Versuchter Mord vor Gericht

Trink mal, schmeckt wie Urlaub

Von Anna-Elisa Jakob
13.04.2021
, 11:34
Vergifteter Likör, aufgeschlitzte Pulsadern – die Anklage liest sich wie das Skript eines Krimis: Zwei Frauen haben gemeinsam versucht, den Mann der einen zu töten. Nun stehen sie in Heidelberg vor Gericht.

Es ist Sonntagabend, Muttertag, als Maria F. vor seiner Tür steht. Sein Haus ist ein großes in einer kleinen Stadt. Region Rhein-Neckar, rundherum Wiesen und keine öffentlichen Verkehrsmittel. Für ihn ist sie damals hergezogen, 2009 die Geburt der Tochter, dann die Hochzeit und zehn Jahre Ehe, mit wohl mehr schwierigen als sorglosen Tagen. Als sie sagte, sie könne in diesem Haus nicht mehr leben, wollte er ihr ein neues bauen, doch sie zog aus, weg von ihm.

Manchmal kam er noch vorbei, reparierte etwas in ihrer neuen Wohnung, nur fünf Kilometer entfernt. Er dachte: Da ist noch was zwischen uns. Sie soll ihm Briefe geschrieben haben, sie vermisse ihn. Und als er irgendwann das Hochzeitsfoto abhängte, sei sie wütend abgerauscht. Manchmal brachte er ihr mit, was vom Mittagessen übrig geblieben war. Nein, seine Frau habe ihm nie etwas vorbeigebracht, sagt Jürgen F. nun vor Gericht. Außer am 10. Mai 2020, Muttertag. Da stand sie vor der Tür mit Würstchen und Kartoffelgratin und einer Flasche Likör.

Die Anklage liest sich wie das Skript eines Dorfkrimis, wie eine „folie à deux“ vom Lande: Zwei Freundinnen sollen versucht haben, den Ehemann der einen umzubringen. Indem seine Frau Maria F. ihn erst mit vergiftetem Likör sedierte, das Badfenster offen ließ, damit ihre Mitbewohnerin und Angestellte Angelika H. durchschlüpfen und dem betäubten Jürgen F. die Pulsadern aufschlitzen konnte. Es sollte aussehen wie ein Suizid. Die Tatwaffe ist unklar, diskutiert wird vor Gericht ein Ceranfeldschaber.

Die giftmischende Hausfrau ist ein Klischee aus Film und Literatur, das die Kriminologie widerlegt hat. Ja, Frauen töten statistisch betrachtet seltener als Männer, und wenn, dann sind ihre Opfer meist Kinder oder Partner. Doch Frauen töten nicht weniger blutig oder brutal. Gewalt ist manchmal erschreckend banal, das zeigt sich gerade vor dem Landgericht Heidelberg.

Georg Schmitt wuchtet zwei Ordner in den Zeugenstand. Der Chemiker und Toxikologe berichtet, wie er im Institut für Rechtsmedizin in Heidelberg Würstchen inspiziert, Kartoffelgratin zerkleinert und homogenisiert habe. Auf beiden findet er Spuren der Medikamente, die auch Angelika H. einnimmt. Wirkstoff Benzodiazepine, genauso wie auf Asservat 15.1.

Asservat 15.1 ist ein Schnapsglas. Bauchig, kleiner Henkel, Aufschrift: „Tunel de Mallorca“. So heißt ein Kräuterlikör von der spanischen Insel: giftgrün, mit Minze, Anis, Rosmarin. Als sie ihn am Muttertag besuchte, soll Maria F. gesagt haben: Trink mal, schmeckt wie aus unserem Sommerurlaub. Und Jürgen F. trank. Vielleicht drei, vielleicht vier Gläser. Bis ihm schwindlig wurde, er nicht mehr gehen konnte. Benzodiazepine haben eine sedierende Wirkung, sie machen müde, lassen Muskeln schlaff werden. Auf dem Glas sind seine Spuren, das vergiftete Gratin hat er nicht angerührt. Nur weil er „schon gegessen“ habe, mit seiner Mutter und seiner neuen Freundin. Du stellst die Neue schon deiner Mutter vor? Das hatte ihm Maria F. vor ihrem Besuch geschrieben. Sie half ihrem Mann noch ins Bett, dann fuhr sie wieder.

