. Die Beamten, inspiriert durch amerikanische Filme auch „Profiler“ genannt, arbeiten teilweise mit ungewöhnlichen Methoden. Sie stellen etwa bestimmte Tatsequenzen mit Puppen nach, um das Verhalten des Täters besser einschätzen zu können. Im Fall Stephanie D. fuhren sie auf den Neubau der Teufelstalbrücke, um nachzuvollziehen, wie und warum genau dort der Täter das Kind von der Brücke geworfen hatte.

Der Erste Kriminalhauptkommissar Andreas Müller ist der Leiter der Abteilung. Der 56 Jahre alte Polizist, ein drahtiger Mann mit rheinischem Zungenschlag, sieht seine Truppe als Teamarbeiter und Dienstleister für Kripobeamte, die sich eine unabhängige Einschätzung ihrer Ermittlungsarbeit wünschen.

Eine solche Unterstützung hat Müller selbst Mitte der 1990er Jahre vermisst. Damals war die Fallanalyse in Deutschland noch eine exotische Pionierarbeit und Müller Mitarbeiter der Kriminalpolizei Bonn. Er war zu dieser Zeit unter anderem mit der Aufklärung eines Kindermordes betraut. „Dabei habe ich festgestellt: Das normale polizeiliche Knowhow reicht in diesen Fällen nicht aus“, sagt Müller. Auch in einer Mordkommission sei ein Ermittler in der Regel nur sehr selten mit solchen Taten konfrontiert. „Es ist ein Mythos, dass wir in Deutschland oft mit Serienmördern zu tun haben“, sagt Müller. Insbesondere dass Kinder von Fremden entführt und schließlich getötet werden, geschehe relativ selten. Diese Fälle seien daher besonders schwer aufzuklären.

Warum ist dieses Kind zum Opfer geworden? Wieso hat der Täter es auf diese Weise verletzt? Auf solche Fragen habe er erst einmal keine Antwort gefunden, sagt Müller. Später habe er festgestellt, dass auch Kollegen, die in anderen Polizeibehörden und in anderen Bundesländern Kindermorde aufklären mussten, das gleiche Problem hatten. „Es fehlte etwas, das hilft, dieses Täterverhalten zu verstehen.“ In Fällen, in denen es an aufschlussreichen DNA-Spuren mangelt, ist das Verhalten aber die einzige Möglichkeit, dem Täter auf die Spur zu kommen.

Die OFA NRW verfügt inzwischen über einen großen Erfahrungsschatz. Seit 1999 hat sie 600 Fälle analysiert und etwa geholfen, den „Brummimörder“ zu überführen, der Anfang der 2000er Jahre in Nordrhein-Westfalen mehrere Frauen vergewaltigt und getötet hatte. Die Ermittler vermögen noch Jahrzehnte nach der Tat Auffälligkeiten und Besonderheiten im Vorgehen des Täters herauszuarbeiten, die Rückschlüsse auf seine Fähigkeiten, sein Motiv und letztlich auch auf seine Herkunft und Identität ermöglichen. Die Profiler werden so geschätzt, dass sie mittlerweile auch zur Aufklärung von Einbruchsserien oder zur Beratung in besonderen Gefahrenlagen herangezogen werden, zum Beispiel als es galt, den flüchtigen Doppelmörder Marcel H. aus Herne einzuschätzen.

Mit dem Fall Stephanie D. waren vier Mitarbeiter betraut. Bei Missbrauchsfällen ist laut Müller eine wichtige Frage, ob es sich beim Täter um einen sogenannten Kernpädophilen handelt. Täter mit einer solchen Sexualstörung suchen Kontakt zu Kindern, weil sie sich tatsächlich sexuell zu ihnen hingezogen fühlen. Anders sei das Motiv bei „regressiven“ Tätern. Diese, sagt Müller, seien nicht zwingend pädophil, sondern wählen Kinder als schwache Opfer aus, weil sie sie leichter in ihre Gewalt bringen und kontrollieren können als Erwachsene. Solche Täter seien meist persönlich frustriert und nicht in der Lage, stabile sexuelle Beziehungen mit Erwachsenen zu führen.

Besonders auffällig war, dass der Täter Stephanie D. sedierende Medikamente verabreicht hatte. „Das ist sehr ungewöhnlich“, sagt Müller. Wie Claudia Becker und die Thüringer Ermittler kamen die LKA-Analysten zu dem Schluss, dass zwischen dem Fall von Stephanie D. und den Taten, für die Hans-Joachim G. bereits verurteilt worden war, zahlreiche Parallelen bestanden. Für Hans-Joachim G. als Täter sprach auch, dass er in der Region aufgewachsen war. „Derjenige, der Stephanie entführt hat, kannte sich in Weimar so gut aus, dass er einen Bezug zu dieser Region gehabt haben muss“, sagt Müller. Täter ziehe es oft an Orte, an denen sie sich auskennen, aber nicht mehr wohnen würden.

Im Frühjahr 2017 stellten die Profiler den Ermittlern der Soko Altfälle ihre Erkenntnisse vor. Die Tätercharakteristik des Berichts habe mit den Erkenntnissen über Hans-Joachim G. in hohem Maße übereingestimmt, sagt der ehemalige Soko-Chef Lutz Schnelle. Derart bestärkt in ihrer Hypothese, konzentrierten die Thüringer ihre Ermittlungen zunehmend auf den Lastwagenfahrer. Als die anderen Verdächtigen als Täter ausgeschlossen waren und die Festnahme von G. bevorstand, versuchte eine Psychologin abzuschätzen, wie er auf den Zugriff reagieren würde. Sie bereitete die beiden Vernehmer auch auf das Gespräch mit G. vor. Dafür analysierte sie Videos, die während der Observationen von dem Mann angefertigt worden waren. Noch in seiner Wohnung gestand G. schließlich, Stephanie D. gekannt zu haben. Bei der anschließenden Vernehmung gab er Wissen preis, über das nur der Täter verfügen konnte. G. muss nun mit einer lebenslangen Haftstrafe rechnen.

Die Ermittler der Soko „Altfälle“ setzen derweil ihre Arbeit fort, denn die Mörder von Bernd B. und Ramona K. sind weiterhin nicht gefunden. Auch wird überprüft, ob Hans-Joachim G. noch für andere Taten in Frage kommt.

Quelle: F.A.S.
Jörn Wenge
Volontär
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenUwe BöhnhardtPolizeiWeimarStaatsanwaltschaftLKALichtenbergUwe MundlosBeate Zschäpe