Mindestens 25 Opfer

Wurden an einer Wiener Schule Missbrauchsfälle vertuscht?

Von Stephan Löwenstein, Wien
22.09.2022
, 18:19
Szene in einem Klassenzimmer (Symbolbild)
Seit 2019 wissen österreichische Behörden von einem Lehrer, der mehrere Jungen missbraucht haben soll. Die Taten fanden offenbar in und außerhalb der Schule statt.

An einer Mittelschule der Stadt Wien ist es jahrelang zu Missbrauch von Schülern durch einen Lehrer gekommen. Etwa 1000 ehemalige Schüler wurden diese Woche von einer Kommission der Schulbehörde mit der Nachricht kontaktiert, dass „der Vorwurf von Über­griffen im Raum“ stehe, die man „so umfassend wie möglich aufklären“ wolle. Den Behörden bekannt ist der Fall schon seit 2019, als bei dem Lehrer auf eine Anzeige hin eine Hausdurchsuchung gemacht wurde und der Mann wenige Tage später Suizid beging. Öffentlich bekannt wurden die Vorgänge aber erst im Mai dieses Jahres im Zuge von Berichten über einen anderen Missbrauchs­verdacht an einem Wiener Kindergarten.

Im Mai war allerdings noch abwehrend davon die Rede, es stehe fest, dass es zu Missbrauchshandlungen „ausschließlich außerhalb der Schule“ gekommen sei. Das ist nach den Ermittlungen inzwischen jedoch nicht mehr haltbar, wie die Zeitung „Der Standard“ berichtet. Es gebe Aussagen, wonach sexueller Missbrauch auch im schulischen Bereich stattgefunden habe, etwa in der Turnhalle oder während einer Sportwoche. Er soll umfangreiches kinderpornographisches Material besessen haben, das er zum Teil von seinen Schützlingen angefertigt habe. Weil der mutmaßliche Täter aber nicht mehr am Leben ist, sind die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen ein­gestellt und ist das Beweismaterial vernichtet worden.

Der Pädagoge war seit Mitte der Neunzigerjahre an der Schule tätig, außerdem als Trainer in Wiener Sportvereinen und als Betreuer in einem Feriencamp. Er wird als beliebt beschrieben und sei auch Vertrauenslehrer gewesen. Die Rede ist bislang von Missbrauchstaten an Jungen zwischen neun und 14 Jahren seit mindestens 2004.

Polizei soll Bildungsbehörde um Zurückhaltung gebeten haben

Als der Fall im Mai bekannt wurde, wies die Wiener Bildungsdirektion Vorwürfe zurück: Die Sache sei keinesfalls „vertuscht oder geheimgehalten“ worden. Vielmehr sei die „relevante Öffentlichkeit“ informiert worden, nämlich Eltern, Schüler, Kollegium und Jugendschutzbehörden. Eltern und Schulpsychologen hätten sich dafür ausgesprochen, „damit nicht offensiv rauszugehen“, hieß es laut Austria Presseagentur. Allerdings wurde eine Unter­suchungs­kommission gebildet. Nunmehr heißt es: „Die Staatsanwaltschaft hat uns darüber informiert, dass sich die Vorfälle ab 2004 ereignet haben. Daher konzen­triert sich die Bildungsdirektion für Wien im Moment auf diesen Zeitraum.“

Zunächst soll außerdem die Polizei auch nach dem Suizid des Lehrers die Bildungsbehörde um Zurückhaltung ge­beten haben, um Ermittlungen nicht zu gefährden. Dabei sei es um die Frage gegangen, ob es Mittäter oder Mitwisser gegeben habe. Die von der Bildungs­direktion eingesetzte Untersuchungskommission habe festgestellt, dass es seitens der Schulleitung oder anderer Lehrer nicht zu dienstrechtlichen Vergehen gekommen sei. Der Lehrer sei offenbar trotz seiner jahrelangen Missbrauchstaten an der Schule nicht im Gerede gewesen. Die Wiener Schulen wurden daraufhin angehalten, ein Kinderschutzkonzept einzuführen, das jährlich evaluiert und geprüft wird.

Den Ermittlungen der Polizei zufolge gibt es mindestens 25 Opfer. Nach einer Anzeige wurde im Mai 2019 bei dem Lehrer eine Hausdurchsuchung vorgenommen. Wenige Tage später beging er Suizid. Die Einzelheiten und Dimensionen des Falls sind laut „Standard“ der Schule und der Wiener Bildungsdirektion spätestens seit Herbst 2019 bekannt. Die Kommission aus Mitgliedern der Bildungsdirektion, der Kinder- und der Jugendanwaltschaft sowie der Kinder- und Jugendhilfe wurde 2020 eingerichtet. Nun sollen demnach rund 1000 ehemalige Schüler sowie ehemalige Pädagogen, die an der Schule seit 2004 tätig waren, das Schreiben erhalten. Darin heiße es: „Als Schulbehörde ist es uns ein Anliegen, die Umstände so umfassend wie möglich aufzuklären.“ Sollten ehemalige Schüler oder Schülerinnen dazu Fragen haben oder Unterstützung brauchen, könnten sie sich an entsprechende Stellen wenden.

Quelle: F.A.Z.
Autorenportät / Löwenstein, Stephan
Stephan Löwenstein
Politischer Korrespondent mit Sitz in Wien.
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