Schnittwunde mitten durch die Arterie

Es gibt Aufnahmen einer Überwachungskamera vom Nachbarhaus. Darauf sieht man, wie ein Auto um 23.09 Uhr die Einfahrt verlässt. Um Mitternacht ist darauf eine Person zu erkennen, die zum Haus geht, sich eine Kapuze über den Kopf zieht. Ermittler und Jürgen F. identifizierten sie als Angelika H., die Mitbewohnerin. Um 00.40 Uhr ist auf der Aufnahme ein stark blutender Jürgen F. zu sehen, wie er in Unterhose auf die Straße taumelt, zum Haus gegenüber, bei den Nachbarn klingelt, sich am Auto abstützt, zusammenbricht. Seine Blutspur kann die Polizei später zurück bis ins Schlafzimmer verfolgen. Dort ein Doppelbett, fliederfarbene Wände, weiße Spitzengardinen. Und überall Blut, davon hat F. in kurzer Zeit eine ganze Menge verloren. Der Gutachter sagt, die Schnittwunde am Unterarm – zehn Zentimeter lang, zwei Zentimeter tief, mitten durch die Arterie – hätte tödlich sein können. Versuchter Mord, so lautet die Anklage.

Sitzungspause in Heidelberg, hinten öffnet sich die Tür, kurz schallt Lachen durch den Saal. Angelika H. schäkert mit einem Wachmann, geht zu ihrem Stuhl, hintere Reihe der Anklage. Während die Ehefrau Maria F. teilnahmslos wirkt, sich abwendet, wenn Fotos gezeigt werden, ist Angelika H. hellwach. Sie rutscht auf dem Stuhl hin und her, manchmal notiert sie etwas. Wenn Zeugen sprechen, nickt die 58-Jährige oder schüttelt den Kopf.

Dass Angelika H. nachts in sein Schlafzimmer eingedrungen ist und ihm den linken Arm aufgeschnitten hat, das hat sie zum Prozessauftakt gestanden. Auch eine Entschuldigung ließ sie verlesen. Er habe sie immer als fleißig empfunden, sagt Jürgen F. Hilfsbereit sei sie gewesen, gut zu seiner Tochter. Aber er dachte auch, seine Frau und ihre Angestellte, das sei doch ein geschäftliches Verhältnis. Das müsse doch nicht gar so privat werden. Im vergangenen Jahr zog H. bei F. und ihrer Tochter ein.

Gewalt in der Kindheit

Vor Gericht zeigt sich: Angelika H. hat mehrere Vorstrafen. In den vergangenen Jahren habe sie mehrmals versucht, sich selbst zu töten, musste wohl seit ihrer Kindheit immer wieder Gewalt erleben. Bei einer Hausdurchsuchung findet die Polizei eine Vielzahl an Rasierklingen in ihren Blumentöpfen. Angelika H. sagt: Sie habe aus Angst vor Maria F. gehandelt. Die Mitbewohnerin beschreibt die 36-jährige Mutter vor Gericht als laut und aufbrausend. Auch ihr Ehemann und eine Nachbarin bestätigen das.

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Maria F. sagt, sie habe nichts von den Medikamenten im Likör gewusst. Als sie ihren Mann im Krankenhaus anruft, habe er gefragt: „Was hast du mir gegeben?“ Nichts, habe sie geschluchzt, bis ihr Angelika H. den Hörer abnahm. Dass die Mitbewohnerin seiner Frau etwas mit dem Vorfall zu tun habe, habe er nicht gedacht, bis er sie auf dem Überwachungsvideo erkannt habe, sagt Jürgen F.

Die Motive sind noch unklar

Es gibt ein Buch des Schriftstellers und Psychiaters Alfred Döblin: „Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord“. Döblin beschreibt, wie zwei Frauen, die unter ihren Ehemännern gelitten hatten, zusammenziehen, ein Paar werden und beschließen, die Männer zu vergiften. Das Urteil fiel milde aus, Justiz und Wissenschaft fanden nach Döblins Feder in der Beziehung ein gesellschaftlich akzeptables Motiv für die Tat. Im Epilog geht es Döblin um die Gefahr, psychoanalytische Erklärungen zu finden, wo vielleicht gar keine sind.

In Heidelberg werfen Anklage und Verteidigung Motive hin und her: War es Habgier? War es Eifersucht? Die Ehefrau soll Angst vor der Scheidung gehabt haben, die Mitbewohnerin hohe Schulden.

Und dann gibt es noch eine Wendung: Ein paar Wochen nach der Tat, die zwei Frauen waren noch auf freiem Fuß, bekam Jürgen F. einen Anruf. Seine Frau sei überfallen worden, beim Gassigehen, Schnittwunden am Hals. So oberflächlich, sagt ein Gutachter dem Gericht, dass sie sich diese eigentlich nur selbst zugefügt haben könne. Zufällig kam auch Angelika H. vorbei und sagte, das sei bestimmt der Ehemann gewesen. Seine Frau soll nur genickt haben. Später hat man die beiden Frauen festgenommen, seitdem sitzen sie in Untersuchungshaft. Die Scheidung ist eingereicht, die Tochter wohnt bei ihrem Vater. Das Urteil soll noch im April fallen.

Quelle: F.A.S.
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